Interview mit Wolfgang Schütz
„Volleyball ist mein Leben“

Paderborn -

„Ich wohne seit mehr als 30 Jahren in Paderborn, aber eigentlich war ich nie da. Ich muss erst einmal in das Leben in dieser Stadt zurückfinden“, sagt Wolfgang Schütz. Der gebürtige Siegerländer und Wahl-Ostwestfale sagt auch über sich: „Volleyball ist mein Leben.“ Und das seit mehr als 45 Jahren.

Samstag, 05.12.2020, 03:13 Uhr aktualisiert: 05.12.2020, 07:08 Uhr
Wolfgang Schütz und Volleyball: Das gehört seit fast 50 Jahren zusammen. Seine private Heimat ist seit 1989 Paderborn. Foto: Oliver Schwabe

Erst Spieler, dann Trainer und seit 2019 Sportdirektor des Westdeutschen Volleyball-Verbandes. Dort hat er seinen Vertrag zum Frühjahr 2021 gekündigt. Im Interview mit WV-Redakteur Peter Klute blickt der 62-Jährige auf seine Laufbahn zurück, spricht über die Corona-Krise und eventuelle neue berufliche Herausforderungen in der Zukunft.

Herr Schütz, fangen wir mal ganz von vorne an. Wie sind Sie überhaupt zum Volleyball gekommen?

Wolfgang Schütz: Auslöser waren die Olympischen Spiele 1972 in München. Die Volleyball-Übertragungen im Fernsehen haben mich scheinbar stark beeindruckt und den Startschuss für meine Laufbahn gegeben. Bis dahin hatte ich Fußball gespielt, geturnt und Leichtathletik betrieben. Mein damaliger Sportlehrer am Gymnasium Neunkirchen hat mich dann mit dem Gründer der Volleyball-Abteilung des TV Salchendorf bekanntgemacht und so hat alles seinen Lauf genommen. Eine Jugendmannschaft gab es damals nicht, so habe ich in der Männer-Bezirksliga begonnen. Meinen ersten Spielerpass habe ich heute noch.

Dabei blieb es aber nicht.

Schütz: Ich habe es bis zum Abitur bis in die Verbandsliga und die Landesauswahl geschafft, danach habe ich ein Sportstudium in Köln begonnen und bin zum CVJM Siegen gewechselt. Dort habe ich vier Jahre gespielt und unter anderem den Aufstieg in die 1. Bundesliga feiern dürfen. Wir sind aber direkt wieder abgestiegen und ich bin später zu Fortuna Bonn gegangen. Ich war kein großes Talent, aber es hat gereicht, um mitzuspielen. Während des Studiums habe ich sämtliche Trainerscheine erworben. Mein ursprünglicher Plan war es, eine halbe Stelle als Lehrer anzutreten und mich nachmittags und abends dem Volleyball zu widmen.

Doch es kam anders.

Schütz: Nach meinem Referendariat in den Fächern Biologie und Sport am Gymnasium in Schwerte waren keine Lehrerstellen frei und mein gutes Netzwerk im Volleyball hat mir den Weg zum Profi-Trainer geöffnet.

Was hat für Sie die Faszination dieser Sportart ausgemacht?

Schütz: Die Typen in meinem Heimatdorf, die mich zum Volleyball gebracht haben, waren einfach cool. Dieses Gruppengefühl war für mich immer das Wichtigste. Ich habe mich nie als Vereins-, sondern immer als Mannschaftssportler gesehen. Meine zahlreichen Stationen haben dazu geführt, dass ich im Laufe der Jahre viele tolle Menschen kennengelernt habe.

Wie sind Sie in Paderborn gelandet?

Schütz: 1989 bekam ich einen Anruf von VBC-Spieler Martin Keck. Er kannte mich und fragte mich im Auftrag des Vorstandes, ob ich nicht Trainer dort werden wolle. Nach drei Jahren in der 1. Liga sind wir dann freiwillig abgestiegen, weil die professionellen Strukturen nicht mehr erfüllbar waren. Ich hatte in der Zwischenzeit als Nachfolger von Kurt Bendlin die Stelle des Betriebssportlehrers bei Siemens Nixdorf übernommen und mein Traineramt im dritten Erstligajahr nebenbei ausgeführt. Das war die härteste Zeit meines Lebens. Währenddessen war die 2. Mannschaft des VBC mit Michael Reinke als Spielertrainer zeitgleich mit unserem Abstieg in die 2. Liga aufgestiegen, Reinke wurde später von Robert Malinowski abgelöst. Ich habe später wieder übernommen, war inzwischen auch 1. Vorsitzender des Vereins. Wir haben den VBC entschuldet, aber irgendwann konnten wir auch die 2. Liga sportlich nicht mehr halten und sind in die Regionalliga abgestiegen. So haben sich innerhalb von wenigen Jahren zwei Mannschaften in Luft aufgelöst. 2001 kam das Angebot des Westdeutschen Volleyball-Verbandes in Person des damaligen Präsidenten Matthias Fell.

