Bernd Wagner vom Stadtarchiv Bielefeld blickt auf Arminias ersten Bundesligaaufstieg zurück
Vor 50 Jahren: Erstmals 1. Liga

Bielefeld (WB). So etwas hatte es in Bielefeld noch nicht gegeben. Am 28. Juni 1970, einem Sonntag, bildeten seit den Mittagstunden Autos von der Autobahnabfahrt Hillegossen über die Detmolder Straße ein Spalier bis in die Innenstadt. Es waren so viele Menschen auf der Straße, dass der Verkehr zusammenbrach und selbst die Straßenbahn ihren Betrieb einstellen musste. An der Endstation Sieker standen im strömenden Regen Hunderte Menschen, schwarz-weiß-blaue Fahnen schwingend, schreibt Bernd J. Wagner vom Stadtarchiv in einem historischen Rückblick. Die Bielefelder warteten auf die Fußballmannschaft des DSC Arminia. Denn die war am Vortag in die Bundesliga aufgestiegen.

Dienstag, 09.06.2020, 14:00 Uhr
Von oben sah es sehr voll aus: Arminia gegen Tennis Borussia Berlin am 4. Juni 1970 auf der Alm. Foto: Günter Rudolf/Stadtarchiv Bielefeld

Erst am Tag zuvor, am 27. Juni 1970, hatten die Arminen mit einem 2:0-Sieg über Tennis Borussia in Berlin den Aufstieg geschafft – nach vier heißen Wochen. Und zwar nicht aus der Zweiten Bundesliga, die es damals noch nicht gab, sondern aus einer der fünf Regionalligen. Deren Erst- und Zweitplatzierte kämpften am Ende der Saison in Aufstiegsrunden um die begehrten Plätze im Fußballoberhaus.

Saisonziel Aufstiegsrunde

Arminia hatte in den Jahren zuvor die Saison immer im oberen Drittel der Regionalliga West abgeschlossen, die Aufstiegsrunde war Saisonziel. Die Arminen waren in der Tat auch gut gestartet, rutschten aber im November 1969 nach einer vermeidbaren Niederlage gegen die Spielvereinigung aus Lünen auf den sechsten Tabellenplatz ab. Die Liga wurde souverän vom VfL Bochum angeführt.

Für viele überraschend, schreibt Wagner, folgte in Bielefeld die Entlassung des Trainers Hans Wendlandt (1918-1978), der die Arminen seit 1966 trainierte. Der Vereinsvorsitzende Wilhelm Stute sprach von „unüberbrückbaren Gegensätzen der beiderseitigen Auffassungen“. Wendlandt betonte, dass der Vorstand fair mit ihm verhandelt habe und kommentierte: „Ich kann auch verstehen, dass die Zuschauer nach drei Jahren etwas anderes sehen wollen. Sie wünschen, dass die Mannschaft mal auf den ersten oder zweiten Platz kommt.“ Im Verein sei es zudem längst kein Geheimnis mehr gewesen, hat Wagner recherchiert, dass sich die Mannschaft vom Trainer abgewandt hatte.

Wendlandts Nachfolger wurde Egon Piechaczek, der zuvor den 1. FC Kaiserslautern trainiert hatte. Er nahm am 13. November 1969 seine Arbeit auf. „Verein und Spieler werden Opfer bringen müssen“, forderte er und versprach der Mannschaft „harte Arbeit, Schweiß und Tränen“.

Trainerwechsel

Der Trainerwechsel zeigte Wirkung: Drei Spieltage vor Saisonende führten die Arminen die Tabelle vor den punktgleichen Bochumern wegen des besseren Torverhältnisses an. Bei den letzten drei Spielen aber geriet Sand ins Getriebe der Favoriten: Bielefeld holte nur einen, Bochum drei von sechs möglichen Punkten. Der Verdacht kam auf, dass beide Mannschaften in der Aufstiegsrunde nicht gegen den Favoriten Kickers Offenbach spielen wollten. So führten die Arminen im vorletzten Spiel gegen Fortuna Düsseldorf bis zur 80. Minute mit 2:0, mussten dann aber innerhalb von sieben Minuten den Ausgleich hinnehmen. Und im letzten Spiel gegen Bayer Leverkusen spielten sie „mit angezogener Handbremse“ und verschenkten den Sieg, wie das Westfalen-Blatt am 25. Mai konstatierte. Das Spiel ging 0:1 verloren.

