Football-Experte Heiko Schreiber fiebert dem Super Bowl entgegen und blickt auf seine eigene Karriere zurück
Ein Abschied wie in Hollywood

Steinhagen -

Die Nacht zum kommenden Montag, 0.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit: Kickoff zum 55. Super Bowl, dem höchsten Feiertag der weltweiten Fan-Gemeinde des American Football. Normalerweise würden auch in Deutschland die Sportsbars aus allen Nähten platzen, in Kellerbars mit Beamer-Ausstattung oder Großbild-TV feuchtfröhliche Endspiel-Partys steigen. Aber Corona macht das sportlich hochinteressante Finale der US-Profiliga zwischen Herausforderer Tampa Bay Buccaneers und Titelverteidiger Kansas City Chiefs zur stillen Stunde für Taktikexperten und Football-Feinschmecker. So wie Heiko Schreiber aus Steinhagen.

Donnerstag, 04.02.2021, 18:14 Uhr aktualisiert: 04.02.2021, 18:16 Uhr
Das Beste kommt zum Schluss. Kurz vor dem Ende seiner letzten Partie gegen Ex-Klub Paderborn Foto: Bulldogs

Der 50-Jährige ist zweifellos der profilierteste Experte für den amerikanischen Nationalsport im Altkreis: Als Spieler war er seit 1990 maßgeblich am Aufschwung der Bielefeld Bulldogs beteiligt und gab sein Wissen auch an den Nachwuchs weiter, während eines dreijährigen Intermezzos schnupperte er bei den Paderborn Dolphins Bundesliga-Luft. Nach seinem letzten Spiel als Wide Receiver 2016 engagiert er sich als Vizepräsident Sport für die nachhaltige Entwicklung des American Football im Bielefelder Klub.

 

Super Bowl

Vor dem aktuellen Super Bowl elektrisiert Schreiber die spannende Konstellation der beiden so unterschiedlichen Finalisten: „Ich bin kein Fan einer bestimmten Mannschaft, sondern hoffe auf ein schönes Spiel. Und diesmal spricht alles dafür, dass es sehr knapp werden kann. Da kann ich auch verschmerzen, dass wegen Corona der Rahmen fehlen wird, der so ein ur-amerikanisches Event für viele erst ausmacht: die Halbzeit-Show und die Emotionen auf den Rängen.“

Diese Einschränkungen sind ein dickes Manko für den Emporkömmling Tampa. Denn der Klub aus der Küstenstadt in Florida spielt zwar im eigenen Stadion. Doch der Heimvorteil wird wegen der Pandemie-Bestimmungen (nur 22.000 zugelassene Fans in der 66.000-Zuschauer-Arena) wesentlich weniger ins Gewicht fallen als im Normalfall. „Das muss sich für Spieler und Fans so ähnlich anfühlen wie vor einem Jahr in Bielefeld: Arminia ist aufgestiegen – aber sie können es im leeren Stadion und in der Stadt gar nicht richtig feiern“, zieht Heiko Schreiber Vergleiche zu seinem Fußball-Lieblingsklub. „Für Tampa hätte ein voll besetztes Heimstadion noch mal einen Riesenschub bedeutet.“

Trotzdem traut der Steinhagener dem Überraschungsfinalisten einiges zu. Nach ihrem einzigen Super Bowl-Gewinn 2002 und der bisher letzten Play-off-Teilnahme 2007 sind die Bucccaneers (zu deutsch: Freibeuter) urplötzlich aus dem Mittelmaß der National Football League (NFL) an die Spitze geschossen. Quarterback-Legende Tom Brady (42), seit dieser Saison nach 20 Jahren bei den New England Patriots neue Führungskraft in Tampa, hat das zuvor wenig furchterregende Kaperschiff flott gemacht. „Natürlich ist er mit sechs Super Bowl-Siegen der Stratege, der auch im Finale den Unterschied ausmachen kann. Genauso wichtig ist aber die mannschaftliche Geschlossenheit. Vor allem in der Defense, denn die muss Kansas’ überragend explosive Offensive in Schach halten“, analysiert Heiko Schreiber.

Der Steinhagener nennt beim Titelverteidiger Quarterback Patrick Mahomes und die pfeilschnellen Wide Receiver Tyreek Hill und Mecole Hardman als gefährlichste Waffen. Die Chiefs, die „Häuptlinge“ aus dem Bundesstaat Missouri, haben in dieser Saison ihren ersten Super Bowl-Triumph aus dem Vorjahr bestätigt. In der Tabelle der NFL-Conference AFC West setzten sie sich mit 14:2 Siegen an die Spitze, ihr Play-off-Halbfinale gegen die Buffalo Bills gewannen sie nach 0:9-Rückstand noch souverän 38:24 und seit 2015 ist der Klub immer in den Play-offs dabei. Diese Fakten stempeln die Chiefs auch für Schreiber zum leichten Favoriten, aber er hofft zuversichtlich auf ein enges Match.

Vielleicht wird es ja für eines der beiden Teams ein so unauslöschlicher Moment wie die letzte Partie in Heiko Schreibers eigener Football-Karriere.

