Ex-Armine Julian Börner über das Leben mit Corona in Sheffield
„Fußball ist total weit weg“

Bielefeld/Sheffield (WB). Julian Börner kommt gerade vom Laufen. Viele Menschen sind ihm nicht begegnet an diesem Tag in Sheffield, nur ein paar andere Jogger waren unterwegs. „Die Leute sind sehr diszipliniert“, berichtet Börner, der seit Sommer 2019 beim englischen Fußball-Zweitligisten Sheffield Wednesday spielt.

Mittwoch, 01.04.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 01.04.2020, 11:02 Uhr
In den Straßen von Sheffield: Julian Börner hält sich fit. Foto: privat

Wobei im Moment niemand in England Fußball spielt, da unterscheidet sich das Königreich nicht vom Rest Europas (außer Weißrussland). Folglich ist auch Börner, der vor seinem Wechsel auf die Insel fünf Jahre beim DSC Arminia Bielefeld als Innenverteidiger abräumte , ins Homeoffice geschickt worden. Und die Umstellung fällt gar nicht so leicht. Börner ist mit der früheren Fußballerin Kristina (29) verheiratet, zusammen haben sie eine Tochter. Emma wird Ende Mai drei Jahre alt. „Von morgens um sechs Uhr an ist Leben in der Bude. Wenn dann abends gegen sieben Ruhe ist, sind wir auch mal froh“, geht es Familie Börner auch nicht anders als vielen anderen Eltern.

Ausgangssperre seit 23. März

Normalerweise wäre der Papa tagsüber mehrere Stunden beim Training und Emma im Kindergarten. „Sie hatte schon ein bisschen englisch geredet, das fällt jetzt auch weg. Aber das ist jetzt egal, uns geht es ja gut. Das ist doch das Wichtigste“, sagt der 29-Jährige. Zum Haus der Börners in einem Vorort von Sheffield gehört auch ein kleiner Garten, der hilft, den Lagerkoller zu verhindern. Etwas untypisch sei das Wetter zuletzt sehr gut gewesen, „zum Glück“.

Wann Julian Börner wieder seinem Beruf als Profifußballer nachgehen kann, steht in den Sternen. Seit dem 23. März gilt die Ausgangssperre. Dass sie nach drei Wochen aufgehoben wird, glauben die wenigsten. Viele Szenarien machen die Runde, am Freitag soll es eine weitere Sitzung der ersten beiden Ligen geben. Die Spielpause gilt bisher bis zum 30. April. In England ist noch mehr Geld im Spiel als in Deutschland, Italien oder Spanien. Der Letzte der Premier League bekommt zum Beispiel mehr TV-Geld als der FC Bayern München.

Schon 1900 Covid-19-Tote

„Fußball ist im Moment total weit weg“, gibt Julian Börner offen zu. In England sind bereits mehr als 1700 Menschen an Covid-19 gestorben. In Deutschland weniger als die Hälfte. „Wir sind mit den Maßnahmen zwei Wochen hinten dran“, sagt Börner, der natürlich früh die deutschen Nachrichten verfolgte. Das Krisenmanagement von Premierminister Boris Johnson wird von vielen Experten kritisiert. „Da kommt noch richtig was auf uns zu“, fürchtet Börner. Das nationale Gesundheitssystem (NHS) sei auch nicht das beste, nicht nur Börner befürchtet eine sehr hohe Dunkelziffer bei den Corona-Infizierten.

In seiner Mannschaft habe es bisher einen Fall gegeben, „aber zu ihm hatte ich seit drei Wochen keinen Kontakt“, sagt der Ex-Armine. Trotzdem ist es möglich, dass er bereits an Corona erkrankte. „Ich hatte länger Husten als sonst, meine Frau hat vier, fünf Tage richtig flach gelegen. Hatten wir Corona? Wir werden es nie erfahren“, macht sich natürlich auch der Fußballer seine Gedanken.

Kein Besuch zu Ostern

Soziale Kontakte sind derzeit massiv eingeschränkt. „Ansonsten haben wir an drei Wochenenden pro Monat Besuch. Zu Ostern wollten uns meine Eltern und Schwiegereltern besuchen. Das geht jetzt alles nicht mehr, wir halten Kontakt über Skype, Facetime und Whatsapp“, erzählt Börner. Wenn es möglich wäre, würde er gerne mit Frau und Kind in seine Heimat Weimar fahren. Derzeit ist das ausgeschlossen.

Ebenso wie Mannschaftstraining. Jeder Spieler hat einen Trainingsplan erhalten. Doch die Monotonie sei „für den Kopf Mist“. Stabilitäts- und Kräftigungsübungen macht Börner im Gästezimmer, einen eigenen Fitnessraum hat er in seinem Haus nicht. Beim Training muss er eine spezielle Uhr tragen, per App werden die Trainer informiert.

Während des Trainings denkt Börner auch an seinen Ex-Verein. Arminia ist Tabellenführer der 2. Liga, der Aufstieg ist nahe. „Sie spielen eine so gute Saison wie ewig nicht mehr und steigen dann vielleicht in einem Geisterspiel auf? Ohne auf dem Rathausbalkon mit Tausenden feiern zu können. Das tut mir im Herzen weh“, fühlt der frühere DSC-Kapitän mit seinen ehemaligen Kollegen. Aber Börner sagt auch direkt: „Das sind Luxusprobleme.“

An soziale Einrichtungen gespendet

Apropos Luxus: Ein Gehaltsverzicht der Fußballer ist in England bisher kein Thema. „Wir haben als Mannschaft aber einen großen Betrag an soziale Einrichtungen gespendet“, erklärt Börner. Die meisten englischen Vereine sind in der Hand von Besitzern, eine 50+1-Regel wie in Deutschland gibt es nicht. So lange die Eigner noch solvent sind, ist es nicht nötig, dass die Profis durch ihren Verzicht Arbeitsplätze zum Beispiel auf der Vereins-Geschäftsstelle sichern.

Wie geht’s weiter? Noch Wochen mit individuellem Training, ohne soziale Kontakte? Julian Börner könnte wohl auch mit einem Saisonabbruch leben. Mit seiner Mannschaft hat er von den letzten zehn Spielen vor der Corona-Pause nur eines gewonnen. Sheffield Wednesday ist auf Platz 15 in der 24er-Liga abgerutscht. Doch auch die englischen Fußballverbände tun alles, um die Saison irgendwie zu einem Ende zu bringen.

Also heißt es erstmal weiter trainieren, warten und zusehen, dass einem zuhause nicht die Decke auf den Kopf fällt. Doch positiv, wie Julian Börner schon immer war, sagt er: „Es ist alles egal. Wichtig ist, gesund zu bleiben.“

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