Arminia-Trainer Neuhaus im Interview
„Es muss überhaupt nichts“

Bielefeld -

Der Saisonstart war aussichtsreich. Doch nach zuletzt vier Niederlagen am Stück hat den DSC Arminia Bielefeld die Realität eingeholt. Die Partie am kommenden Samstag bei Union Berlin hat für den Aufsteiger richtungsweisenden Charakter. Vor dem Bundesligaduell bei seinem Ex-Klub spricht Arminias Trainer Uwe Neuhaus (60) über die Defizite des DSC, die Rolle von Kapitän Fabian Klos und einen Hoffnungsträger für den Angriff.

Dienstag, 03.11.2020, 22:43 Uhr aktualisiert: 04.11.2020, 08:30 Uhr
Uwe Neuhaus ist in erster Linie Trainer. In zweiter ist der DSC-Coach aber auch als Psychologe gefordert. „Wir müssen unseren Kopf davon befreien, dass jeder Fehler bestraft wird“, sagt er. Foto: Thomas F. Starke

 

 

Sechs Spieltage sind absolviert, Arminia rangiert als Aufsteiger nicht auf einem Abstiegsplatz. Und doch hat man den Eindruck, dass gerade recht viel öffentliche Kritik auf Ihr Team und Sie einprasselt. Worauf führen Sie das zurück – und ist die Kritik aus Ihrer Sicht berechtigt, Herr Neuhaus?

Uwe Neuhaus: Ich finde nicht, dass einiges auf uns einprasselt. Zu spüren ist, dass mit dem einen oder anderen Auftritt sicher nicht alle einverstanden sind. Aber das geht mir genauso.

Womit genau sind Sie denn nicht einverstanden?

Neuhaus: Wir können mehr auf den Platz bringen, als wir bisher gezeigt haben. Es wäre mehr möglich gewesen, wenn wir unsere maximale Leistung gebracht hätten. Dass nach zuletzt vier Niederlagen der Kopf anfängt ein wenig zu arbeiten und das Selbstvertrauen nicht unermesslich groß ist, kann sich jeder vorstellen. Das ist der Punkt, an dem wir arbeiten, den wir nicht so stark werden lassen dürfen, den wir zusammen bekämpfen und von dem wir uns befreien müssen. In einigen Medien sind uns ja schon Leidenschaft und Wille abgesprochen worden. Doch da kann ich nicht zustimmen. Wenn man allein die Laufleistung nimmt: Da belegen wir ligaweit aktuell den dritten Platz. Daran liegt es also nicht.

Woran liegt es dann?

Neuhaus: Es liegt an der Qualität, die wir nicht auf den Platz bekommen. Das ist eine neue Situation für eine Mannschaft, die anderthalb Jahre fast nur mit Siegen und guten Spielen geglänzt hat. Wir müssen unseren Kopf davon befreien, dass jeder Fehler bestraft wird. Wir müssen mehr Risiko gehen. Wir wollen zu unserem Spiel zurück, das uns in der 2. Liga stark gemacht hat. Wir müssen häufiger den Ball haben. Sonst rennst du nur hinterher, machst irgendwann Fehler – und dann passiert’s.

Genügt es, am Samstag bei Union Berlin besser zu spielen, oder muss dort jetzt einfach auch mal wieder ein Punkt her?

Neuhaus: Ich habe ja schon gelesen, dass wir nun dermaßen unter Druck stehen gegen eine Mannschaft, die für uns in Reichweite ist. Wer am Montag das Spiel von Union in Hoffenheim gesehen hat, konnte erkennen, dass Berlin als Mannschaft richtig schwer zu spielen ist und sich mit dem einen Jahr Bundesligaerfahrung eine gewisse Robustheit angeeignet hat. Und wenn man nur mal die Neuzugänge vergleicht: Pohjanpalo, Kruse, Knoche – das sind Kategorien, die wir uns in der Form nicht erlauben können. Dazu sind wir noch nicht in der Lage. Das zeigt, dass schon noch ein Abstand herrscht zwischen beiden Klubs. Was aber nicht heißt, dass wir deshalb den Schaden nur so gering wie möglich halten wollen. Ich habe der Mannschaft gesagt, dass wir uns nicht an die Niederlagen gewöhnen dürfen, dass uns das jedes Mal ärgern muss. Und ich habe ihr gesagt: Wir können in jedem Spiel punkten, wir können überraschen.

Aber wie?

Neuhaus: Indem wir zusehen, dass wir wieder unsere Leistung zeigen. Es wird dann auch Spiele geben, in denen wir richtig gut waren und trotzdem verloren haben. Das ist dann auch noch mal ein Unterschied zur ­2. Liga. Es wird dann aber auch Spiele geben, die wir gewinnen. Und diese Spiele brauchen wir, um daraus Kraft zu schöpfen. Ob es gegen Union schon ein Muss ist, wage ich zu bezweifeln. Es muss überhaupt nichts. Wir sollten geduldig bleiben. Wir haben jetzt sechs Spiele gespielt, vier davon gegen richtig gute Mannschaften. Es ist ein Weg über 34 Spieltage. Am Ende haben wir ein Ziel. Wenn wir das erreichen, sind wir stolz.

Mit Blick auf das etwas unruhiger werdende Umfeld könnte ein Erfolg in Berlin viel bewirken.

