Tennis: Unterschiedliche Corona-Schutzverordnungen sorgen für Unverständnis
Spieler „wandern aus“ nach Niedersachsen

Halle. (WB). Es ist ja nicht so, dass Christopher Koderisch von den verschärften Corona-Schutzmaßnahmen überrascht worden ist. „Mir war schon immer klar, dass die Wintermonate hart werden würden. Und ich hatte mich vergangene Woche auf Berufsverbot im November eingestellt“, sagt der Tenniscoach, der in der Haller Breakpointbase Kinder und Jugendliche trainiert. Und dennoch ist „Toto“ nach den jüngsten Ereignissen und Wendungen überrascht und gefrustet.

Dienstag, 03.11.2020, 23:50 Uhr
Der Coach musste draußen bleiben. Dienstag haben die Schützlinge von Christopher Koderisch ohne ihn draußen in Eigenregie trainiert. So haben die Breakpoint-Verantwortlichen die Landessportbund-Interpretation der NRW-Coronaschutzverordnung verstanden. Ab Mittwoch dürfen Koderisch und seine Trainer-Kollegen nach Rücksprache mit der Stadt Halle immerhin im Freien Einzeltraining anbieten. Allerdings haben die meisten Außenplätze mittlerweile geschlossen. In Niedersachsen darf dagegen in der Halle gespielt werden. Foto: Stephan Arend

Die gute Nachricht: Individualsportarten, zu denen auch Tennis zählt, bleibt mit maximal zwei Personen gestattet. Doch anders als in vielen anderen Bundesländern gibt es in Nordrhein-Westfalen einschneidende Einschränkungen. So ist Tennis zwar an der frischen Luft, nicht aber in Hallen erlaubt. Allein diese Tatsache sorgt bei vielen Aktiven für Ärger, schließlich hat die Hallen-Saison längst begonnen und die meisten Vereine haben ihre Außenplätze längst winterfest gemacht. Das Argument dieser Tennisspieler: Im Einzel werden die Abstandsregeln mehr als eingehalten. Und wenn zudem Umkleide- und Aufenthaltsräume geschlossen bleiben, besteht auch nach dem Match keinerlei Infektionsgefahr.

Außenplätze geöffnet

Christopher Koderisch und seine Trainerkollegen waren dennoch guter Dinge, den knapp 60 Kindern und Jugendlichen der Breakpointbase auch im Monat November Übungseinheiten anbieten zu können. Zwar sind auch beim TC Blau-Weiß Halle seit Samstag die Außenplätze geschlossen. Im benachbarten Sportpark stehen aber draußen noch zwei Aschenplätze und ein Hardcourt zur Verfügung. „Also haben wir die Trainingspläne so umgeschrieben, dass immer nur zwei Spieler auf dem Platz stehen und der Trainer von außerhalb Anweisungen gibt“, berichtet Koderisch von einem enormen Organisationsaufwand – zumal aufgrund des Schulunterrichts einerseits und der früh einsetzenden Dunkelheit andererseits nur ein deutlich kleinerer Zeitkorridor als beim Hallentraining zur Verfügung gestanden hätte. Doch auch diese Planungen waren zunächst für die Katz, da in NRW auch draußen ein organisierter Trainings- und Sportbetrieb nicht gestattet ist. So ist zumindest von Breakpoint die Landessportbund-Interpretation der NRW-Coronaschutzverordnung verstanden worden. Diese Einschätzung ist vom Westfälischen Tennisverband übernommen und auf der WTV-Homepage veröffentlich worden. Hier heißt es: „Unter dem zulässigen Individualsport wird die selbstorganisierte, individuell betriebene Sportausübung verstanden. Organisierter Trainings- und Sportbetrieb ist, ebenso wie die Ausübung von Mannschaftssport, nicht gestattet.“

Umzug nach Osnabrück

Für die Haller Pläne bedeutete dies ein Rolle rückwärts. „Ich habe allein am Montag-Vormittag 40 Gespräche geführt, um die geplanten Trainingseinheiten wieder abzusagen“, berichtet Koderisch. Am Dienstag-Nachmittag folgte dann die nächste Wende, weil die Stadt Halle laut Koderisch ihre Zustimmung für ein Einzeltraining im Freien gegeben hat, das nun ab Mittwoch auch angeboten werden soll. Das ist aber nur ein schwacher Trost, ebenso wie die per Online durchgeführten Fitnesseinheiten.

Das liegt vor allem daran, dass nur wenige Kilometer entfernt, im benachbarten Melle, Dissen, Bad Rothenfelde oder Osnabrück, die Tenniswelt noch in bester Ordnung ist. In Niedersachsen gelten nämlich ganz andere Corona-Regeln. „Dort dürfen zwei Personen in der Halle spielen und mit einem Coach, der Abstand hält, trainieren. Auch die Punktespiele der Hallenrunde sind nicht generell abgesagt. Vereine können sich einigen, nur Einzel auszutragen“, hat sich Christopher Koderisch informiert. Der Haller Regionalligaspieler hätte sogar für ein Deutsches Ranglistenturnier am kommenden Wochenende im niedersächsischen Isernhagen melden können, das zumindest bis Dienstag nicht abgesagt war.

Ob die Ausrichtung einer solchen Veranstaltung in Zeiten mit wachsenden Infektionszahlen und Lockdown-Maßnahmen in vielen anderen Bereichen passt, das lässt Christopher Koderisch dahin gestellt. Ein Training mit zwei Schülern auf einem Hallenplatz anzubieten, dafür übernimmt er aber mit gutem Gewissen die Verantwortung. Und so haben die Verantwortlichen der Haller Breakpointbase entschieden, nach Niedersachsen „auszuwandern“. In Osnabrück haben sie für das Wochenende wetterunabhängig drei Plätze für jeweils fast den ganzen Tag geblockt. Koderisch: „Das ist schon verrückt, aber die Kinder sind heiß und wollen trainieren.“

Unterstützung fraglich

Was seine Bezahlung als Tennis-Trainer angeht, hat Toto trotz der für November zugesagten Unterstützung nach den Erfahrungen des Frühjahrs keine großen Erwartungen. Damals hatte Koderisch nach dem Lockdown zwar eine Soforthilfe für drei Monate erhalten. Doch danach stellte sich heraus, dass die Zuwendungen lediglich für Betriebskosten, aber nicht für den Lebensunterhalt angesetzt werden durften. „Ich als Ein-Mann-Betrieb habe keine Kosten für Miete und auch kein beruflich genutztes Leasingauto. Deshalb werde ich die volle Summe zurückzahlen müssen“, sagt Toto und zieht daraus folgenden Schluss: „Ich plane damit, dass ich für den November trotz eingeschränkter Trainingsmöglichkeiten in NRW keine Unterstützung bekomme und freue mich, wenn es doch klappt.“

Kommentar

Als Bund und Länder über die notwendigen verschärften Corona-Maßnahmen berieten, rangen die Politiker um einheitliche Regelungen. Schließlich breitet sich das Virus im ganzen Land aus. Tennis – wie auch das Thema „Schließung von Musikschulen“ – ist ein gutes Beispiel dafür, dass unterschiedliche Länderbeschlüsse die Akzeptanz der Bevölkerung untergraben. Es fällt etwa den heimischen Tennisspielern vor allem dann schwer, auf ihr Hobby zu verzichten, wenn nur wenige Kilometer entfernt jenseits der Landesgrenze in den Hallen gespielt werden darf. Stephan Arend

 

 

 

 

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