Zum Holocaust-Gedenktag: Gespräch mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden Josef Schuster: »Da habe ich gedacht: Kann das wahr sein?«

Würzburg (WB). Anlässlich des Holocaust-Gedenktags an diesem Samstag hat Andreas Schnadwinkel mit Dr. Josef Schuster (63), dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, über alten und neuen Antisemitismus gesprochen.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden.
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden. Foto: imago

Was bedeutet Ihnen der Holocaust-Gedenktag?

Josef Schuster: Im Judentum gibt es seit der Schoa einen Gedenktag, Jom Ha-Schoa, der im April in Israel begangen wird. 1996 führte der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar, das Datum der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, als Holocaust-Gedenktag in Deutschland ein. International ist das dann übernommen worden. Insoweit ist dieser Tag historisch gesehen natürlich ein wichtiger Gedenktag. Als Jude braucht man nicht zwingend einen Gedenktag, denn was in der Schoa passiert ist, trägt jeder in seiner Familiengeschichte in irgendeiner Form mit sich. Ich halte den Gedenktag für die nicht-jüdische Gesellschaft jedoch für wichtig. Denn die Erinnerung ist eine der Möglichkeiten, darauf hinzuwirken, dass so etwas in Zukunft nie wieder passieren kann.

Nun fällt der 27. Januar auf einen Samstag, also den jüdischen Schabbat. Nehmen Sie da offizielle Termine als Präsident des Zentralrats der Juden wahr?

Schuster: Nein. Aber darauf haben zum Beispiel verschiedene Landtage auch Rücksicht genommen. Die Gedenkveranstaltung in Bayern war bereits am 26. Januar, im hessischen Landtag spreche ich am kommenden Montag, und am 31. Januar ist die Gedenkveranstaltung im Bundestag.

»Beim Anblick der deutschen Uniformen musste meine Mutter schlucken«

Ihre Großeltern mütterlicherseits wurden in Auschwitz ermordet. Sie sind in Israel zur Welt gekommen. Warum sind Ihre Eltern mit Ihnen 1956 aus Haifa zurück nach Deutschland gegangen, ins Land der Täter?

Schuster: Mein Großvater und mein Vater waren in Dachau und Buchenwald im KZ. Mein Großvater besaß ein Hotel in Brückenau. Dieses Hotel wollten die Nazis gerne als »braunes Haus«, also als örtliche Parteizentrale, haben und bedrängten meinen Großvater, es ihnen zu überschreiben. Für die Nazis ein gutes Geschäft: Bezahlen mussten sie nichts, aber mein Großvater und mein Vater wurden aus dem KZ entlassen und durften mit der Familie ins britische Mandatsgebiet Palästina ausreisen. Nach dem Krieg ließ mein Großvater seinen Besitz in Brückenau, den ihm die Nazis abgenommen hatten, restituieren. Von Israel aus setzte er einen Verwalter ein, doch die Kommunikation war in den 1950er Jahren noch schwierig. Und so entschied mein Großvater, dass er mit über 80 Jahren zurück nach Deutschland wolle, um sich selbst um seinen Grundbesitz zu kümmern.

Und dann mussten Ihre Eltern mit?

Schuster: Mein Vater sah sich in der Verantwortung, seine damals doch schon betagten Eltern nicht allein gehen zu lassen. Und so entschloss er sich, mit meiner Mutter und mir nach Deutschland zu ziehen. Meinem Vater fiel dieser Schritt deutlich leichter als meiner Mutter. Er ging auch offen mit Leuten um, die eine braune Vergangenheit hatten. So schickte er mich ganz bewusst zu einem Fahrlehrer, der zwar eine Vergangenheit bei der SA gehabt hatte, sein Fehlverhalten aber offen einräumte. Für meine Mutter war es schwieriger. Bei der Einreise nach Deutschland landeten wir in München und mussten dort übernachten. Beim Anblick der deutschen Uniformen musste meine Mutter schlucken. Es dauerte, bis sie sich eingewöhnt hatte.

»Da spielen Aussagen von AfD-Politikern eine Rolle«

Bis vor zwei, drei Jahren spielte der Holocaust-Gedenktag in der Öffentlichkeit keine so große Rolle. Das hat sich seit der Kritik des AfD-Politikers Björn Höcke an der deutschen Gedenkkultur und mit den brennenden Israel-Flaggen in Berlin geändert. Am 27. Januar geht es auch um aktuelle Ereignisse. Wie gehen Sie damit um?

