Uwe Rapolder, Aufstiegstrainer von 2004, spricht über die Arminia von damals und die von heute
„Klos müsste fünf Millionen pro Jahr verdienen“

Bielefeld (WB). Zwei Siege aus den letzten fünf Spielen, und Arminia Bielefeld hätte aus eigener Kraft den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga geschafft. 16 Jahre ist es her, dass den Ostwestfalen dieses Kunststück zum siebten und bisher letzten Mal gelang. Damals hieß der Trainer Uwe Rapolder. Unter ihm schaffte der DSC anschließend sogar den Klassenerhalt. Der Fußball, den Rapolder spielen ließ, hat bis heute viele Bewunderer. Im Gespräch mit Redakteur Dirk Schuster äußert sich der 62-Jährige über seinen eigenen Aufstieg und Fall, das Opa-Sein und über einen anderen Uwe, dem er zutraut, die Erfolge von damals zu wiederholen.

Mittwoch, 10.06.2020, 05:00 Uhr
Sie tragen ihn auf Händen: 2004 steigt Arminia mit Trainer Uwe Rapolder in die Bundesliga auf. Bernd Rauw, Isaac Boakye, Patrick Owomoyela und Kapitän Mathias Hain (von links) feiern am vorletzten Spieltag nach einem 0:0 in Osnabrück. Foto: Stefan Hörttrich

 

In den Sozialen Medien haben Sie zuletzt ein Foto veröffentlicht, das den Verdacht zulässt, Sie könnten Opa geworden sein, Herr Rapolder.

Rapolder: Ja, das stimmt, aber schon vor acht Monaten und auch schon zum zweiten Mal. Die beiden Jungs geben mir ganz neue Impulse. Man sieht Dinge zum Teil wieder aus einer anderen Perspektive, vor allem wenn man mal Trainer im Profifußball war.

 

Wie meinen Sie das?

Rapolder: In diesem Geschäft hat man einfach nicht die Fokussierung auf das Familiäre, das Menschliche, das normale Leben. Man steckt immer in diesem Hamsterrad, samstags Spiele gewinnen zu müssen. Man ist mit den Gedanken immer woanders. Du sprichst hier, denkst aber schon wieder ans nächste Spiel.

 

Haben Sie das Gefühl, etwas verpasst zu haben?

Rapolder: Ich war schon relativ viel zu Hause, bin als Spieler und Trainer oft zwischen den Einheiten heimgefahren. Ich habe die Familie immer mitgenommen, wollte sie immer dabei haben. Einerseits war das richtig, andererseits war es aber auch nicht immer einfach, vor allem für die Kinder. Mein Sohn hatte, wenn der Vater ein Spiel verloren hat, auch mal Probleme mit Mobbing.

 

Vermissen Sie die Fußballbühne und das Rampenlicht?

Rapolder: Ich habe in meiner Laufbahn circa 25 Mal allein mit tausenden Zuschauern die Welle gemacht, allein in Bielefeld zwölf oder 13 Mal. Wenn du das mal mitgemacht hast, dann brauchst du nicht mehr so viel Bestätigung. Die ist es auch nicht, die mir fehlt, auch nicht die Präsenz in den Medien. Wenn etwas fehlt, dann ist es die Arbeit auf dem Feld und in der Kabine mit den Spielern. Es gibt nichts Schöneres, als aus 25 Jungs eine Einheit zu formen und dafür zu sorgen, dass deine Spielidee die Idee der Spieler wird – inklusive der Zielsetzung.

Ich war 2005 mit Klopp und Rangnick ganz vorne in der deutschen Trainerriege. Ich habe 1997 schon mit Viererkette spielen lassen. Vertikalspiel, Pressing, Automatismen – das sind Begriffe, die zum Teil von mir stammen. National bekannt wurde das dann aufgrund unseres Spielstils bei Arminia. Ich habe damals mit Jürgen Klinsmann gesprochen, mit Joachim Löw, Oliver Bierhoff. Im Nachhinein ist es meine Genugtuung, dass ich auf den deutschen Fußball einen ganz starken Input hatte, was man auch daran sieht, dass der DFB damals viel davon in die Ausbildung übernommen hat.

