Arminia-Trainer Saibene über den verpassten dritten Platz, Staudes zweite Chance und die erste Liga Saibene: »Der Aufstieg wäre zu früh gekommen«

Bielefeld(WB). Schon vor dem letzten Spieltag dieser Fußball-Zweitligasaison am Sonntag gegen Sandhausen (15.30 Uhr) hat Arminia Bielefelds Trainer Jeff Saibene allen Grund, zufrieden zu sein. Bestenfalls Vierter, im schlechtesten Fall Neunter – der DSC beendet die Saison auf einem einstelligen Tabellenplatz. Im Interview äußert sich der 49-Jährige über die  WhatsApp-Sprachnachricht, in der Keanu Staude seine Mitspieler beleidigt, über die Zukunft seiner  Stürmer Fabian Klos und Andreas Voglsammer sowie die Perspektive Bundesliga.

Hartnäckig, kämpferisch – und zufrieden: Jeff Saibene (Vertrag bis 2021) blickt auf eine starke Saison zurück, die er auf Tabellenplatz vier beenden möchte.
Hartnäckig, kämpferisch – und zufrieden: Jeff Saibene (Vertrag bis 2021) blickt auf eine starke Saison zurück, die er auf Tabellenplatz vier beenden möchte. Foto: Oliver Schwabe

Ihre Mannschaftskapitäne Julian Börner und Fabian Klos beklagen, dass jüngere Profis immer weniger Respekt vor den älteren haben. Entspricht das auch Ihrer Wahrnehmung?

Jeff Saibene: Ich glaube, dass das nicht nur im Fußball so ist. Ein Beispiel: Im Bus wären wir früher für ältere Mitfahrer automatisch aufgestanden. Heute kommt das nicht mehr so oft vor. Da hat sich insgesamt einiges in die falsche Richtung verändert. Es braucht schon viel Arbeit mit den Jungen – aber wenn sie einen starken Willen haben, bekommt man auch viel von ihnen zurück. Julian hat auch gesagt, dass einige Spieler denken, schon etwas erreicht zu haben, nur weil sie ihren ersten Profivertrag unterschrieben haben. Er hat Recht, das bedeutet eigentlich noch gar nichts.

War das zu Ihrer Anfangszeit als Spieler anders?

Saibene: Eher ja, aber auch da gab es verschiedene Typen. Ich war schon früh Profi und kam als 17-Jähriger zu Standard Lüttich. Standard war damals ein großer Klub. Ich hatte sehr, sehr großen Respekt. Das ist mir geblieben.

Sind Sie ein Trainer, der bei teaminternen Problemen eher gegensteuert oder auf Selbstregulierung setzt?

Saibene: Es braucht beides. Ich habe nach dem Vorfall mit der ominösen Sprachnachricht viel mit Keanu Staude gesprochen. Ich finde, man muss Spieler wie ihn unterstützen, muss helfen und auf gute Art und Weise erklären, wie sie sich benehmen sollten. Auch das ist Teil meines Jobs.

Ist Ihnen etwas Vergleichbares in Ihrer Karriere schon einmal passiert?

Saibene: In diesem Ausmaß nicht. Keanu hat mir aber versichert: »Trainer, wir reden heutzutage so. Das darf man nicht so ernst und nicht so persönlich nehmen.« Ich habe daraufhin mit meinem Sohn telefoniert. Er ist in einem ähnlichen Alter wie Keanu und hat mir bestätigt, dass das nicht unnormal ist. Doch natürlich darf ein Begriff wie Hurensohn nicht fallen. Ich hoffe, dass Keanu die richtigen Lehren daraus zieht. Das darf kein zweites Mal passieren.

Befürchten Sie, dass innerhalb der Mannschaft, speziell bei den Spielern, die Keanu Staude beleidigt hat, etwas hängen bleibt?

Saibene: Ich habe Fabian Klos erklärt, dass er ein bisschen wie der Vater der Jungs ist. Ich habe ihm gesagt: Fabi, du bist zehn Jahre älter. Klar hat Keanu einen riesigen Fehler gemacht. So etwas sollte nicht passieren, kann es aber. Ich würde mir sehr wünschen, dass du da drüber stehst und wir trotzdem alle weiter gemeinsam an einem Strang ziehen. Wir haben alle ein großes Ziel, wir wollen alle gemeinsam Erfolg haben.

