Immer weniger Menschen kegeln in Vereinen Alles andere als umwerfend

Rheda-Wiedenbrück(WB). »Wir schicken unsere Kinder doch nicht in die Kneipe!« Das muss sich Wilfried Rickert aus Rheda-Wiedenbrück immer wieder anhören. Kegeln hat das Image, eine feucht-fröhliche Angelegenheit zu sein, bei der ordentlich gebechert wird. Unter dem zweifelhaften Ruf leiden die Klubs, die Kegeln als Sport betreiben, denn ihnen fehlt mittlerweile der Nachwuchs.

Von Dietmar Kemper
Symbolbild.
Symbolbild. Foto: dpa

Die Situation ist dramatisch: Vor 30 Jahren gehörten dem Westdeutschen Kegel- und Bowlingverband, dessen Chef Wilfried Rickert ist, noch mehr als 14.400 Mitglieder an. Im vergangenen Jahr waren lediglich 2809 Kegler und 1300 Bowler übrig geblieben. Die Zahl der Vereine sank auf 96, von denen 54 in Westfalen beheimatet sind. »Wir grenzen uns von Gelegenheitskeglern ab«, sagte Rickert dem WESTFALEN-BLATT, aber es sei schwer, das Image des Kneipensports loszuwerden.

Hinzu komme, dass sich Erwachsene und junge Leute ungern binden wollten. »Bei Kindergeburtstagen kommen Kinder auf die Kegelbahnen und schwärmen anschließend von einem schönen Nachmittag, aber regelmäßig wollen sie nicht kommen«, hat Rickert (70), der seit 1970 kegelt, beobachtet.

Zahlreiche Kegelbahnen geschlossen

Bei Ranglistenturnieren müssten Kegler frühmorgens los, aber das wollten viele junge Leute nicht. Einigen Keglern bleibe auch gar keine Zeit mehr für ihr Hobby, ergänzt Rickert: »Die Sieben-Tage-Woche im Beruf ist für immer mehr Menschen die Regel.« Die nachlassende Attraktivität des Kegelns hat dazu geführt, dass zahlreiche Kegelbahnen geschlossen wurden.

Vor 40 Jahren seien sie wegen großer Nachfrage rar gewesen, heute wegen mangelnder Nachfrage, erzählt Rickert, der dem Verein TSG Schwarz-Gelb von 1861 Rheda angehört. Im Vergleich zu trendigen Sportarten aus den USA gelte Kegeln trotz langer Tradition als verstaubt.

Die goldenen Zeiten sind vorbei: In den 70ern wurde jedes Jahr in Rheda-Wiedenbrück »Volkskegeln« angeboten und mehr als 400 Menschen kamen zum Turnier. Heute würde sich der Aufwand nicht mehr lohnen.

Von 200.000 auf 80.000 Mitglieder

Was für Westfalen gilt, zeigt sich auch bundesweit: »Wir waren in den 1980er Jahren mal fast 200.000 Mitglieder und haben jetzt noch 80.000«, bilanziert Uwe Oldenburg, Chef des Deutschen Kegler- und Bowlingbundes. »Wir verlieren jedes Jahr zwischen drei und fünf Prozent.«

Einen Weg, den Niedergang zu stoppen, hat bislang niemand gefunden. Der Westdeutsche Kegel- und Bowlingverband reduzierte die Zahl der in der Bundesliga gespielten Kugeln von 200 auf 120, um schneller zu Entscheidungen zu kommen.

Sport und Geselligkeit verbinden

Nach drei Stunden steht meist der Sieger fest. Mehr Mitglieder oder Zuschauer brachte das aber nicht. Der Freizeitforscher Rainer Hartmann von der Hochschule Bremen sieht mehrere Gründe für den Abwärtstrend. »Es hat auch etwas mit Zeitgeist zu tun«, betont der Professor.

Kegeln sei in den 1970er Jahren eine beliebte Möglichkeit gewesen, Sport und Geselligkeit zu verbinden. Inzwischen seien etliche Gaststätten mit Kegelbahnen alt geworden. Wenn man Kegeln wieder hip machen wolle, müsse man es modernisieren und in anderer Umgebung praktizieren, glaubt Hartmann.

Der Großteil der Sportler ist über 30 Jahre alt

Junge Menschen machen ums Kegeln einen Bogen. »60 bis 70 Prozent der Mitglieder sind 30 Jahre und älter«, weiß Wilfried Rickert. Das haben auch Werbekampagnen mit einprägsamen Slogans wie »Kegeln – ein umwerfender Sport« nicht ändern können. Kegelvereine verteilten Flyer in Schulen und sprachen Sportlehrer direkt an – ohne spürbaren Erfolg. Dabei sei der Sport doch so schön, schwärmt Rickert.

Innerhalb weniger Sekunden könne man Erfolge sehen – wenn die Kugel auf der Bahn bleibe oder später die Kegel wegräume. »Alle Neune« löst bei älteren Keglern noch immer Jubel und Stolz aus, aber junge Leute wissen kaum noch, was diese Formulierung bedeutet. Der Sport Kegeln hat Tradition – aber hat er auch eine Zukunft?

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