 

Macht es Sie wütend oder traurig, wenn Sie den Werdegang von Rangnick und Klopp mit Ihrem vergleichen?

Rapolder: Es ist eigentlich unglaublich zu sehen, wo die beiden jetzt stehen und wo ich stehe. Klopp musste 2001 in seinen ersten Monaten als Trainer damals mit Mainz in Mannheim antreten, wo ich Trainer war. Wir gewannen 4:0. In der Pressekonferenz sagte er, er stelle sich den Fußball seiner Mannschaft einmal so vor, wie Waldhof ihn gespielt hat.

 

Worin liegen die Gründe für die unterschiedlichen Entwicklungen?

Rapolder: Mit der Fachkompetenz hat das nichts zu tun. Es ist eher in meinem Werdegang begründet. Rapolder – wenn sie die Buchstaben umstellen, heißt es: der Polar. Und das war es auch. Ich habe einfach zu stark polarisiert. Ich hatte Qualität als Trainer, aber eben auch viel Stress mit der Öffentlichkeit. Viele haben mich geliebt, aber manche auch gehasst. Da habe ich gesagt: Ich höre auf, weil ich einfach gesehen habe, dass ich die Kurve nicht mehr kriege. Ich habe nach einem Freundschaftsdienst bei der SG Sonnenhof Großaspach 2015 Schluss gemacht, weil die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu weit auseinanderging.

 

Wann kam der Knick?

Rapolder: Mit dem Schritt von Köln nach Koblenz wurde es schwierig. Bevor ich 2005 von Bielefeld nach Köln ging, hatte ich mit fünf Vereinen gesprochen, die mich wollten. Ein halbes Jahr später, nach dem Aus in Köln, habe ich ein Jahr auf ein Angebot warten müssen. Dann kam die TuS Koblenz auf mich zu. Die Mannschaft hatte in der 2. Liga einen Negativlauf, der Abstieg drohte. Es waren noch vier Spiele zu spielen. Wir holten aus den ersten drei Spielen neun Punkte und schafften den Klassenerhalt. Anschließend hat der Klub mir einen Vierjahresvertrag angeboten, der für Koblenzer Verhältnisse fast schon sittenwidrig war. Ich habe dann überlegt: Wenn ich das annehme und auf das Geld ein bisschen aufpasse, müsste das als Sicherheit reichen. Ich habe es damals auch deshalb gemacht, weil ich Sorgen hatte, dass ich in Deutschland einfach nicht mehr so akzeptiert werde, wie ich bin. Dann kamen in Koblenz die Probleme mit dem Punktabzug. Als ich Ende 2009 gehen musste, war ich müde. Es war nicht so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Da bin ich im Nachhinein dann wahrscheinlich bestraft worden für den Wechsel nach Köln.

 

Hätten Sie rückblickend betrachtet doch besser in Bielefeld bleiben sollen?

Rapolder: Ich hatte auch mit Leverkusen gesprochen. Bayer und Stuttgart waren eigentlich meine Wunschvereine. Aber Köln wollte mich unbedingt und es war klar, dass Huub Stevens am Saisonende aufhören würde. Gleichzeitig verkaufte Bielefeld Spieler wie Skela, Langkamp, Owomoyela, Buckley, Lense. Unter diesen Voraussetzungen hatte ich es mir bei Arminia nicht mehr zugetraut.

 

Wie schwer ist Ihnen der Schritt aus dem Trainergeschäft später gefallen?

