Parteien Trauer um Helmut Schmidt

Mit Blumen, Plakaten und Mentholzigaretten: Zahlreiche Menschen gedenken im Hamburger Rathaus Altkanzler Helmut Schmidt. Die Politik verneigt sich vor einem großen Staatsmann.

Von dpa
Eine Frau kniet vor dem mit Kerzen und Blumen geschmückten Zaun am Haus des verstorbenen Alt-Bundeskanzlers Helmut Schmidt in Hamburg.
Eine Frau kniet vor dem mit Kerzen und Blumen geschmückten Zaun am Haus des verstorbenen Alt-Bundeskanzlers Helmut Schmidt in Hamburg. Foto: Axel Heimken

Berlin/Hamburg (dpa) - Deutschland gedenkt und würdigt Helmut Schmidt. Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel trugen sich im Kanzleramt in ein Kondolenzbuch ein. Die Sitzung des Bundeskabinetts begann mit einer Schweigeminute.

Gauck ordnete einen Staatsakt zum Gedenken an den Altkanzler an, der am Dienstag im Alter von 96 Jahren gestorben war. Ein Termin dafür stand zunächst noch nicht fest. Nach einem Bericht der Zeitung «Die Welt» soll Schmidt in zwei bis drei Wochen bei einem Staatsakt in Hamburg gewürdigt werden.

Die US-Regierung würdigte den Altkanzler als Leitfigur in einer zentralen Epoche der deutschen Geschichte. «Er war eine feste, sichere Stimme in einer Zeit der Ungewissheit», teilte das Weiße Haus mit. «Seine Arbeit half, unsere gemeinsame Vision vom Bau eines friedlichen und demokratischen Europas voranzutreiben.»

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte Schmidt bereits am Dienstag als «herausragende Persönlichkeit Nachkriegsdeutschlands für die europäische und globale Politik» gewürdigt. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nannte Schmidt einen «Freund, der mir, ebenso wie Europa, fehlen wird». Frankreichs Präsident François Hollande sprach von einem «großen Europäer».

Vor dem Hamburger Rathaus standen am Mittwochmorgen Hunderte Bürger im Nieselregen Schlange, um sich in ein Kondolenzbuch einzutragen. Vor dem Privathaus Schmidts legten zahlreiche Menschen Blumen nieder und zündeten Kerzen an.

Schmidts Leichnam wurde am Vormittag aus dem Haus in Hamburg-Langenhorn gebracht. Als der Leichenwagen das Grundstück verließ, salutierten Polizeibeamte. Schmidt war am Dienstag im Alter von 96 Jahren im Kreis seiner Familie gestorben.

Gauck trugt sich im Kanzleramt als erstes in das Kondolenzbuch ein. «Dank dem Staatsmann, der seinem, unserem Land mit Weitsicht, Entschlossenheit und der Leidenschaft zur Vernunft diente. Dank dem Bürger, der uns vorlebte, dass Verantwortung der Lebensatem der Demokratie ist», schrieb er nach Angaben des Bundespräsidialamtes.

Merkel äußerte sich «in tiefer Trauer und Respekt vor einem großen Staatsmann». Vor einem Ölbild des Altkanzlers schrieb auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) einige Zeilen in das schwarze Buch. Wie Regierungssprecher Steffen Seibert mitteilte, liegt das Kondolenzbuch bis Mittwoch nächster Woche in der Regierungszentrale aus. Auch im Willy-Brandt-Haus der SPD gibt es ein Kondolenzbuch zu Ehren des weltweit geachteten Sozialdemokraten.

In Hamburg waren vor dem Rathaus Plakate angebracht, auf denen es unter anderem hieß: «Mach's gut, Helmut. Und grüß Loki.» Auch ein Päckchen Mentholzigaretten wurde neben Blumen und Kerzen abgelegt. Die Hamburger Jusos schlugen vor, den Flughafen der Hansestadt in «Helmut Schmidt Airport Hamburg» umzubenennen.

Kommentare

Gedanken zum Tode von Helmut Schmidt

Deutschland, Europa, ist bereits ärmer geworden in dem Moment, als Helmut Schmidt sich aus der aktiven Politik verabschiedete. Er war der letzte Politiker, der geleitet war von einer eigenen Vorstellung über Deutschland und von Europa. Seine Vorstellungen eines friedlichen und geeinten Europas haben sein Handeln bestimmt und waren genau deswegen für die Gesellschaft erst am Ende wirklich nachvollziehbar. Erst im Verlauf der erfolgreichen Abrüstung wurde deutlich, wie wichtig der NATO Doppelbeschluss gewesen ist. Abrüstung musste in seinen Augen erzwungen werden. Es hätte nicht gereicht, mit Friedensfähnchen an der Grenze zu stehen und Frieden zu rufen. Standhaft auch unangenehme, und vor allem auch persönlich schmerzhafteste Entscheidungen durch zu stehen, erhob ihn in die Rolle der Moralischen Instanz.
In Deutschland und in Europa ist kein Politiker, der einen Entwurf für ein Europa hat oder ihn deutlich artikulieren kann. Es genügt nicht, Grenzen abzubauen und einen gemeinsamen Wirtschaftsraum zu definieren, wenn man keine Vorstellung davon hat, was eine europäische Gemeinschaft vereinen soll. Europa braucht aber diese Idee der inneren Verbindung, die Idee einer Wertegemeinschaft.
Die großen aktuellen europäischen Krisen machen dies überdeutlich: die Integration der südeuropäischen Mitgliedsstaaten, allen voran Griechenland, wird aus dem Portemonnaie heraus diskutiert. Niemand setzt sich für eine gemeinschaftliche Wirtschafts- und Sozialpolitik ein. Fliegt hier jeder raus, der wirtschaftlich nicht funktioniert? Soll das unser Europa werden? Jeder Staat in Europa hofft, das doch bitte kein Flüchtling seinen Fuß auf das eigene Territorium setzt, dem Dubliner Abkommen sei Dank. Spiegelt das unser Europa wider?
Die Politiker unserer Zeit sind Funktionäre, groß geworden in ihren Parteiensystemen. Sie managen, organisieren und erlassen Gesetze. Aber scheinbar niemand ist in der Lage, Europa und seine Menschen für eine gemeinsame Idee zu begeistern und sich hierfür mit Kraft und Mut einzusetzen. Und genau auf einen solchen Menschen wartet die Gesellschaft, wie sonst ist die übergroße Anteilnahme zum Tode von Helmut Schmidt zu verstehen.

Uns fehlt ein Mensch wie Helmuth Schmidt, er fehlt Deutschland und er fehlt Europa.

1 Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.