Spieler geschont

Piechaczek gab später zu, bei diesem Spiel einige Spieler für die Aufstiegsrunde geschont zu haben. Seine Taktik hatte Erfolg: Als Tabellenzweiter qualifizierte sich der DSC Arminia für die Aufstiegsrunde. Während Bochum nun in der „starken“ Gruppe mit Offenbach, Hertha Zehlendorf, VfL Wolfsburg und FK Pirmasens spielen musste, bildete Arminia Bielefeld mit SV Alsenborn, Tennis Borussia Berlin, Karlsruher SC und VfL Osnabrück Gruppe 2.

Vorab aber mussten noch die Auflagen des Deutschen Fußball-Bundes für die Aufstiegsspiele erfüllt werden. So fehlten bis dahin Umkleidekabinen mit direktem Zugang zum Spielfeld ebenso wie eine „Absperrung zwischen Innenraum und Zuschauerrängen“; gefordert wurde zudem eine Verstärkung des Ordnungsdienstes und eine Verbesserung der sanitären Anlagen. Und der Verein sollte garantieren, dass das Spielfeld 105 Meter lang und 68 bis 70 Meter breit war. Eine Auflage in der Bundesliga waren zudem eine gedeckte Tribüne, eine Flutlichtanlage sowie für die Presse bis zu 75 Plätze mit dazugehörendem Presseraum, ergänzt der Historiker Wagner. Der DFB kündigte an, um den 1. Mai herum nach Bielefeld zu kommen und sich das Stadion „Alm“ anzuschauen.

Tatsächlich bestand Handlungsbedarf: Als am 19. April das Spitzenspiel der Regionalliga West gegen den VfL Bochum stattfand, herrschte drangvolle Enge auf der „Alm“. Zum Applaudieren fehlte der Platz, und „wer sich eine Zigarette anzünden wollte, lief Gefahr, seinen Nachbarn gleich mit in Brand zu setzen“ zitiert Wagner aus einem Pressebericht. Das Westfalen-Blatt titelte: „Knapp vor dem Chaos“.

Euphorie greift um sich

Die Euphorie des 2:0-Sieges gegen den starken Konkurrenten wurde aber auch ins Rathaus getragen. Einen Tag nach dem Spiel reichte der Sportausschuss einen Dringlichkeitsantrag ein, der die Kapazität der „Alm“ auf bis zu 30.000 Zuschauer erhöhen sollte. Die Stadt veranschlagte für den Bau einer 8600 Stehplätze umfassenden Stahlrohrtribüne 300.000 bis 350.000 Mark und erklärte sich bereit, die Hälfte der Kosten zu tragen. Für die andere Hälfte wollte Oberbürgermeister Herbert Hinnendahl die Geldinstitute in Bielefeld gewinnen, die im Rahmen eines Sponsorings Anteile in Höhe von bis zu 20.000 Mark zeichnen konnten. Innerhalb weniger Tage lagen Zusagen von über 100.000 DM vor.

Arminia gab das Vertrauen zurück und bezwang am 27. Mai Alsenborn. Als es am 3. Juni auf der Alm gegen Tennis Borussia Berlin ging, blieb es allerdings beim 1:1 – vor nicht ausverkauftem Stadion. Das mochte am unbequemen Mittwochabend oder an den erhöhten Preisen (die vorgeschrieben waren) liegen, vielleicht aber auch an der Fußball-Weltmeisterschaft, die in Mexiko begonnen hatte. Denn ausgerechnet am 3. Juni 1970 gab es dort den mühsamen Auftaktsieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Marokko.

Auch das Auswärtsspiel in Osnabrück endete unentschieden, während am 10. Juni der Karlsruher SC auf der Alm souverän mit 3:1 besiegt wurde und Arminia am 17. Juni auch das Heimspiel gegen Alsenborn mit 3:0 gewann. Auch gen Osnabrück gelang ein 3:0-Sieg, auf den eine unglückliche Niederlage in Karlsruhe folgte.