Die WVV-Geschäftsstelle ist in Dortmund, aber Ihr Wohnort blieb Paderborn.

Schütz: Daran wird sich wohl auch nichts ändern. Ein Angebot aus der 1. Liga werde ich nicht mehr bekommen, dazu bin ich zu alt und zu weit weg. Alles andere könnte ich von hier aus lösen. Corona war für mich gar keine so große Umstellung, da ich auch schon vorher viel zuhause im Büro gesessen habe. Paderborn ist heute unsere Wohlfühlstadt, aber es gab in den vergangenen 30 Jahren mehrere Knackpunkte, an denen wir überlegt haben wegzuziehen. In den 90er Jahren hatte ich Anfragen aus den Bundesligen. Der WVV sitzt in Dortmund, meine Frau kommt aus Schwerte, da war auch das Ruhrgebiet immer mal Thema. Und Münster, wo ich als Leiter des Bundesstützpunktes ein- bis zweimal in der Woche ganztägig zu tun habe.

Zunächst aber haben Sie als Landestrainer gearbeitet.

Schütz: Insgesamt habe ich in den mehr als 45 Jahren, die ich im Volleyball unterwegs bin, alle Facetten dieses Sports kennengelernt. Vom Spieler, Vereinstrainer und Co-Trainer der Nationalmannschaft bis zum Landestrainer und Funktionär. Es gab immer reichlich zu tun, das war sehr abwechslungsreich und nie langweilig. Ich war praktisch fünf bis sechs Tage in der Woche unterwegs. Ich glaube, ich bin der einzige Landestrainer, der alle Bundespokalturniere gewonnen hat. Der WVV ist nach wie vor der mitgliederstärkste Volleyball-Verband Deutschlands und wir waren bei den großen Turnieren fast immer unter den besten Vier. Aber Titel sind nur Beiwerk. Es geht mehr darum, Talente zu erkennen, die später mal bundesligatauglich oder gar Nationalspieler werden können, sie zu begleiten und zu formen. Da sind wir in NRW vorne dabei, auch im Beachvolleyball. Die Herren-Olympiasieger Jonas Reckermann und Julius Brink kommen beide aus NRW, Laura Ludwig hat lange für Leverkusen gespielt und Kira Walkenhorst habe ich vier Jahre lang in der Landesauswahl trainiert. Auch den heutigen DVV-Sportdirektor Christian Dünnes hatte ich als Jugendlichen in meiner Auswahl. So etwas kommt einem natürlich zu Gute, wenn man dabeibleibt. Und man freut sich auch, wenn jemand, den man lange begleitet hat, Nationalspieler wird oder Titel gewinnt.

Die Nationalmannschaften haben aber die Qualifikationen für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro und 2020 in Tokio verpasst.

Schütz: Ja, und das immer sehr knapp. Ein Grund ist, dass in der Weltspitze ein großer Prozentsatz aus Europa kommt. Aber Deutschland war in den vergangenen Jahren sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen Vize-Welt- und Europameister.

Wie kam der Wechsel auf den Posten des Sportdirektors zustande und was sind Ihre Aufgaben?

Schütz: 2018 hat die neue NRW-Landesregierung mit Ministerpräsident Armin Laschet ein Programm „Olympia 2032 Rhein-Ruhr” aufgelegt. In diesem Rahmen wurden den Olympischen Fachverbänden 2,5 Millionen Euro für den Leistungssport zur Verfügung gestellt. Wir haben eine Landestrainerstelle beantragt und die wurde genehmigt. Daraufhin haben wir meine Stelle neu besetzt, den Posten des Vize-Präsidenten abgeschafft und den des Sportdirektors ins Leben gerufen. Matthias Fell und auch sein Nachfolger Hubert Martens haben meine Kontakte schon vorher genutzt und mich zu sportpolitischen Veranstaltungen in der Staatskanzlei, beim Landessportbund und beim Deutschen Volleyballverband mitgenommen. Als Sportdirektor bin ich kein Trainer mehr, sondern sitze in Ausschüssen, leite den Bundesstützpunkt in Münster und habe die Fachaufsicht über die drei Landestrainer sowie den Kollegen in Münster.

Wie kamen Sie auf den Gedanken, Ihren Vertrag zu kündigen?

Schütz: Es war schon immer meine Absicht, vielleicht nicht bis 66 zu arbeiten. In der Corona-Zeit haben wir uns als Ehepaar viele Gedanken über berufliche Verpflichtungen gemacht und gemerkt, dass es auch ganz schön ist, nicht jedes Wochenende unterwegs zu sein und die Welt nicht nur aus Volleyball bestehen zu lassen. Entscheidend war, dass bis zum Sommer 2021 die neuen sportpolitischen Aufgaben auf den Verband zukommen, um im nächsten olympischen Zyklus vom Landessportbund unterstützte Leistungssportförderung betreiben zu können. Ich habe mich entschieden, den Weg freizumachen für eine Nachfolgeregelung. Dann haben wir seit 2018 auf allen vier Positionen, drei Landestrainer und ein Sportdirektor, einen kompletten Generationswechsel vollzogen mit Menschen zwischen 30 und 35 Jahren. Damit ist der WVV für die Zukunft sicher aufgestellt.

