Armine Amos Pieper spricht über das Leben eines Profis in der Corona-Krise
„Das Lernen ist gut für den Kopf“

Bielefeld (WB). Amos Pieper kann sich über Langeweile in der Corona-Krise nicht beklagen. Der Abwehrspieler von Arminia Bielefeld hat im Herbst ein Fernstudium begonnen. Im Video-Interview spricht der 22 Jahre alte Profi des Zweitliga-Tabellenführers über die Zwangspause, Wirtschaftspsychologie und ein Regal, das nun endlich steht.

Samstag, 04.04.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 04.04.2020, 10:18 Uhr
Interview am Laptop: Arminia-Profi Amos Pieper im Gespräch mit Redakteur Dirk Schuster (unten rechts). Foto: Schuster

Fühlen Sie sich einsam, Herr Pieper?

Amos Pieper: Ich kann gut alleine sein, auch wenn ich schon gern Leute um mich herum habe. Meine Freundin ist aktuell mein einziger näherer sozialer Kontakt. Aber wir haben ja das große Glück, dass die Regeln hierzulande zulassen, unter Einhaltung bestimmter Regeln rausgehen zu dürfen. Außerdem hat unsere Mietwohnung einen Balkon. Das ist überaus angenehm, gerade wenn das Wetter wie zuletzt ein bisschen schöner ist.

Wie geben Sie Ihrem Tag eine Struktur?

Pieper: Ich habe im Oktober vergangenen Jahres ein Fernstudium in Wirtschaftspsychologie angefangen. Stand heute ist es so, dass ich nach meiner Karriere nicht unbedingt im Fußballgeschäft bleiben will. Andererseits schließt der Studienzweig eine Laufbahn im Fußball nicht aus. Ich denke, man kann es in vielen Lebenslagen gut gebrauchen. Außerdem ist das Lernen gut für den Kopf und es hilft, die Zeit sinnvoll herumzubekommen. Davon abgesehen ist es einfach so: Wenn man jeden Morgen bis 9, 10 oder 11 Uhr schläft, dann kommt man gar nicht richtig in den Tag hinein. Meine Freundin befindet sich im Homeoffice und steht morgens früh auf – und ich dann mit ihr. Morgens oder abends absolviere ich dann mein Individualtraining draußen oder in der Wohnung. Und abends wird auch mal eine Runde Playstation mit den Jungs gezockt, um den sozialen Kontakt zu halten. Das funktioniert heutzutage ja auch, ohne dass man sich dafür treffen muss.

Gibt es etwas, dass vor der Zwangspause liegen geblieben ist und wofür Sie jetzt Zeit finden?

Pieper: Ich schaue mir coole Sportmomente im Fernsehen an, die ich auch schon selbst verfolgt habe. Die WM 2014 zum Beispiel oder Finalzusammenfassungen der Champions League. Für unsere Wohnung hatten wir vor einiger Zeit ein Regal für die Abstellkammer gekauft. Das habe ich endlich aufgebaut, auch da ist jetzt Ordnung. Und bevor die Kontaktbeschränkungen in Kraft traten, war ich bei meinen Eltern im Münsterland und habe im Keller alte Fußballsachen von mir aufgeräumt und meinem Papa bei der Gartenarbeit geholfen.

Gefühl von Einsamkeit?

Vermissen Sie den Kontakt zum Trainerteam und zu Ihren Mitspielern?

Pieper: Unser Trainer Uwe Neuhaus hat während der Phase der Trainingspause mit jedem von uns mindestens einmal gesprochen. Und was die Mitspieler betrifft: Es kommt gerade alles irgendwie zur falschen Zeit. In der Sommer- oder Winterpause ist es schon auch ganz angenehm, mal ein bisschen Abstand zu bekommen. Jetzt in dieser Phase ist es ungewöhnlich, dass alles stillsteht. Ja, ich vermisse die Jungs und auch das Team drumherum.

Haben Sie Angst davor, sich mit dem Coronavirus zu infizieren?

Pieper: Angst nicht. Ich bin jung und gesund. Ich habe Respekt vor dem Virus. Aber ich habe keine Angst davor, mich anzustecken. Ich habe eher Angst davor, jemand anderen zu infizieren. Einige haben das Virus vielleicht in sich und wissen es gar nicht. Man sollte darum extrem aufpassen, nicht als Überträger zu fungieren.

Ist es Ihnen schwergefallen, einen Gehaltsverzicht bei Arminia in Kauf zu nehmen?

Pieper: Ich denke, ich kann für die ganze Mannschaft sprechen: Uns war relativ schnell klar, dass man damit einen wichtigen Beitrag leisten kann, der dem Verein und den Mitarbeitern extrem hilft. Deswegen war das keine allzu schwere Entscheidung.

Wie sehr fühlen Sie sich durch die aktuelle Situation im Kampf um den Erstligaaufstieg ausgebremst?

Pieper: Es gibt wichtigere Dinge als den Fußball, auch wenn er vielen Leuten extrem fehlt – mir auch. Aber wenn man sieht, was in den USA, in Italien, in Spanien oder in den Dritte-Welt-Ländern passiert und was dort in den Krankenhäusern los ist, sollte man sich nicht groß darüber ärgern oder gar aufregen, dass im Fußball gerade Pause ist.

Angst um den Lohn der guten Saison?

Fürchten Sie, dass die Saison abgebrochen und Arminia um den Lohn der Arbeit gebracht werden könnte?

Pieper: Der Aufstieg würde mir extrem viel bedeuten. Ich gehe nicht davon aus, dass die Saison abgebrochen wird, und ich glaube auch nicht, dass das zur Debatte steht.

Wie schwer wird es Arminia fallen, umzuschalten, wenn es wieder losgeht?

Pieper: Da bin ich selbst ein bisschen gespannt. Dass wir vor der Unterbrechung Bock auf Fußball hatten, hat man gesehen. Ich mache mir keine großen Sorgen, dass wir lange brauchen werden, um wieder reinzufinden. Wir sind ja die gleichen Fußballer wie vorher. Und für alle anderen gelten genau die gleichen Voraussetzungen wie für uns.

Wenn wieder gespielt werden sollte, dann ohne Publikum.

Pieper: Die Fans haben uns getragen bisher. Ohne sie spielen zu müssen, wäre schade, ist aber wohl alternativlos. Wir haben dann die Fans dafür in unseren Köpfen und in unseren Herzen.

Sie hatten gute Chancen, für Deutschland in diesem Sommer beim Olympischen Fußballturnier in Tokio mit dabei zu sein. Die Spiele werden erst 2021 stattfinden. Wie enttäuscht sind Sie?

Pieper: Das ist extrem schade. Es wäre ein absolutes Highlight gewesen – aber alles erst nach dem großen Ziel Aufstieg mit Arminia. Doch wer weiß, wie es in einem Jahr ist? Wenn ich in guter Form bin, bekomme ich ja vielleicht doch noch meine Olympia-Chance.

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