Olympia-Teilnehmerin Nadine Jarosch aus Werther weiß nach dem Karriere-Aus ihr neues Leben zu schätzen Studium statt Stufenbarren

Werther  (WB). 2011 hat sie in Tokio ihr WM-Debüt gegeben, 2012 in London auf der großen Olympia-Bühne geturnt. Nach zwei Kreuzbandrissen studiert die Wertheranerin Nadine Jarosch heute in Köln – und lernt die Vorzüge des normalen Lebens kennen.

Von Johannes Doerfert
Im Kölner Leistungszentrum gibt Nadine Jarosch ihr Wissen und ihre Erfahrungen an den Nachwuchs weiter. Kleinere Übungen kann sie vormachen. Mehr lässt das lädierte Knie nicht mehr zu.
Im Kölner Leistungszentrum gibt Nadine Jarosch ihr Wissen und ihre Erfahrungen an den Nachwuchs weiter. Kleinere Übungen kann sie vormachen. Mehr lässt das lädierte Knie nicht mehr zu.

Es fällt Nadine Jarosch noch immer nicht leicht, über ihre erste schwere Verletzung zu sprechen. »Das war einen Tag  vor den Deutschen Meisterschaften in Mannheim. Im abendlichen Training schaffte ich im Sprung nicht die ganze Schraube und verdrehte mir das Knie.« 2013 war das, nach ihrem starken WM-Debüt in Tokio und der Olympia-Teilnahme in London. Ihr Ziel in dieser Zeit war die nächste Olympiade: 2016 wollte sie in Rio erneut die Weltspitze angreifen.

Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Auf den ersten Kreuzbandriss folgte 15 Monate später ein zweiter. Die komplizierte Verletzung bedurfte einer schwierigen Operation. »Mein Arzt hatte mir gesagt, dass er nicht wisse, ob er meinen Meniskus retten könnte. Als ich aus der Narkose aufwachte und die Schwester zu mir sagte, dass der Meniskus entfernt werden musste, war mir klar: Das ist das Aus.«

Zu dieser Zeit hatte Jarosch bereits ihr Studium der Medienpsychologie in Köln begonnen, da sie in der Domstadt ihren ambitionierten Turntrainingsplan einhalten konnte. Nach dem Beginn ihrer Karriere beim TV Werther war sie seit ihrem achten Lebensjahr in Leistungszentren aktiv, zunächst in Detmold, dann in Köln. »Als nach der zweiten Verletzung klar war, dass ich keinen Leistungssport mehr ausüben könnte, begann für mich ein neuer Lebensabschnitt.« Der Verzicht auf ihre Herzensangelegenheit Turnen »brach mir zwar das Herz, doch es war gesundheitlich die einzige richtige Entscheidung«, berichtet die 22-Jährige.

Und so veränderte sich mit einem Schlag ihr Alltag: »Zur Schulzeit bin ich um sechs Uhr morgens aus dem Haus und war erst um acht Uhr abends zurück.« Neben den langen Tagen war die Jugend der Leistungssportlerin durch weitere Entbehrungen geprägt. Im neuen Lebensabschnitt kann sie jetzt selbstbestimmter entscheiden: »Ich muss nicht mehr bei jedem Essen an meinen Ernährungsplan denken oder der Dopingkontrolle mitteilen, wo ich gerade bin.«

Diese Art von Freiheit ist das, was Nadine Jarosch nun am meisten schätzt. Neben ihrem Studium kann sie in Köln die Beziehung zu ihrem Freund pflegen, ein anderes Umfeld kennenlernen und selbst entscheiden, wann sie wo sein möchte. Und so ersetzt für sie nun die Domplatte den Turnboden und statt in der Sporthalle schwitzt sie im Hörsaal. Im Studium gefällt ihr der Fokus auf die psychologischen Themen, bald wird sie ihre Bachelorarbeit darüber verfassen. »Danach würde ich gerne einen Master machen, in dem ich mich weiter spezialisieren kann«, so Jarosch über ihre Studienpläne.

Trotz ihrer persönlichen Weiterentwicklung hat sie die Turnwelt nie aus den Augen verloren. »Wenn Wettbewerbe stattfinden, schaue ich mir das gerne im Live­stream an. Ich habe auch noch Kontakt zu einigen Turnerinnen und wünsche ihnen natürlich nur das Beste.« Nach ihren Verletzungen fiel es Jarosch zunächst schwer, die Turnhalle zu betreten und anderen Aktiven zuzusehen. Doch trotz ihrer anfänglichen Skepsis gibt sie ihre Erfahrungen mittlerweile an den Nachwuchs weiter: »Im Kölner Leistungszentrum trainiere ich die 6- bis 7-jährigen Turnmädchen«, erklärt die Wertheranerin ihre Tätigkeit. »Die Arbeit mit den Kindern macht mir sehr viel Spaß.« Wenn sie in ihre Heimat fährt, besucht sie Fußball- oder Handballspiele ihres Bruders Fabian und feuert die von ihrer Mutter Dagmar trainierte Handballjugendmannschaft des TV Werther an.

Selber aktiv sein kann Jarosch jedoch nur noch bedingt. »Ich gehe ab und zu joggen oder ins Fitnessstudio und zeige den Turnmädchen kleinere Übungen an den Geräten.« Doch die Folgen ihrer Verletzung spürt sie bis heute im Alltag: »Ich hab immer wieder Schmerzen. Das zeigt mir, dass das Karriereende alternativlos war.« Aber auf ihr Sportlaufbahn kann ja nun eine Karriere im Medienbereich folgen.

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