Schuster: In meinen Augen treten antisemitische Einstellungen seit zwei Jahren offener zutage als früher. Da spielen Aussagen von AfD-Politikern eine Rolle, wie die Kritik Björn Höckes am Holocaust-Mahnmal und Alexander Gaulands Forderung, stolz zu sein auch auf die Leistungen der deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Allerdings haben wir auch schon im Sommer 2014 erlebt, dass während des Gaza-Konflikts Palästinenser und ihre Sympathisanten in Berlin auf die Straße gegangen sind und Slogans wie »Kindermörder Israel« oder »Hamas, Hamas, Juden ins Gas« gerufen haben.

Aber brennende Flaggen mit dem jüdischen Davidstern am Brandenburger Tor sind eine andere Qualität des Judenhasses, oder?

Schuster: Was sich da bei dieser Demonstration gegen die Entscheidung des US-Präsidenten Donald Trump, Jerusalem als Israels Hauptstadt anerkennen zu wollen, abgespielt hat, ist eine Qualität des Antisemitismus, die wir bisher nur aus dem Gaza-Konflikt 2014 kannten – und die in dieser Form an Intensität zunimmt.

Was haben Sie gedacht, als Sie Bilder der brennenden Israel-Flaggen gesehen haben?

Schuster: Da habe ich gedacht: Kann das wahr sein? Kann das Ende 2017 in Deutschland Fakt sein? Ich finde es gut, dass nun sowohl im Bundestag wie auch auf Landesebene darüber nachgedacht wird, das Verbrennen von Flaggen zu verbieten und unter Strafe zu stellen. Das sollte von der Meinungsfreiheit nicht gedeckt sein.

»Kritik an einer israelischen Regierung ist völlig in Ordnung«

Für wie groß halten Sie die Gefahr des importierten Antisemitismus durch Hunderttausende Flüchtlinge aus der islamischen Welt?

Schuster: Klar ist, dass Menschen nach Deutschland gekommen sind, die Ressentiments gegenüber Juden und eine Feindschaft gegenüber Israel mitbringen, weil sie das »von der Pike auf« gelernt haben. Man musste und muss davon ausgehen, dass sie das an der deutschen Grenze nicht einfach so ablegen. Daher ist es richtig, dass der Bundestag vergangene Woche beschlossen hat, in den Integrationskursen mehr Gewicht auf die Vermittlung der deutschen Geschichte zu legen. Wir stehen allerdings vor dem Problem, dass einige Teilnehmer der Kurse dann abends zuhause TV-Sender aus ihren Herkunftsländern sehen, in denen genau die Vorurteile präsentiert werden, die man ihnen hier in Deutschland zu nehmen versucht. Das macht die Integration nicht leichter.

Judenhass kommt von rechtsextremer, linksextremer und radikalmuslimischer Seite. Wie stufen Sie das qualitativ und quantitativ ab?

Schuster: Der klassische Antisemitismus der Rechtsextremen macht mir aktuell immer noch die größten Sorgen. Der linksextreme Antisemitismus hat mit dem arabischen einiges gemeinsam, weil Juden in der ganzen Welt für die Politik Israels in Generalhaftung genommen werden. Kritik an einer israelischen Regierung ist völlig in Ordnung. Wenn man jedoch ganz Israel oder gar »die Juden« in Haftung nimmt, dann ist das für mich nichts anderes als »elegant« verpackter Antisemitismus. Besonders heftig begegnet uns der Antisemitismus in den sozialen Netzwerken. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz ist daher ein gutes Mittel, um gegen Hasskommentare im Internet vorzugehen. Denn es nimmt die Plattformbetreiber in die Verantwortung, damit solche Hetze nicht verbreitet werden kann.

Der deutsch-israelische Historiker Michael Wolffsohn sagt, dass der »neudeutsche, muslimische Judenhass viel bedrohlicher« sei als der rechtsex­treme Antisemitismus. Liegt er falsch?

Schuster: Meine Einschätzung bezieht sich auf die aktuelle Situation. Wenn ich eine Prognose wagen müsste, täte ich mich schwer damit. Ich hoffe, dass Michael Wolffsohn nicht Recht behält. Denn sonst bekämen wir zu einem rechtsextremen Antisemitismus, dessen deutliche Eindämmung ich im Moment nicht sehe, noch eine andere Qualität des Judenhasses.

»Ich sehe die AfD ausgesprochen kritisch«

Was halten Sie von dem Vorschlag der Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli, dass jeder Einwohner Deutschlands eine KZ-Gedenkstätte besucht haben soll?

