Bundesligatrainer analysieren in Verl die Handball-WM Kritischer Konsens

Verl (WB). Skepsis gegenüber den neuen Regeln, Ernüchterung über den taktischen Stillstand und der Wunsch, dass der Deutsche Handballbund (DHB) bei der Bundestrainersuche auf Erfahrung setzen möge: So viel Einklang unter fünf Erstligacoaches wie jetzt bei einer WM-Analyse in Verl ist nicht alltäglich. Im Detail zeigten sich aber Unterschiede.

Von Hans Peter Tipp
Am Ende der Handball-WM jubelten die Gastgeber aus Frankreich.
Am Ende der Handball-WM jubelten die Gastgeber aus Frankreich. Foto: dpa

Es spricht für die Persönlichkeit und das Selbstbewusstsein der Bundesligatrainer Florian Kehrmann (TBV Lemgo), Michael Roth (MT Melsungen), Velimir Petkovic (Füchse Berlin), Emir Kurtagic (VfL Gummersbach) und Sebastian Hinze (Bergischer HC), dass sie – obwohl auf Einladung des DHB-Lehrwartes Michael Neuhaus (Bielefeld) in Verl – im Dialog mit 28 A-Trainern bei deren Fortbildung durchaus kritisch mit dem eigenen Verband umgingen. Das war beispielsweise in der Frage der Nachfolge von Dagur Sigurdsson der Fall.

Petkovic: »Erfahrung ist das Wichtigste«

»Erfahrung ist das Wichtigste im Bundestrainerjob«, befand Trainerfuchs Petkovic, mit 60 Jahren der Älteste und mit fast 26 Jahren in erster oder zweiter Liga auch der Erfahrenste auf dem Podium.

Der sechs Jahre jüngere Kollege Roth ergänzte süffisant: »Ich bin der Meinung, dass man sich das Bundestraineramt verdienen muss. Wenn jemand das mit 34 wird, dann hat er es wohl auch verdient.« Kehrmann wünschte sich ebenfalls einen erfahrenen Mann, sagte aber auch: »Bei unserer Qualität in Deutschland ist es egal, wer die Nationalmannschaft trainiert. Die werden eh Erfolg haben.« Roth stimmte zu: »Diese Mannschaft hat eine große Zukunft.«

Roth: »Hochmut kommt vor dem Fall«

Hinzes Plädoyer

Sebastian Hinze hat für eine stärkere gesellschaftliche Anerkennung jeglicher Trainertätigkeit geworben. »Der Trainerberuf muss in Deutschland salonfähig gemacht werden«, sagte der Coach des Erstligisten Bergischer HC. Das gelte weniger für Erstligatrainer, sondern mehr für die vielen Trainer im Jugendbereich.

Als es in Frankreich dennoch schiefging, fühlte sich der Melsunger an den Liga-Fehlstart seines Teams gegen Coburg erinnert. »Hochmut kommt vor dem Fall«, stellte er daher fest: »Mit Katar hat sich doch niemand beschäftigt, auch mit Slowenien nicht. Alle haben nur das Halbfinale gegen Frankreich im Kopf gehabt. Dafür sind wir bestraft worden.«

Kehrmann begründete das Katar-Debakel mit der veränderten Hierarchie. »Ich glaube, dass die Entscheidung Hendrik Pekeler und Holger Glandorf zu holen, zu früh kam. Vielleicht war das der Hauptgrund für das Aus, dass man zwei erfahrene Spieler holt, die das ganze Gefüge gesprengt haben«, mutmaßte der Lemgoer.

Kurtagic: Stars statt Teams

Ernüchternd fiel die Bilanz des Kompetenzteams auf dem Podi­um aus, was taktische und spielerische WM-Neuerungen betraf. »Es hat sich wenig getan«, bilanzierte Kurtagic. Der Gummersbacher hatte Star- statt Teamhandball gesehen: »Es fiel auf, dass die Individualisten noch größere Rollen bekommen – dass Mannschaften abhängig davon sind, wie viele Bälle ihr Torwart hält oder welche Ideen Stars wie Duvnjak oder Karabatic haben. Das aber ist nicht die richtige Entwicklung für den Handball.«

Petkovic sah es ähnlich. Früher habe er sich immer auf WM, EM oder Olympische Spiele gefreut, weil es immer etwas Neues zu sehen gegeben habe. Das sei dieses Mal nicht der Fall gewesen. Der Berliner äußerte Verständnis für die WM-Kollegen: »Drei große Turniere innerhalb von zwölf Monaten: Was kann ein Trainer da machen? Der Terminkalender ist so eng.«

Kehrmann: »Neue Regel verlangsamt uns«

Als sich Petkovic gegen die jüngsten Regeländerungen positionierte, wurde er fast philosophisch: »Es muss nicht immer schön sein, was modern ist«, sagte der frühere Göppinger Coach: »Wenn ich sehe, dass außer Iouri Chevtsov bei Weißrussland jeder Trainer unabhängig vom Spielstand Sieben gegen Sechs spielt, dann kann ich mich nur wundern und frage mich: Warum?« Petkovic weiter: »Wenn ich Sieben gegen Sechs spiele, dann muss das einen Sinn haben, und es muss auch ein System geben.« Kehrmann sah es ähnlich: »Ich bin kein Fan der neuen Regel. Sie verlangsamt unseren Sport. Diese Regel ist ein bisschen über, und ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht bald überdacht wird.«

Die dreitägige Fortbildung während des Salming-Cups in Verl war das erste von nur vier Trainerseminaren in 2017, die es in Deutschland auf diesem Niveau gibt. Wie das Vorbereitungsturnier soll auch das Trainertreffen in einem Jahr eine Neuauflage erleben.

Kompetente Trainerrunde in Verl (von links): Michael Lerscht (TuS Ferndorf), Sebastian Hinze (Bergischer HC), Velimir Petkovic (Füchse Berlin), Daniel Kubes (TV Emsdetten), Michael Roth (MT Melsungen), Andreas Guntermann (TV Verl), Michael Neuhaus (DHB-Lehrwart), Florian Kehrmann (TBV Lemgo), Emir Kurtagic (VfL Gummersbach) und Thomas Berg (Salming). Foto: Uwe Caspar

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