Kevin Kühnert über den Weg zum Arminia-Fan, eine Branche ohne Maß und Profis mit Profil
„Das hatte auch was mit Mitleid zu tun“

Berlin/Bielefeld(WB). Wenn man in Berlin geboren ist, liegt Arminia Bielefeld als Lieblingsklub nicht unbedingt auf der Hand. Kevin Kühnert (31), stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD, hat sein Fan-Herz dennoch an den DSC verloren. Im Interview spricht der Politiker mit Redakteur Sebastian Bauer über den Bundesligaaufstieg, einen nachhaltigeren Fußball und eine neue Generation von Profis.

Donnerstag, 02.07.2020, 07:41 Uhr aktualisiert: 02.07.2020, 12:42 Uhr
Ein Berliner mit einem Hang zu Schwarz-Weiß-Blau: SPD-Politiker Kevin Kühnert ist seit mehr als zehn Jahren Arminia-Fan. Zum DSC kam er auf eher „verschlungenen Wegen“. Foto: Pierel

 

Hand aufs Herz: Haben Sie im Sommer 2019 auch nur annähernd daran geglaubt, dass Arminia ein Jahr später als Zweitligameister aufsteigt?

Kevin Kühnert: Nein, nicht als Meister. Aber ich habe mir die ganzen Saisonprognosen angeschaut und es ist schon auffällig gewesen, dass viele analysiert haben, dass es zwar Größere gibt, es da aber in den letzten Jahren auch immer ein Überraschungsteam gab, das dieses Mal Arminia sein könnte – ein eingespielter Kader, im Kalenderjahr 2019 eine gute Bilanz. Als Fan geht man mit seiner Vereinsbrille dann natürlich mit einer gewissen Hoffnung in die Saison. Dann kam das Unentschieden gegen St. Pauli, dann das 3:3 in Bochum: Das fühlte sich dann erstmal wieder wie die klassische Arminia an.

Was hat Sie an der Mannschaft am meisten begeistert?

Kühnert: Als Fußballfan ist man schon froh, wenn es eine Mannschaft gibt, die skandalfrei durch eine Saison durchkommt. Es gab keine Kapriolen rund um die Mannschaft, keine nächtlichen Sportwagentouren und Saufgeschichten. Auch wenn es das früher gelegentlich mal gegeben hat, passt das ja eigentlich nicht zu Arminia. Es war in dieser Saison einfach ein super ruhiges Vereinsumfeld und das hat, glaube ich, auch den Unterschied ausgemacht. Und man hat gemerkt, wie gut das Miteinander funktioniert hat. Selbst mit den Spielern, die keinen Stammplatz hatten. Wenn ich sehe wie Keanu Staude auch zum Ende der Saison ganz selbstverständlich im Mannschaftsverbund dabei ist, ist das, glaube ich, nicht die gelebte Normalität in jeder Mannschaft.

Aus Mitleid zum Fan

Sie sind gebürtiger Berliner, leben in Berlin. Da gibt es den Fast-Big-City-Klub Hertha und auch Union. Wie kommt man dann als Berliner zum DSC?

Kühnert: Ich habe durchaus auch Berliner Fußball-Sympathien. Die sind aber im ambitionierten Amateurbereich bei Tennis Borussia angesiedelt. Wenn man Sympathien für Tennis Borussia hat, dann kann man nicht Hertha- oder Union-Fan sein. Bei TeBe gibt es eine sehr ausgeprägte Zweitvereinskultur. Da ist die Akzeptanz sehr groß, dass fast alle, die ins Stadion gehen, auch noch einen anderen Verein haben. Bei mir ist das zu Abi-Zeiten vor mehr als zehn Jahren auf etwas verschlungenen Wegen Arminia geworden. Das hatte auch ein bisschen was mit Mitleid zu tun. Heute ist das in eine Phase übergangen, in der man als Arminia-Fan ein anerkennendes Kopfnicken bekommt. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen.

In die Freude über den Aufstieg platzte die Kritik am Verhalten der Arminen bei der Aufstiegsfeier in Bielefeld am Sonntag. Was politisch an Corona-Regeln vorgegeben war, wurde nahezu komplett nicht eingehalten. Haben Sie aufgrund der Emotionalität bei diesem Thema sogar ein wenig Verständnis?