Schuster: Ich vermute, dass sie nicht tatsächlich an jeden Einwohner gedacht hat, denn das wäre ja kaum realisierbar. Ihr Vorschlag ist letztlich nichts anderes als meine seit Jahren erhobene Forderung, dass alle Schüler einer höheren Jahrgangsstufe einen authentischen Gedenkort besuchen sollten. Das muss sehr gut vor- und nachbereitet werden. Ziel sollte sein, alle Schüler zu erreichen, auch solche, die keinen familiären Bezug zur Schoa haben, da ihre Familie erst nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland gekommen ist.

Manche Rechtspopulisten verstehen sich als Beschützer jüdischen Lebens in Deutschland. Ist das der Versuch, Juden bei der Kritik am Islam zu instrumentalisieren?

Schuster: Genau darum geht es. Wenn wir darauf angewiesen wären, dass die AfD jüdisches Leben in Deutschland schützt, dann könnte ich nur sagen: armes Deutschland. Es geht hier um den Ansatz »Der Feind meines Feindes ist mein Freund«. Das ist ein durchsichtiges Manöver. Da bin ich nicht mit dabei. Ich sehe die AfD ausgesprochen kritisch, weil sie sich nicht deutlich vom rechtsextremen Rand abgrenzen will. Das gilt auch für Mandatsträger. Das Parteiausschlussverfahren ge­gen Björn Höcke beispielsweise wird meines Erachtens nur halbherzig geführt. Wie es ausgehen wird, das kann man bereits vermuten.

»Trump hat gesagt, was im Grunde längst Fakt ist«

Die Vereinten Nationen haben sich deutlich gegen die Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt durch US-Präsident Donald Trump ausgesprochen. Auch Deutschland hat gegen Trumps Vorstoß gestimmt. Wie finden Sie das?

Schuster: Ich hätte mich gefreut, wenn die Bundesregierung eine andere Entscheidung getroffen hätte. Denn was hat Herr Trump gesagt? Er hat gesagt, was im Grunde längst Fakt ist. Israels Regierung sitzt in Jerusalem, das Parlament ist in Jerusalem, jeder Staatsbesuch und alle politischen Gespräche finden in Jerusalem statt. Das ist international von allen auch so akzeptiert. Trump hat nicht von Ost-Jerusalem, nicht von West-Jerusalem und auch nicht von ganz Jerusalem gesprochen. Ob bewusst oder nicht, das war eine diplomatische Aussage. Deswegen habe ich die ganze Aufregung auch nicht verstanden. Ich habe den Eindruck, dass israelfeindliche Kreise seine Aussage instrumentalisiert haben, was man zum Beispiel bei den Protesten in Berlin sehen konnte.

Ist Kritik am israelischen Siedlungsbau im besetzten Westjordanland in Ordnung?

Schuster: Das ist eine legitime Kritik an einer politischen Entscheidung der Regierung Israels. Allerdings muss man auch wissen, dass diese Regierung demokratisch gewählt ist und die Mehrheit der Bevölkerung Israels hinter sich hat.

Das Israel-Bild wird von vielen deutschen Medien negativ gezeichnet. Haben Sie als Zentralrat der Juden in den Rundfunkräten von ARD und ZDF zu wenig Einfluss?

Schuster: Auf dieser Ebene sind wir vertreten. Aber es nicht immer einfach, mit unserer Sichtweise durchzudringen. In der Tat verärgert uns zuweilen die Berichterstattung über Israel, wenn sie, leider zu häufig, einseitig ist.

»Auf gepackten Koffern zu sitzen«

In Frankreich gibt es seit einiger Zeit eine verstärkte Auswanderung von Juden nach Israel. Befürchten Sie das für Deutschland auch?

Schuster: Nein, das befürchte ich nicht. Selbst in Frankreich muss man die Relationen im Blick haben. Von 600.000 Juden sind in einem Jahr 6000 ausgewandert, das ist ein Prozent. Als Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor drei Jahren nach den Anschlägen in Paris auf die Zeitschrift »Charlie Hebdo« und den koscheren Supermarkt dazu aufrief, nach Israel auszuwandern, erklärte ich, dass ich für einen solchen Schritt in Deutschland keinen Anlass sähe. Diese Aussage würde ich heute ein wenig relativieren. Es gab in den ersten Jahren nach dem Krieg das geflügelte Wort in der jüdischen Gemeinschaft, auf gepackten Koffern zu sitzen. Dann kam eine Phase, wo die Koffer ausgepackt waren. Ich habe jetzt das Gefühl, dass mancher nachschaut, wo er den Koffer hingestellt hat.

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