Golf: Profi Julian Kunzenbacher plant zweigleisig
Weniger Druck + mehr Spaß = Erfolg

Von Stephan Arend

Donnerstag, 04.06.2020, 23:54 Uhr aktualisiert: 05.06.2020, 05:02 Uhr
Das Bürgerliche Gesetzbuch gehört für Julian Kunzenbacher genauso zum Leben wie seine Golftasche. Nach dem Büffeln für das Jura-Studium macht das Training viel mehr Spaß. Wenn wieder Turniere stattfinden dürfen, soll diese (neue) Lockerheit zum Erfolg führen. Foto: Stephan Arend

Halle (WB). Statt auf irgendeinem Grün dieser Welt um den Cut zu kämpfen, wälzt Julian Kunzenbacher zuhause stundenlang Bücher. Der 27-jährige treibt sein Jurastudium voran. Das wäre nach zwei Wintersemestern mit anschließender (Lern-) Pause in diesem Jahr ohnehin sein Plan gewesen. Den Spagat zwischen Profigolf und Universität muss er aufgrund der coronabedingten Turnierabsagen im Moment aber nicht meistern. „Der Plan war eigentlich, abends im Hotelzimmer zu lernen und während der Klausurphase die Tour zu unterbrechen.“

Julian Kunzenbacher ist seit sieben Jahre Profi und auf der Challenge-Tour unterwegs, der zweiten Liga des Profigolfs. Der Aufwand ist immens, das sportliche Niveau hoch. Doch der letzte Schritt auf dem Weg zur lukrativen European Tour mit Topstars und Preisgeldern, die die Spieler zu Millionären machen, wollte in all den Jahren nicht gelingen. Von einer Top 30-Platzierung, die den erhofften Aufstieg in diese glanzvolle Welt des Profigolfs ermöglicht hätte, war die Nummer eins des Haller Golfclubs Teutoburger Wald zumeist weit entfernt. Im Gegenteil: Weil er zuletzt keine volle Spielberechtigung für die Challenge-Tour hatte, konnte er die Turniere nicht planen, spielte 2019 keine 10.000 Euro Preisgeld ein. „Ich habe die letzten drei Jahre oft erst dienstags die Nachricht bekommen, ob ich am Donnerstag irgendwo auf der Welt spielen kann.“ Mit zunehmendem Alter habe sich unter diesen Voraussetzungen immer mehr die Sinnfrage gestellt: „Man führt kein normales Leben, soziale Kontakte bleiben auf der Strecke. Hätte ich Millionen verdient, wäre mir das alles wohl leichter gefallen. Ich habe zwar sieben Jahre auf hohem Niveau gespielt, doch es hat nicht gereicht, dafür finanziell belohnt zu werden. Und so habe ich gemerkt: Das ist nicht das Leben, das ich mir für die nächsten 20 Jahre vorstelle.“

Soziale Kontakte fehlen

Kunzenbacher legt Wert auf die Feststellung, dass er seine Karriere noch nicht beendet hat. Vielmehr sieht er sein Studium als zweites Standbein, will zweigleisig fahren und weiter Turnieren spielen, wenn dies wieder möglich ist. „Ich bin immer noch ehrgeizig und will den Wettkampf, solange ich die Spielberechtigung für die Challenge-Tour behalte.“ Um auf diesem Niveau mitzuhalten, muss man vorbereitet sein. Doch in Zukunft soll die Formel „Weniger Druck und mehr Spaß“ zum Erfolg führen. „Ich werde nicht mehr täglich acht, neun und mehr Stunden auf dem Platz stehen.“ Die deutsche Mentalität, sich kaputt zu trainieren, sei ein Fehler gewesen. Könnte der beste heimische Spieler die Zeit noch einmal zurückdrehen, würde er nach dem Abitur auch nicht noch einmal sein Golf-Stipendium in Amerika aufgeben, um so schnell Profi zu werden. „Ich hätte zunächst als Amateur in den Nationalkader gehen oder mir ein anderes College suchen sollen, um mein Spiel weiterzuentwickeln.“

Zu früh zu viel gewollt

Julian Kunzenbacher ist mit sich im Reinen. Die Jura-Klausuren sind bisher gut gelaufen – „überdurchschnittlich“, wie er sagt.  Und nach dem Pauken macht es ihm derzeit viel mehr Spaß, auf den Plätzen des Haller Golfclubs zu trainieren. Zudem gibt er seine Erfahrung bei Übungseinheiten mit jungen Talenten weiter. Ob er demnächst bei Turnieren mit dieser neuen Herangehensweise doch noch durchstartet, das ist zumindest nicht auszuschließen. Denn es gibt eine Reihe von Sportlern, die erst dann den großen Durchbruch geschafft haben, nachdem sie ihre Karriere schon abgehakt hatten und plötzlich ohne Druck groß aufspielten.

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