Hitzeschlacht

Am Morgen des 27. Juni schließlich führte der Karlsruher SC mit 11:5 Punkten die Tabelle der Aufstiegsgruppe 1 an. Bielefeld folgte mit 10:4 Punkten auf dem zweiten Platz. Während Karlsruhe die Aufstiegsrunde bereits beendet hatte, blieb Bielefeld noch das letzte Spiel in Berlin. Das musste, wollte man in die Bundesliga aufsteigen, gewonnen werden. Im „Glutofen des Berliner Olympiastadions“ sollen an diesem Nachmittag 52 Grad Celsius auf dem Platz gemessen worden sein. Und die Arminen gewannen die Hitzeschlacht mit 2:0.

Wie erwartet hatte Kickers Offenbach die zweite Aufstiegsgruppe für sich entschieden. Beide Aufsteiger erzielten 12:4 Punkte, die Arminen hatten aber das bessere Torverhältnis. Die Spieler belohnten sich in Berlin mit einem Glas Sekt in der Schwimmhalle des Luxushotels ‚Seerose‘, weiß Wagner.

Nach vier heißen Wochen des Kampfes um den Aufstieg regnete es am Tag nach dem entscheidenden Sieg in Ostwestfalen wie aus Kübeln. Dessen ungeachtet feierte die Stadt frenetisch die Heimkehr der schwarz-weiß-blauen Helden. Und erstmals standen die Bundesligaaufsteiger auf dem Rathausbalkon.

„Abenteuer“ Bundesliga

Oberbürgermeister Hinnendahl hatte die Mannschaft mit seiner Frau Hildegard vom Flughafen in Hannover abgeholt. Er wies auf „einige schwerwiegende Voraussetzungen“ hin, die noch umgesetzt werden müssten, damit Arminia den Schritt in die Bundesliga auch tatsächlich gehen könne.

In der Tat reichte die sportliche Leistung eines Vereins nicht mehr aus, sich für das Fußballoberhaus zu qualifizieren. Als neuer Bundesligist musste Arminia zuerst einmal 250.000 DM Kaution an den Deutschen Fußballbund zahlen – Geld, das nicht da war. Bei Serienbeginn musste es zudem 10.000 überdachte Plätze auf der Alm geben – „das Geld dafür ist nicht da“, schrieb ein Kolumnist. Trainer und Spieler wollten höher dotierte Bundesligaverträge, einige Funktionäre mussten zu ‚Hauptamtlichen‘ ernannt oder eingestellt werden.

Ein Sportredakteur der Deutschen Presseagentur formulierte, die Bundesliga sei für Bielefeld ein „Abenteuer“; die „größten Probleme“ würden erst mit dem Aufstieg auf den Verein zukommen. Allen Unkenrufen zum Trotz erfüllte Bielefeld die Auflagen des DFB und spielte als prophezeiter „Punktelieferant“ und „Abstiegskandidat Nummer 1“ eine erstaunlich gute Saison. Nach dem letzten Spiel, das Arminia wiederum im Berliner Olympiastadion gegen die Hertha mit 1:0 gewann, stand der DSC auf Tabellenplatz 14.

Die Bombe platzt

Die heimkehrende Mannschaft wurde auf dem Bielefelder Hauptbahnhof frenetisch gefeiert. Und dann platzte die Bombe. Zunächst ungläubig hörte man in Bielefeld von der Pressekonferenz des Offenbacher Präsidenten Horst Gregorio Canellas (1921-1999), der erstmals von Bestechung sprach.

Dem Jubel im Juni 1970 folgte nur ein Jahr später Enttäuschung, Trauer und Wut. „Arminia ist tief gefallen nach dem Bestechungsskandal, an dem sich längst nicht nur der ostwestfälische Traditionsverein beteiligt hatte“, schreibt Wagner.

Erst 1978 glückte der zweite Aufstieg, dem noch fünf weitere Aufstiege, aber auch Abstiege folgten. Nun, 50 Jahre nach dem ersten Aufstieg, soll es wieder gelingen.

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