Rapolder: Es war sehr schwer loszulassen, ich habe gelitten. Aber ich sage Ihnen etwas: Ich würde den Gewinn des Champions-League-Pokals mit Real Madrid oder Liverpool nicht eintauschen wollen gegen meine zwei Enkel. Ich bin schon sehr verliebt in die beiden. Meine Tochter lebt mit ihrer Familie in Regensburg. Während der Corona-Zeit war sie für ein paar Tage mit den Kindern bei uns zu Hause in Heilbronn. Das war schon auch anstrengend für den Opa (lacht). Morgens um sieben ging es los: Opi, Opi, lass uns spielen! Irgendwann ist es mir auch dadurch gelungen, mehr oder weniger loszulassen. Schon als der erste Enkel da war, merkte ich, wie wichtig Freundschaften und Familie sind. Früher gab es nichts Schlimmeres für mich, als zu verlieren. Jetzt bin ich entspannter, weil sich die Prioritäten verschoben haben – weg vom Druck, weg von einer gewissen Eitelkeit hin zum Persönlichen, Sozialen, Sinnstiftenden.

 

Was würden Sie heute anders machen?

Rapolder: Als Trainer würde ich nichts anders machen. Eines vielleicht doch: Ich hätte kein Problem, mich bei dem einen oder anderen Spieler zu entschuldigen. Wenn ich in Fahrt war, konnte ich ungemütlich sein. Ich war Perfektionist und nicht immer der Geduldigste. Wenn am Ende einer gelungenen Ballstafette mit Vertikalspiel, Klatschenlassen, Ball in die Tiefe dann einer hinters Tor flankte, bin ich verrückt geworden. Aber man kann den Spielern schon auch mal die Meinung sagen – wenn man sie nachher in den Arm nimmt. Das macht denen nichts aus. Mit Delron Buckley zum Beispiel hatte ich anfangs drei Wochen lang Differenzen. Er ist immer viel zu früh nach innen gezogen. Ich habe ihm erklärt, er soll die Außenposition halten. In 177 Spielen für Bochum hat er 20 Tore gemacht, in Bielefeld waren es in einer Saison 15. Er war auch kein Dribbler, auch wenn er das dachte. Als ich ihm das gesagt habe, war er not amused. Buckley ging dann nach Dortmund und hat dort viel Geld verdient. Da war er mir auch nicht mehr böse (lacht).

 

Welchen Stellenwert hatte Ihr Engagement bei Arminia für Sie?

Rapolder: Sportlich war Bielefeld das wertvollste Engagement. Ich erinnere mich noch genau: Als ich das erste Mal in der Kabine eine Ansprache hielt, war mir sofort klar bei, dass wir aufsteigen. Da saßen Matze Hain, Rübe Kauf, Benjamin Lense, Detlev Dammeier. Da habe ich gesagt: Männer – ich weiß es noch wie heute –, Männer, passt auf: Ich schätze den Benno (Möhlmann, Rapolders entlassener Vorgänger; die Redaktion) total, aber guckt euch doch mal an, wie ihr da sitzt. Ihr seid im Mittelfeld der 2. Liga, das geht gar nicht. Ich sage euch: Wir steigen auf. Nicht als Dritter, auch nicht als Zweiter. Wir steigen als Erster auf, nur damit ihr es wisst. Leider haben wir dann versagt, denn wir sind ja nur als Zweiter aufgestiegen (lacht).

 

Wie beurteilen Sie die Arminia von heute?

Rapolder: Organisation und Motivation, darauf kommt es an. Wenn das passt, kommt Stabilität ins Spiel. Und über diese Stabilität verfügt Arminia. Ich habe schon an Weihnachten gesagt, dass Arminia aufsteigt. Die Mannschaft hat Charakter. Und bevor ich es vergesse: Fabian Klos ist für mich Mister Arminia. Das ist ein Vorz

Der heutige Arminia-Trainer Uwe Neuhaus mit Kapitän Fabian Klos

Der heutige Arminia-Trainer Uwe Neuhaus mit Kapitän Fabian Klos Foto: Starke

eigespieler, der normalerweise fünf Millionen pro Jahr in der Premier League verdienen müsste. Diese Vereinstreue und wie er vorneweg marschiert – großartig.

 

Worauf wird es künftig ankommen?

Rapolder: Auf das Gleichgewicht zwischen Abwehr und Angriff. Wenn du kompakt stehst, brauchst du Geschwindigkeit nach vorne. Wir hatten damals Buckley links und Owo rechts. Damit hatten wir aus einer geschlossenen Defensive heraus Tempo im Spiel. Wir haben vorne Vata gesucht, der hat auf Skela abgelegt und der wiederum hat dann schön nach vorne durchgesteckt.

