So gravierend sind die Auswirkungen der Corona-Krise für Arminia wirklich Gehaltseinbußen? „Es gibt keine Denkverbote mehr“

Bielefeld (WB). DFL-Boss Christian Seifert hatte nach der Krisensitzung der Deutschen Fußball-Liga am Montag in Frankfurt bereits ein ziemlich düsteres Bild gemalt. Jetzt äußerten sich auch die beiden Geschäftsführer des DSC Arminia Bielefeld, Markus Rejek (51, Finanzen) und Samir Arabi (41, Sport), ausführlich zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf den Tabellenführer der 2. Fußball-Bundesliga.

Von Dirk Schuster
Die beiden Geschäftsführer des DSC Arminia Bielefeld, Markus Rejek (links) und Samir Arabi.
Die beiden Geschäftsführer des DSC Arminia Bielefeld, Markus Rejek (links) und Samir Arabi. Foto: Thomas F. Starke

Muss das Lizenzierungsverfahren für die kommende Serie an die neue Situation angepasst werden?

Rejek: Die DFL hat am Montag klargemacht, dass es in dieser besonderen Situation Anpassungen im Lizenzierungsverfahren geben wird. Es wird Lockerungen geben, weil das für nahezu alle Verein absolut notwendig ist.

Ist Kurzarbeit der Geschäftsstellenmitarbeiter beziehungsweise der Profis ein Thema bei Arminia?

Rejek: Kurzarbeit ist aktuell noch kein Thema, wir müssen das aber prüfen. So wie wir tatsächlich alles prüfen müssen. Wirklich alles.

Was bedeutet die Aussetzung der Liga und die Bedrohung durch das Coronavirus speziell für Arminia Bielefeld?

Rejek: Es geht um Existenzen. Innerhalb der 36 Vereine sind insgesamt über 56.000 Jobs direkt betroffen sowie zig Zehntausende Jobs in angrenzenden Bereichen. Allein bei Arminia sind es über 650 Menschen, die mehr oder weniger direkt betroffen sind. Menschen, die in Teilzeit, Vollzeit oder als Minijobber arbeiten. Ich sage es deutlich: Wir sind in einer absoluten Krise.

Priorität eins hat die gesundheitliche Verantwortung, der wir als Liga mit dem Aussetzen der Spiele nachgekommen sind.

Darüber hinaus geht es nicht mehr darum, die bestmögliche Situation zu schaffen, sondern die am wenigsten schlechte Situation zu ermöglichen. Es ist darum auch keine Option seitens der DFL zu sagen: Wir beenden die Liga. Es geht um die Existenzgrundlage der Vereine. Es geht darum, so schnell es eine Situation irgendwann zulässt, wieder in den Spielbetrieb zu kommen. Es geht darum, die Existenzen von Mitarbeitern und deren Familien zu sichern.

Wie hoch ist die Summe, die Arminia im Falle eines Saisonabbruchs zum jetzigen Zeitpunkt fehlen würde?

Rejek: Ganz genau lässt sich diese Summe noch nicht beziffern. Aber wenn uns neben den Eintrittsgeldern auch die Erlöse aus dem TV-Vertrag wegbrechen würden, würde der Schaden, den wir jetzt schon absehen können, sechs bis sieben Millionen Euro betragen.

Welches Ergebnis hätten Sie bei einem normalen Saisonausklang finanziell erwartet?

Rejek: Das ist zum jetzigen Zeitpunkt vollkommen unwichtig.

Erwägen Sie bei einer Mehrzahl an Geisterspielen und der daraus entstehenden wirtschaftlichen Belastung nun womöglich doch, staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen oder Schadenersatz von Behörden zu fordern?

Rejek: Wen sollen wir in Regress nehmen? Wir sind aufgerufen, mit unseren eigenen Mitteln und Partnern die Situation zu regeln. Andererseits können wir Stand heute noch nicht alle Eventualitäten berücksichtigen. Die Situation ändert sich ja täglich. Aber noch mal: Wir müssen alles prüfen und nichts ist ausgeschlossen.

Ist denkbar, dass Profis in Kürze Einbußen in Sachen Gehalt hinnehmen müssen?

Arabi: Es gibt in dieser Situation keine Denkverbote mehr. Es geht um vielmehr als um Einzelschicksale. Wir sprechen derzeit Worst-Case-Szenarien durch. Um letztlich für alle Eventualitäten gewappnet zu sein, können wir in der jetzigen Situation kein einziges Szenario ausschließen.

Hat einer oder haben gar mehrere Spieler bereits von sich aus signalisiert, zumindest vorübergehend auf Gehalt oder zumindest Teile des Gehalts zu verzichten, um Arminias Liquidität zu gewährleisten?