Und was haben Sie vor?

Schütz: Das weiß ich noch nicht, für den Ruhestand fühle ich mich noch zu jung. Es gibt da Gedanken, aber noch nichts Konkretes. Vielleicht wird es eine Beratertätigkeit beim DVV. Beachvolleyball liegt mir ebenfalls sehr am Herzen, weil es die Persönlichkeit entwickelt. Körperlich und mental. Anders als in der Halle, kannst du dich nicht nach zehn Fehlern auswechseln lassen. Man muss aber auch ganz klar sagen, dass es eine andere Sportart ist und auf Spitzenniveau nicht beides möglich ist. Vielleicht könnte man da in Paderborn etwas aufbauen. Auf jeden Fall werde ich mich weiter dafür engagieren, dass es ein Berufsbild des Volleyballtrainers in Deutschland gibt. Denn es hat mich immer sehr geärgert, wenn mich Eltern in der Halle gefragt haben, was ich denn sonst noch so mache. Keiner käme auf die Idee, Steffen Baumgart so etwas zu fragen. Aber das ist kein volleyball-spezifisches Problem.

Apropos Paderborn. Die goldenen Zeiten sind längst vorbei. Kommen sie wieder?

Schütz: Dass es in Paderborn in absehbarer Zeit wieder eine Erstliga-Mannschaft gibt, halte ich für unrealistisch. Denn durch die Einführung einer Betriebsgesellschaft 1. Bundesliga ist viel mehr Professionalität eingekehrt und die Anforderungen in Sachen Hauptamtlichkeit und Hallenkapazität haben sich deutlich erhöht. Vor mehr als zehn Jahren habe ich mich hier zuletzt persönlich und emotional engagiert, als wir das Volleyball-Bündnis Paderborn gegründet haben, mit dem wir neue Strukturen vom Leistungssport bis zur Hobbyklasse schaffen wollten. Aber das hat nicht mal ein Jahr gehalten und ist in seine Einzelteile zerfallen. Der deutsche Volleyball hat in den vergangenen Jahren 25 Prozent seiner Mitglieder verloren und auch wenn es bei uns nicht ganz so krass ist und die Tendenz momentan gestoppt scheint, trocknen wir langsam aus. Was Paderborn betrifft – bei den Herren hat die DJK Delbrück nach dem Rückzug des VBC mehr als zehn Jahre in der 2. Liga gespielt, bei den Damen hat VoR Paderborn eine rasante Entwicklung genommen. Hut ab davor, aber der Verein hat mit der 3. Liga aktuell seine Grenze erreicht. Auf jeden Fall steht Paderborn zurzeit im Nachwuchsbereich bei den Mädchen deutlich besser da als bei den Jungen.

Bei den Amateuren ist die Saison unterbrochen, denken Sie, dass es im Volleyball weitergeht?

Schütz: Eine seriöse Prognose kann man da nicht abgeben. Ein Großteil der Vereine, das hat eine Umfrage ergeben, möchte unabhängig vom Tabellenstand weiterspielen und wäre bereit, die Saison bis in den Mai zu verlängern. Wenn der Spielbetrieb aber auch noch im Januar komplett ruhen sollte, wird es eng. Es gibt im Volleyball keinen Körperkontakt, allerdings hatten auch wir nach Spielen positive Testergebnisse. Eine Rückverfolgung ist nicht möglich, ein Fall, bei dem sich jemand während eines Spiels infiziert hat, ist nicht bekannt. Wenn ein Spieler aber nicht spielen möchte oder ein Verein nicht antritt, sollte das keine negativen Konsequenzen haben.

Zum Schluss, gab es in Ihrer langen Laufbahn einen schönsten Moment, einen größten Sieg oder eine schlimmste Niederlage?

Schütz: Meine schönste Zeit war während des Studiums in Köln. Ein bitteres Erlebnis gab es für mich als WVV-Trainer beim Bundespokal 2010 in Paderborn, als sich mein Zuspieler im ersten Spiel schwer verletzt hat und wir damit chancenlos waren. Umso schöner war es 2016 in Damp, als wir zwei Jungenteams und eine Mädchenmannschaft in Endspielen hatten. Da haben mein Trainerkollege Ralph Bergmann und ich beschlossen, nicht zu coachen und uns entspannt auf die Tribüne gesetzt. Prägend war auch eine Reise mit der Frauennationalmannschaft in den 80er Jahren nach Piräus. Beim Spiel Griechenland gegen die Türkei war Militär in der Halle, um die Fangruppen zu trennen. Dank Volleyball habe ich die Welt bereist und zahlreiche Länder kennengelernt.

 

Das waren noch Zeiten. Wolfgang Schütz als Trainer des VBC Paderborn in der 1. Bundesliga.

Das waren noch Zeiten. Wolfgang Schütz als Trainer des VBC Paderborn in der 1. Bundesliga. Foto: WB

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