Wenn ich mir Freiburg, Mainz, Augsburg angucke – die sind doch nicht besser als Bielefeld. Ich glaube, Arminia kann sich wieder drei, vier Jahre in der 1. Liga halten.

Ich erinnere mich, dass wir damals nach dem Aufstieg aus den ersten vier Spielen nur zwei Punkte holten. Bielefeld blieb dann fünf Jahre in der 1. Liga. Was ich damit sagen will: Arminia muss geduldig bleiben. Aber da haben sie mit Neuhaus den richtigen Trainer – nicht nur weil er Uwe heißt. Er strahlt Ruhe und Souveränität aus. Das ist um so wichtiger, weil die Trainerposition im heutigen Fußball eindeutig an Wichtigkeit verloren hat.

 

Woran liegt das?

Rapolder: An der Rolle des Sportdirektors. Der Trainer müsste mehr Einfluss auf die Zusammenstellung der Mannschaft haben. Doch die Hauptverantwortung liegt beim Sportdirektor, was dann zu einem Ungleichgewicht zwischen den Kompetenzen des Trainers einerseits und dessen Verantwortung andererseits führt. Nach vier Niederlagen am Stück muss ganz selten der Sportdirektor gehen, sondern meistens der Trainer.

Die Trainer sind heutzutage auch austauschbarer geworden als früher. Sie haben an Stellenwert verloren und das hat wiederum ihre Persönlichkeit geschwächt. Bei einem jungen Trainer fällt es dem Verein nach einer Negativserie leichter zu sagen: Komm, wir probieren einen anderen aus. Einen erfahrenen Trainer wie Uwe Neuhaus, der sich einbringt auch als Persönlichkeit im zwischenmenschlichen Bereich, kannst du nicht so einfach abschieben. Bei ihm habe ich ein gutes Gefühl.

 

Wie würden Sie den Kader in der 1. Liga verändern?

Rapolder: Mit Fabian Klos und Andreas Voglsammer hat Arminia zwei gute Leute vorne. Das Team ist gut organisiert, stabil, kompakt. Das ist die halbe Miete.

 

Welchen Tipp können Sie Uwe Neuhaus geben, wenn es in die 1. Liga gehen sollte?

Rapolder: Der braucht keinen Tipp. Allerdings war er noch nie in der 1. Liga – genauso wie ich damals. Ich hatte zwar in der Schweiz in der 1. Liga trainiert, aber nicht in Deutschland. Er muss einfach sein Ding durchziehen. Und er braucht eine Waffe: Geschwindigkeit, vor allem auf den Flanken. Ansonsten kannst du im großen und ganzen so weitermachen. Um Arminia mache ich mir keine Sorgen.

Zur Person

Uwe Rapolder wurde am 29. Mai 1958 in Hausen an der Zaber, ein Dorf im Landkreis Heilbronn in Baden-Württemberg, geboren. Vom VfR Heilbronn zog es ihn als Spieler ins Ausland, zunächst nach Belgien, dann in die Schweiz. In Deutschland stand der Mittelfeldspieler bei TeBe Berlin und dem SC Freiburg, wo er ein Teamkamerad des späteren Bundestrainers Joachim Löw war, unter Vertrag, ehe er zurück in die Schweiz wechselte. Im Oktober 1991 beendete Rapolder seine aktive Laufbahn und wurde direkt Trainer. Nach diversen Stationen in der Schweiz kehrte er zurück nach Deutschland. Seine Stationen: Waldhof Mannheim, LR Ahlen, Arminia Bielefeld, 1. FC Köln, TuS Koblenz, Karlsruher SC und SG Sonnenhof Großaspach.

Rapolder schloss 1985 in Zürich ein Wirtschaftsstudium ab. Er spricht mehrere Sprachen und hält Seminare und Referate in den Bereichen Motivation und Organisation. Der 62-Jährige ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Heilbronn.

 

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