Arabi: Bisher ist keiner auf uns zugekommen. Und das erwarte ich auch nicht. Ich denke auch, dass so etwas bisher in den wenigstens Unternehmen der Fall war. Aber ich kenne unsere Jungs und weiß: Wenn der Worst Case eintritt, würden wir mit den Spielern auch über das Thema Gehalt reden können. Wie gesagt: Wir müssen in alle Richtungen denken.

Würden Sie beide Gehaltsverzichte in Kauf nehmen?

Rejek: Wenn wir das von unseren Angestellten einfordern würden, werden wir natürlich mit gutem Beispiel vorangehen, gar keine Frage.

Sind auf der DFL-Sitzung mögliche Aufstiegs- und Abstiegszenarien besprochen worden?

Rejek: Auf und Abstiegsszenarien wurden nicht besprochen. Es geht auch nicht um Einzelinteressen, es geht um viel mehr.

Ist eine Fortsetzung der Saison über den 30. Juni hinaus denkbar?

Rejek: In der jetzigen Situation sollte gar nichts undenkbar sein. Aber das ist eine Frage für die DFL. Die Option, dass wir diese Saison in keiner Weise zu Ende spielen können, ist keine Option. Denn dann gibt es wahrscheinlich viele Vereine in Deutschland nicht mehr. Dass wir nicht mehr von einem normalen Wettbewerb sprechen können, darf und kann letztlich nicht dazu führen, dass wir diese Situation nicht annehmen – und wenn wir auf einem Bein auflaufen. Nochmal: Wir müssen so viele Spiele wie möglich absolvieren, um das wirtschaftliche Überleben der Vereine in den beiden Profiligen zu sichern. Englische Wochen könnten dazu führen, die Saison durchzubringen. Oder sogar weitere Anpassungen.

Glauben Sie, dass in dieser Saison noch Zuschauer bei Erst- und Zweitligaspielen anwesend sein werden?

Rejek: Nach jetzigem Stand denke ich nein. Doch gerade vor diesem Hintergrund muss jedem klar werden, dass Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit aktuell der „Best Case“ sind. Das ist bitter. Aber allemal besser als sich das andere Szenario vorstellen zu müssen. Dann sollten wir alle gemeinsam lieber diese Kröte schlucken.

Wie wichtig ist vor diesem Hintergrund die Verschiebung der EM auf den Sommer 2021?

Rejek: Das war die einzig vernünftige Entscheidung. Sie gibt allen europäischen Ligen mehr Flexibilität für die Austragung der ausstehenden Spiele. Statt bis zum eigentlichen Saisonende am 16. beziehungsweise 17. Mai haben wir nun Zeit bis zum 30. Juni.

Herr Rejek, Sie hatten in der Vorwoche erklärt, Arminia würde „auf die Barrikaden gehen“, sollte diese Saison annulliert werden.

Rejek: Diese Aussage ist mittlerweile überholt, sie gilt in der Form nicht mehr. Wie schon gesagt: Es geht nicht um Einzelinteressen. Es geht um wirtschaftliche Existenzen. Um das Große und Ganze.

Kommentare

Wenn das Wahrscheinliche unmöglich ist …

… dann ist man mit seinem Latein am Ende. Der Profi-Fußball kann trotz der gewaltigen finanziellen Wachstumsraten der letzten Jahre und Jahrzehnte, in Teilen jedenfalls, nicht überleben, wenn gut ¼ einer einzigen Saison ausfällt. Häme ist da zwar fehl am Platze. Aber der Profi-Fußball hat eben trotz bestehender finanzieller Möglichkeit nicht in seine Systemresilienz investiert. Europa war bis Corona die Insel der Glückseligen. Explodierende Atomkraftwerke, Terroranschläge und SARS oder Ebola gab es eben (fast) nur woanders. Was vom Profi-Fußball überlebt, wird zukünftig anders denken.

Auch in Zukunft werden FIFA, UEFA und DFL Milliarden verdienen, trotz sicher zunächst schrumpfender TV-Gelder binnen weniger Jahre. Ein kleiner Teil davon würde schon genügen, um das Gesamt-System Profi-Fußball nach den Corona-Finanzschäden komplett zu sanieren. Das wäre noch nicht einmal eine Frage der Solidarität, sondern der rationalen Selbsterhaltung als Gesamt-System. Verfolgt man die eigennützigen Aussagen der jüngeren Vergangenheit in Fragen von Solidarität oder in der Frage des Aufstiegs resp. Abstiegs muss man aber Zweifel daran haben, dass so viel Vernunft vorhanden ist. Im Konkurrenzkampf der Einzelinteressen wird die Pleite der anderen als normal empfunden, so lange der Markt in der Folge nicht komplett zusammenbricht. Das ist eben Kapitalismus.

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