Nadine Jarosch und ihr Leben nach dem Turnen: Die Olympia-Teilnehmerin von 2012 ist im Studium auf der Zielgeraden
Ein harter Schlag für Spitzensportler

Werther (WB). Zwei Kreuzbandrisse, ein Meniskusschaden – mittlerweile ist es fünfeinhalb Jahre her, dass sie verletzungsbedingt 2014 ihre Leistungssportkarriere aufgeben musste. Nadine Jarosch hat gedanklich Abstand gewonnen zum harten Brot des täglichen Trainings, aber auch zu den glanzvollen Wettkampfauftritten als Turnerin vor tausenden von Zuschauern. Dennoch spürt die 24-Jährige, was in vielen hundert Top-Athleten in aller Welt vorgegangen ist, als jetzt die Olympischen Spiele in Tokio wegen der Corona-Krise um ein Jahr verschoben wurden.

Montag, 06.04.2020, 23:54 Uhr aktualisiert: 07.04.2020, 05:03 Uhr

„Olympia ist das höchste der Gefühle für einen Leistungssportler. Auch wenn viele das Erlebnis hoffentlich 2021 nachholen können: Ich kann vollkommen verstehen, dass sie jetzt erst mal am Boden zerstört sind“, sagt die Wer­theranerin. Denn der Formaufbau für internationales Spitzenniveau ist nicht vergleichbar mit einem halben Jahr Training für den Hermannslauf. „Mental ist so eine Absage ein harter Schlag. In vielen Sportarten ist ein Zyklus von vier Jahren auf dieses eine Ziel ausgerichtet. Du willst genau für diesen bestimmten Tag im Sommer topfit sein. Da ist es extrem schwierig, ein ähnlich hohes Niveau zu erreichen, wenn sich alles um ein Jahr verschiebt“, weiß Jarosch. Sie betont aber auch: „Die Verschiebung war die einzig richtige Entscheidung.“

Das Turn-ABC an den Geräten lernte Nadine Jarosch bei Uta Entgelmeier im TV Werther, am Leistungsstützpunkt in Detmold veredelte sie ihr Talent unter Anleitung von Michael Gruhl und Hans-Joachim Dörrer. Als 17-Jährige hat sie Olympia 2012 in London erleben dürfen, setzte sich dann eine weitere Teilnahme für Rio de Janeiro 2016 fest zum Ziel. Und musste am eigenen Leib erfahren, wie der Traum vom zweiten Auftritt beim weltgrößten Sportereignis platzte. Für Nadine Jarosch bedeutete ihr Verletzungspech in den Jahren 2013 und 2014 sogar das endgültige Aus im Leistungssport. Der zweite Kreuzbandriss innerhalb von 15 Monaten war von einem Meniskusschaden begleitet, die Stunden rund um die entscheidende Operation wird die Turnerin aus Leidenschaft nie vergessen. „Der Arzt sagte: Nur wenn ich den Meniskus retten kann, ist Rio 2016 realistisch. Aber er musste entfernt werden und damit war meine Laufbahn beendet“, erinnert sich Jarosch.

Ein Moment, der ihr ganzes Leben veränderte: „Da brach für mich zunächst mal eine Welt zusammen, mein Alltag war ja bis dahin voll auf den Sport ausgerichtet.“ Aber die Zielstrebigkeit, mit der sie bis zuvor täglich mehrere Stunden trainiert und „nebenbei“ noch das Abi gebaut hatte, half ihr auch beim Übergang in ein neues Leben. „Ich bin super happy, wie sich seitdem alles entwickelt hat“, sagt die Wahl-Kölnerin heute. „Super happy“ und auch ein bisschen stolz, dass sie das Bachelor-Studium erfolgreich bestanden hat und seit anderthalb Jahren an der Uni Bonn mit dem darauf aufbauenden Master-Studiengang im Fach Medienwissenschaft voll im Plan liegt.

In einem Jahr hofft sie dann, das Master-Diplom in Händen zu halten und in der Medienstadt Köln auch beruflich Fuß zu fassen. Sportliche Ambitionen konzentrieren sich ganz auf die Kategorie „Fitness und Freizeitvergnügen“. Für die Zeit ohne Corona-Einschränkungen galt – und gilt hoffentlich bald wieder: „Ich gehe ab und an ins Fitnessstudio oder mache ein bisschen Zumba.“ Wenn sich das lädierte Knie mitunter meldet, tut Yoga gut.

Nadine Jarosch genießt es jedenfalls, neben der Arbeit auf der Zielgeraden des Studiums immer wieder mal einige Urlaubstage mit ihrem Freund einbauen zu können. Ambitionen, ins Trainergeschäft einzusteigen, hegt die WM-Zehnte im Mehrkampf von Tokio 2011 nicht: „Ich habe im Leistungszentrum Köln zwei Jahre lang sechs- und siebenjährige Mädchen trainiert. Das hat mir mit den Kindern auch sehr viel Spaß gemacht“, sagt sie und unterstreicht ihre Bewunderung für alle, die darin auch ihre berufliche Leidenschaft sehen. Die 24-Jährige sieht ihre berufliche Zukunft jedoch in der Medienbranche und nicht in der Turnhalle.

Die betritt sie inzwischen am liebsten, wenn sie vom Landesleistungszentrum Detmold zum Weihnachtsturnen in ihre langjährige sportliche Heimat eingeladen wird. Oder wenn sie einen Abstecher zur Familie nach Werther macht und zuschaut, wenn ihr Bruder Fabian als talentierter Handballer für die Oberliga-C-Jugend der JSG Werther/Borgholzhausen seine Tore wirft. Der Kontakt zur Familie in Werther ist nach wie vor ganz eng – wird aber zu Ostern 2020 wie bei so vielen anderen eine Fernbeziehung.

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