Kühnert: Ja und nein. Ich habe die Bilder gesehen. Aber wer glaubt, dass bei einem Verein mit dieser Vorgeschichte, der nach mehr als zehn Jahren wieder in die 1. Liga aufsteigt, da Ringelpiez mit Abstandhalten in der Stadt angesagt ist, der ist auf dem falschen Dampfer unterwegs. Das hätte man in keiner Stadt durchsetzen können. Dass man vor dem Spiel die Maxime ausgibt: „Leute, kommt nicht zum Stadion“ und dann aber noch am Stadion mit den Fans feiert und die Meisterschale in die Höhe hält, ist sicherlich unglücklich. Die Verhältnisse vor dem Stadioneingang sind nunmal besonders beengt. Vielleicht hätte man sich über das Management im Vorfeld ein bisschen mehr Gedanken machen müssen. Aber mittlerweile hat der Verein ja auch mit klaren Worten um Entschuldigung gebeten, und auch das gehört eben zu Arminia Bielefeld im Jahr 2020: transparente Kommunikation.

Dass man am Stadion mit den Fans feiert und die Meisterschale in die Höhe hält, ist unglücklich.

Vor dem Bundesliga-Re-Start haben Sie das Hygienekonzept der DFL deutlich kritisiert. Müssen Sie jetzt am Saisonende anerkennen, dass alles wider Erwarten doch gut aufgegangen ist?

Kühnert: Hätten wir hier jetzt jemanden von Dynamo Dresden, dann würde die Person energisch widersprechen. Mir ging es gar nicht so sehr um das Hygienekonzept. Ich erkenne schon an, dass man sich da wirklich einen Kopf gemacht hat. Mir ging es eher um die Signalwirkung. Ich hatte einfach das Gefühl, dass es zu dem Zeitpunkt, als gelockert werden sollte, für viele Menschen nicht verständlich war, dass ausgerechnet der Profifußball wieder spielen soll, wo so viele andere Dinge nicht möglich waren. Und ich hatte auch ein bisschen die Befürchtung, dass das am Ende das Bild vom nimmersatten Fußball, der sich als etwas Besonderes in der Gesellschaft begreift, der Vorrechte für sich in Anspruch nimmt, bestätigt wird. Es ist am Ende nicht ganz so schlimm gekommen. Aber alle haben gemerkt, dass die Geisterspiele nichts sind, was man auf Dauer haben möchte. Die vielen Protestplakate im Stadion haben auch gezeigt, dass es ein Sinnbild dafür war, dass der Rubel wieder rollen muss. Darüber wird man sich nach der Coronazeit weiter unterhalten müssen. Ein Fußball, der keine drei Monate aussetzen kann, ohne existenziell gefährdet zu sein, ist natürlich kein gesunder Fußball.

Das Höher, Schneller und Weiter der Branche wird oft kritisiert. Kann und sollte die Politik dabei sogar Einfluss nehmen, da der Fußball die vergangenen Jahre kein Maß mehr kannte?

Kühnert: Das wird kaum über Gesetze und Verordnungen funktionieren. So wichtig Fußball in der Gesellschaft ist, ist Fußball keine öffentliche Daseinsvorsorge im eigentlichen Sinn. Ohne Not sollte sich die Politik nicht wirtschaftlich in einen Bereich einmischen, der keine hoheitliche staatliche Aufgabe erfüllt. Eigentlich liegen alle Fakten auf dem Tisch: Der Fußball kann es letztlich selber erkennen, dass es etwa gut wäre, sich Regeln zu geben, die Vereine dazu bewegen, sich ein finanzielles Polster für solche Notsituationen anzulegen. Jedes gesunde Unternehmen arbeitet mit Rücklagen. Und die Bundesliga war ja immer stolz darauf, nicht wie die spanische Liga hoch verschuldete Klubs zu haben, die teils mit einer Milliarde in den Miesen gewesen sind und zum Teil auch gegen Financial-Fair-Play-Regeln verstoßen haben. Nach Corona wäre die richtige Konsequenz, dieses Prinzip noch weiter auszubauen und die Vereine dazu zu verpflichten, eine bestimmte Sparquote vorweisen zu müssen. Mir ist aber auch klar, dass das nicht funktionieren wird, ohne über die Verteilung der Fernsehgelder noch einmal ganz anders zu reden. Denn wo sollen viele Vereine jetzt diese Reserven hernehmen?

Irritation über Schalke-Bürgschaft

Schalke 04 will eine Obergrenze von 2,5 Millionen Euro Jahresgehalt einführen. Zudem will das Land NRW den Verein mit einer Millionen-Bürgschaft unterstützen.