Neuhaus: Unruhiges Umfeld – damit kann ich wenig anfangen. Man bekommt das aufgrund von Corona ja gar nicht mit. Ich weiß nicht, wie viele Punkte die Leute eingeplant hatten nach den ersten sechs Spieltagen. Es ist mir auch relativ egal. Ich weiß auch nicht, ob das mit der Unruhe wirklich so ist oder ob es bloß eine Redewendung von Journalisten ist. Wir machen unsere Arbeit. Und wir versuchen, sie so gut wie möglich zu machen – wohlwissend, dass wir noch Defizite haben.

Hat Arminia derzeit mehr ein sportliches Problem oder ein mentales?

Neuhaus: Das Sportliche hat ja auch mit dem Kopf zu tun. Als ich zu Arminia kam, waren die Köpfe auch relativ weit unten. Da hatte die Mannschaft eine sportliche Negativserie hinter sich – und hat dann die Trendwende geschafft.

Als Sie im Dezember 2018 kamen, beschäftigte Arminia in Ingo Goetze einen Psychologen, von dem sich der Klub später wieder trennte. Gibt es einen Nachfolger?

Neuhaus: Nein, es gibt keinen.

Warum nicht?

Neuhaus: Das ist ein weites Feld. Ich glaube, dass einige Spieler ohnehin mit einem Psychologen zusammenarbeiten. Ob wir es als Verein noch mal machen werden, weiß ich nicht. Das ist aber auch nicht das beherrschende Thema bei uns.

Sie haben in der noch kurzen Saison schon relativ viel probiert: Viererkette, Fünferkette, eine Spitze, Doppelspitze.

Neuhaus: Ich finde es gar nicht so viel. Gegen den Ball spielen wir meist im 4-4-2, mit Ball im 4-3-3. Das machen wir seit anderthalb Jahren so. Wir haben in den ersten Partien versucht, unser Spiel der Vorsaison auf den Platz zu kriegen und für das Duell gegen Dortmund dann in Richtung Fünferkette ein bisschen was korrigiert. Gemessen daran, wie wenig Torchancen wir gegen die Borussia in der ersten Halbzeit zugelassen haben, kann man das nicht als total gescheitert ansehen. Die Probleme liegen im eigenen Ballbesitz – ob Vierer- oder Fünferkette ist letztlich egal.

Aber auch personell haben Sie gegen den BVB einiges verändert, indem Sie gleich vier Spieler neu ins Team brachten. Ungewöhnlich viel für Ihre Verhältnisse.

Neuhaus: Die Wechsel waren zum einen der Systemveränderung, zum anderen dem fehlenden Erfolg geschuldet. Ich glaube nicht, dass ich übermäßig gewechselt habe, so dass die Mannschaft völlig durcheinander war. Wenn man mehrmals in Folge verliert, überlegt man schon, auch mal jenem Spieler eine Chance zu geben, der mit einem anderen auf Augenhöhe ist. Das kann man natürlich nicht Woche für Woche auf acht Positionen machen, sonst geht das auf Kosten der Stabilität. Ich bevorzuge ein gewisses Grundgerüst. Daran wird sich auch nicht so viel ändern.

Einer, der bisher immer von Anfang bis Ende spielen durfte, ist Stürmer Fabian Klos. Wenn Arminias Angriffsspiel lahmt, steht damit natürlich auch sein Name in Verbindung.

Neuhaus: Ich mache das nicht an Fabian fest. Kritik gehört zum Geschäft. Es ist nicht immer alles eitel Sonnenschein. Aber ich finde, dass er sich sehr bemüht, an sich zu arbeiten. Einige machen seine Leistung nur an Toren fest, ich zum Beispiel auch an seiner Laufleistung. Gegen Bayern war er mehr als elf Kilometer unterwegs. Fabian hat Schwierigkeiten, überhaupt ins Spiel gebracht zu werden. Das liegt nicht allein an ihm, sondern an der ganzen Mannschaft. Defizite bei eigenem Ballbesitz sind in der Regel nun mal auch ein Indiz dafür, dass es vorne nicht hundertprozentig klappt.

Kann Flügelstürmer Andreas Voglsammer nach auskurierter Fußverletzung womöglich bald wieder dabei helfen, Arminias Offensivprobleme zu lösen?

Neuhaus: Er hat vom Arzt die Freigabe erhalten, ab sofort wieder mit der Mannschaft zu trainieren. Aber er braucht noch ein bisschen Zeit. Vielleicht können wir ihn in einem Freundschaftsspiel während der nächsten Länderspielpause für ein paar Minuten einsetzen. Das würde ihm sicher gut tun. Und dann wird es irgendwann auch wieder so weit sein, dass er in der Liga einsatzfähig ist.

Sie haben so lange auf das Ziel Bundesliga hingearbeitet. Können Sie es denn jetzt auch ein bisschen genießen, oder lässt die Situation angesichts der jüngsten Misserfolge und der fehlenden Zuschauer das nicht zu?

Neuhaus: Doch, ich kann das genießen. Aber ohne Zuschauer spielen zu müssen, ist wirklich riesengroßer Mist. Wir gehen gegen Dortmund mit einem 0: 0 in die Pause, haben in den ersten fünf Minuten der zweiten Hälfte Druck gemacht und die Borussia zu Ballverlusten gezwungen. Da wäre mit Fans richtig Stimmung in der Bude gewesen, was uns sicher beflügelt hätte. Aber wir können es nicht ändern. Nur genießen ist ohnehin nicht erlaubt. Wir müssen auch arbeiten.

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