Haben Sie nach der späten Rettung am letzten Spieltag der Vorsaison für möglich gehalten, dass Arminia eine Serie wie diese hinlegen würde?

Saibene: Kurz nach unserem letzten Spiel vor einem Jahr in Dresden habe ich zu Samir Arabi (Sport-Geschäftsführer) gesagt: Wenn eine Mannschaft eine so schwere Zeit übersteht, geht es häufig in diese Richtung (macht mit der flachen Hand eine Bewegung von unten nach oben). Ich war überzeugt, dass einiges möglich ist, zumal wir von den letzten zehn Spielen der Vorsaison ja auch nur eins verloren hatten. Ein Schlüssel zum Erfolg ist Kontinuität. Die Mannschaft ist weitgehend zusammengeblieben – und das wird auch jetzt wieder so sein. Und genau wie im vergangenen Sommer probieren wir auch jetzt wieder, eine Handvoll gute Spieler dazuzuholen.

Um das Ergebnis dieser Saison noch zu toppen?

Saibene: Ich sehe das sehr realistisch. Von oben kommt Köln, dazu wahrscheinlich Hamburg. Köln ist der Topfavorit. Von unten kommen Paderborn und Magdeburg. Ich habe Paderborn ein paar Mal gesehen. Das ist eine gute Truppe. Das Derby wird ein Highlight werden. Aufsteiger kommen häufig mit einer gewissen Euphorie. Platz vier zu bestätigen, wäre für uns ein extrem hohes Ziel. Wenn wir wieder eine sorgenfreie Saison spielen würden, wäre ich absolut zufrieden. Denn es wird sicher nicht einfacher.

Das Ziel Aufstieg werden Sie demnach eher nicht ausrufen?

Saibene: Nie!

Wie sehr ärgert es Sie, Platz drei verpasst zu haben?

Saibene: Wir hätten die Relegation als Highlight zum Schluss schon noch gern gehabt. Doch man muss es auch mal so sehen: Es wurde ja oft gesagt, dass es noch nie so einfach war, Dritter zu werden. Ich sage aber: Es war vielleicht auch noch nie so schwer, nicht in akute Abstiegsnot zu geraten. Innerhalb unseres Trainerteams war das oft Thema: Was haben wir doch für eine schöne Ausgangslage! Das ist das Beste in unserem Job: keinen Abstiegsstress zu haben. Ich denke an die Vorsaison zurück. Nach unserem 6:0 am vorletzten Spieltag gegen Braunschweig habe ich gleich nach dem Abpfiff gedacht: Was, wenn wir jetzt in Dresden verlieren und die anderen punkten? Dann sind wir trotzdem weg. Ich konnte die ganze Euphorie nach diesem 6:0 gar nicht genießen. Das war in dieser Saison anders.

Wie gehen Sie mit diesem Druck um?

Saibene: Das Wichtigste im Leben ist Erfahrung. Sie hat mich gelassener werden lassen, auch wenn ich nach außen wahrscheinlich gelassener aussehe als ich es tatsächlich bin. Aber Druck ist immer da. Auch jetzt noch. Ich will unbedingt Vierter werden – und das habe ich der Mannschaft auch gesagt. Ich finde, dass das eine fantastische Leistung wäre.

Haben die Kieler es verdient, Dritter zu werden?

Saibene: Ja, weil sie extrem stabil sind. Ich kann gut damit leben. Man muss ehrlich anerkennen: Das ist in Ordnung so.

Wäre ein Aufstieg für Arminia zu früh gekommen?

Saibene: Ich glaube schon, dass der Aufstieg zu früh gekommen wäre. Besser ist, kontinuierlich etwas aufzubauen.

Wann wäre der richtige Zeitpunkt, um aufzusteigen?

Saibene: Schwer zu sagen. Wenn wir die laufende Saison bestätigen können, wäre die Basis noch stabiler, um in der darauffolgenden Serie vielleicht den Schritt machen zu können.

Hätten Sie persönlich schon jetzt aufsteigen können, sprich: Gab es Anfragen aus der 1. Liga?

Saibene: Nichts Konkretes.

Inwieweit verschafft das Wirtschafts-»Bündnis Ostwestfalen« hinsichtlich der Kaderplanung für die kommende Serie neue Möglichkeiten?