Kühnert: Ich bin wie viele andere auch eher irritiert gewesen, als ich das gehört habe. Klar, auch Schalke 04 ist Arbeitgeber und die Politik will dort, wie überall, Jobs schützen. Das ist vollkommen okay. Aber es stellt sich natürlich die Frage, wo setzt man jetzt in Zukunft die Grenze? Ist jeder Verein in jeder Liga für die Politik systemrelevant und muss gerettet werden? Oder gilt das erst ab einer bestimmten Mitglieder- und Zuschauerzahl? Oder hängt es von einer Jahreszahl ab, mit der man seine Tradition ausweisen kann? Das Land NRW wird nicht ruiniert, weil es Schalke 04 unter die Arme greift. Aber was macht man in zukünftigen Fällen? Man kennt es aus dem ostdeutschen Raum, wo Stadtparlamente regelmäßig vor der Frage stehen: „Geht unser Verein vor Ort nun in die Insolvenz oder helfen wir mal wieder mit einem Kredit?“ In Chemnitz ist das der Fall gewesen, in Erfurt gab es die Diskussion. Ich fürchte die Signalwirkung für Funktionäre vom Schlage des zurückgetretenen Schalker Aufsichtsrats-Chefs Clemens Tönnies, die eigentlich über große Vermögen verfügen, aber im Notfall mit dem Klingelbeutel vor der Politik stehen. In festem Glauben, dass im Zweifel schon jemand kommt, die Standortbedeutung des Vereins erkennt und diesen rettet. Das macht mir ein ungutes Gefühl, wenn man bedenkt, wie viele Menschen in unserer Gesellschaft in ihrer Existenz bedroht sind und nicht so einfach an enorme Hilfen kommen.

Ist jeder Verein in jeder Liga für die Politik systemrelevant und muss gerettet werden?

 

In den vergangenen Monaten haben sich viele Profis kritisch zu Wort gemeldet, dass ihre Stimme nicht von der DFL gehört wird, obwohl sie das Spektakel Bundesliga erst ermöglichen. Wie kann man Spieler künftig besser mitnehmen?

Kühnert: Das mag eine Zeit lang an den Spielern selbst gelegen haben, von denen es sich einige zu bequem gemacht haben damit, in erster Linie Spieler zu sein aber nicht zu begreifen, dass mit großem Publikum und einem großen Einkommen auch eine Form von Verantwortung einhergeht. Aber ich habe den Eindruck, dass es eine neue Spielergeneration gibt, was man rund um die Black-Lives-Matter-Proteste gesehen hat, wo sich ganz unterschiedliche Spieler positioniert haben. Es sind aber auch Leute wie Leon Goretzka oder Joshua Kimmich, die sich in Coronazeiten mit ihrer Spendenaktion solidarisch gezeigt haben. Das tut denen finanziell nicht weh, das ist mir klar, aber die Symbolik ist nicht zu unterschätzen. Auch etwas an die Menschen zurückzugeben, die einem eine so atemberaubende Karriere und so einen Wohlstand erst ermöglicht haben. Ich würde mir schon wünschen, dass daraus im nächsten Schritt eine Bewegung von Spielern wird, die vielleicht Anforderungen an das eigene Berufsfeld stärker artikuliert: Wie muss sich eigentlich der Fußball verändern, damit er nachhaltig ist? Aber das können Spieler nicht alleine machen. Da gehören Fanverbände, der DFB und auch die DFL dazu.

Stolzer Dauerkartenbesitzer

Wie haben Sie die Geisterspiele in den vergangenen Wochen wahrgenommen?

Kühnert: Daran gewöhnt habe ich mich absolut nicht. Ich gehöre zu denjenigen, die maßgeblich wegen der Atmosphäre ins Stadion gehen. Was ich bei mir bemerkt habe ist, dass ich deutlich stärker auf spieltaktische Elemente geachtet habe.Ich bin jetzt nicht der Typ Taktikfuchs und bin auch kein geborener Fußballer, weil ich selbst aus dem Handballbereich komme. Aber das hat mir die Möglichkeit gegeben, mich stärker mit der Psychologie des Spiels zu beschäftigen. Es war interessant, aber auf Dauer nichts, was mich vom Hocker reißen würde.

Ob mit oder ohne Zuschauer: Werden Sie sich wieder eine DSC-Dauerkarte holen?

Kühnert: Auf jeden Fall, auch wenn ich wegen Corona kein einziges Spiel in der nächsten Saison sehen könnte. Für die Vereine ist es eine finanzielle Frage. Gerade für einen Verein wie Arminia sind Zuschauereinnahmen noch ein ganz wichtiger Faktor. Man kann nur an alle appellieren, das Geld, das man auch unter normalen Umständen ausgeben würde – wenn es einem denn möglich ist – zur Seite zu legen.

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