 

Touchdown kurz vor Schluss im letzten Spiel

 Die Dramaturgie seines Abschieds als Spieler hätte sich der Drehbuchautor eines Sportfilms aus der Traumfabrik Hollywood nicht besser ausdenken können. Im letzten Heimspiel der Zweitliga-Saison 2016 liegt Heiko Schreiber mit den Bulldogs gegen seinen Ex-Klub Paderborn 28:29 zurück. Da hat er kurz vor Schluss diesen Geistesblitz: „Ich weiß eine Passroute, wo ich frei bin. Wirf mir den Ball zu“, überzeugt er den jungen Quarterback Niklas Gorny und Offense-Coach Chris Gawlik von seiner Idee. Gawlik schickt den fast 46-jährigen Oldie noch mal in den Kampf: „Geh aufs Feld und mach’s.“ Und der angesagte Spielzug funktioniert tatsächlich wie im Film: Schreiber fängt den Pass in der Endzone, Touchdown, das Spiel endet 34:29 für die Bulldogs.

Die letzte Aktion einer 27-jährigen Spielerkarriere dreht das Derby, Teamkollegen und Fans feiern den fangsicheren Matchwinner. „Ein Abendspiel unter Flutlicht, Superstimmung mit mehr als 1000 Zuschauern, und weil es zum Saisonschluss ein Homecoming-Game war, hatten sich ganz viele alte Kumpels eingefunden: Etwas Schöneres kann man sich nicht vorstellen. Da war ich wirklich ein rundum glücklicher Sportler nach all der Zeit“, erinnert sich Schreiber. Und doch hebt er im Rückblick nicht den einen Moment hervor, sondern die Summe der Erfahrungen: „Es gab ganz viele emotionale Momente und die wertvollsten dann, wenn wir als Mannschaft etwas erreicht hatten.“

 

Vom Fußball zum American Fußball

Heute gehört Heiko Schreiber (wenn denn wieder in der Halle gekickt werden könnte) zum Aufgebot der Ü40-Fußballer des TSV Amshausen. In den 1980er-Jahren hatte er in den Nachwuchsteams der Spvg. Steinhagen sein Talent am runden Leder mehr als aufblitzen lassen. „Aber nach der A-Jugend kam ich im Fußball irgendwie nicht weiter“, erinnert sich der Steinhagener. Er stemmte im Fitness-Studio Gewichte, um den schmächtigen Oberkörper in Form zu bringen, und erhielt dort den Tipp: „Komm doch mal mit zum Football-Training.“ Für Schreiber ein Schlüsselerlebnis: „Ich war sofort infiziert. Das war genau meins: eine Mischung aus Athletik, Kampfkraft, Intellekt und verschiedenen Spielertypen von 75 bis 150 Kilo, von denen jeder seine Leistung für das Team bringen muss. Wir waren eine eingeschworene Truppe mit unheimlich viel Herzblut“, beschreibt Schreiber die Faszination American Football.

Wie hoch der Teamgedanke über allem steht, hebt er anschaulich hervor: „Wenn du deine Aufgabe nicht erfüllst, kann das deinem Nebenmann buchstäblich sehr weh tun. Und bei den Profis sind Stars wie Mahomes oder Hill ohne die anderen auf dem Feld gar nichts.“

 

Paderborn und Bielefeld

Als bei den Bulldogs ein Generationswechsel stattfand, die Paderborn Dolphins nach Höherem strebten und mit guten wirtschaftlichen Möglichkeiten ehrgeizige Spieler suchten, ergriff Heiko Schreiber die Chance, sich mit den Besten zu messen. Von 1997 bis 1999 (davon zwei Jahre in der ersten Bundesliga) warf sich der Wide Receiver für die Delfine in die Wellen der gegnerischen Defense. Aber im Herzen blieb er ein Bulldog, lotste die Paderborner Amerikaner zuweilen als „Lehrer“ zum Training der von ihm gecoachten Jugendteams. 2000 heuerte er auch als Spieler wieder in Bielefeld an, als die Dolphins nach dem abrupten Abschied ihres Hauptsponsors den Spielbetrieb einstellen mussten.

 

Engagement für die Bulldogs

Zeitweise klopften auch die Bulldogs an das Tor zur ersten Liga, inzwischen haben sie sich als Spitzenteam der dritthöchsten Spielklasse eingependelt: Vor 2020, als die gesamte Regionalliga-Saison Corona zum Opfer fiel, belegte der Bielefelder Klub dreimal in Folge Platz zwei der Staffel West. Heiko Schreiber ist als Vizepräsident Sport auch nach seiner aktiven Laufbahn einer der Steuermänner: „Wir standen kurz vor der ersten Liga, aber die finanzielle Basis und die Vereinsstruktur hätten dazu noch nicht gepasst. Deshalb haben wir uns für ein Konzept mit einem guten Unterbau deutscher Spieler entschieden, die durch einige Ausnahmespieler ergänzt werden. Die Mannschaft soll so hoch wie möglich spielen, aber die Basis muss es zulassen.“

Dafür engagiert sich Schreiber in seiner knapp bemessenen Freizeit, die ihm als Betreiber eines Friseursalons in Halle und Familienvater bleibt: „Meine Frau hat mich immer mega unterstützt. Aus dem Coaching habe ich mich in den letzten Jahren zurückgezogen, weil da die Intensität und der Zeitaufwand höher sind als für einen Spieler.“

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