Saibene: Wir können unsere Schulden reduzieren und gesunden. Aber deswegen haben wir noch nicht mehr Geld auf dem Konto, um davon Spieler zu bezahlen. Ich denke schon, dass die Ausgangslage besser ist, um potenzielle Neuzugänge von Arminia und der Perspektive zu überzeugen. Aber wir können sicher keine zwei Millionen Euro für einen Transfer ausgeben oder mal eben die Gehälter verdoppeln.

Klingt, als sei ein Verbleib von Leihspieler Konstantin Kerschbaumer unrealistisch.

Saibene: Wenn der FC Brentford auf 1,5 Millionen Euro Ablöse beharrt, dann ja.

Halten Sie bei der Kaderplanung für ihn eine Hintertür offen?

Saibene: Irgendwann müssen wir uns entscheiden. Sonst stehen wir am Ende womöglich ohne adäquaten Ersatz da.

Kerschbaumer kann sowohl im Zentrum als auch auf der linken Seite spielen. Für welche Position halten Sie nach einem Ersatzmann Ausschau?

Saibene: Derjenige, den ich im Kopf habe, kann ebenfalls beides spielen. Es ist ein ähnlicher Typ.

Für welche Position suchen Sie außerdem noch nach Verstärkungen?

Saibene: Der Kader steht ja fast. Wir haben Cédric Brunner für hinten rechts, Joan Simun Edmundsson für die Offensive und Prince Osei Owusu für den Angriff verpflichtet. Jetzt schauen wir noch nach einem zentralen Mittelfeldspieler und nach einem Backup auf der Linksverteidigerposition.

Fabian Klos hat zuletzt mit starken Leistungen überzeugt und auch wieder regelmäßig getroffen. Wie beurteilen Sie seine jüngste Entwicklung?

Saibene: Obwohl wir zuletzt in St. Pauli verloren haben, hat er ein gutes Spiel gemacht. Ich mag ihn sehr. Ehrlich. Er ist nicht immer ein einfacher Typ. Aber wie er sich immer auch selbst in Frage stellt, finde ich bemerkenswert. Erst recht, wenn man bedenkt, was er schon alles mit Arminia erreicht und welche Stellung er in Bielefeld hat. Er hat nie die Fehler bei mir gesucht. Im Gegenteil. Ich finde außerdem, dass er gelassener geworden ist und viel Positives ausstrahlt. Als ich kam, wirkte er manchmal fast ein bisschen lustlos. Jetzt sehe ich ihn viel mehr lachen. Wenn Fabian gut drauf ist, ist er ein wichtiger Faktor.

Gehen Sie davon aus, dass er seinen im Juni 2019 auslaufenden Vertrag vorzeitig verlängern wird?

Saibene: Ich kann mir nicht vorstellen, dass etwas anderes passiert.

Werden Klos und Andreas Voglsammer auch weiter das Angriffsduo bilden?

Saibene: Ich gehe davon aus. Voglsammer hat seinen Vertrag bis 2021 ohne Ausstiegsklausel verlängert. Es wäre kein Thema, ihn jetzt für drei Millionen Euro nach Ingolstadt zu verkaufen. Darin sähe hier niemand einen Sinn.

David Ulm, Florian Dick und Christoph Hemlein werden den Verein verlassen. Werden Sie diesem Trio beim Saisonfinale gegen Sandhausen einen würdigen Abschied ermöglichen?

Saibene: Klar ist, dass ich die beste Mannschaft aufstellen werde. Allein schon deshalb, weil es noch um viel Fernsehgeld geht. Doch wenn möglich, wollen wir denjenigen, die uns verlassen, gern Spielzeit geben. Das ist natürlich mein Ziel. Aber Priorität hat der Sieg.

Was wird aus Christopher Nöthe und Sören Brandy, die trotz gültigen Vertrages keine beziehungsweise kaum noch eine Rolle spielen?

Saibene: Ich denke, jeder ist sich seiner Situation bewusst und bemüht sich, eine Lösung zu finden.

Wo werden Sie sich im Sommer von der Saison erholen?

Saibene: Meine Frau und ich machen eine Kalifornien-Rundreise. Wir sind drei Wochen lang weg. Am Tag des WM-Eröffnungsspiels (14. Juni) landen wir wieder. Um pünktlich zum Anpfiff zu Hause zu sein, wird es aber ganz schön knapp.

Jeff Saibene im Gespräch mit den Redakteuren Friedrich-Wilhelm Kröger, Dirk Schuster, Jens Brinkmeier und Sebastian Bauer (von links) sowie Klubsprecher Tim Santen Foto: Oliver Schwabe

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