Terrorismus Drei Geiselnehmer sterben bei Polizeiangriff

Paris (dpa) - Rauchwolken über dem Ort der Geiselnahme im Nordosten von Paris. Bei dem Zugriff der Polizei auf die Verdächtigten des „Charlie Hebdo“-Anschlags in Paris sind beide Männer getötet worden. Die von den beiden Brüdern gehaltene Geisel ist laut Medienberichten frei.

Von dpa
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Auch der Geiselnehmer in einem Geschäft für koschere Lebensmittel am Stadtrand von Paris ist tot. Das berichtet die Zeitung „Le Monde“ unter Berufung auf die Gendarmerie.

Unvorstellbar, furchterregend, den Atem verschlagend: Frankreich blickt nach dem islamistischen Blutbad in der Redaktion des Satireblattes „Charlie Hebdo“ fassungslos auf das, was sich nur 48 Stunden später im Land abspielt. Praktisch gleichzeitig lief eine doppelte Geiselnahme ab, wobei vieles auf ein Zusammenspiel hindeutet.

In dem Ort Dammartin-en-Goële nordöstlich von Paris haben sich die beiden Brüder Chérif (32) und Said Kouachi (34) - die mutmaßlichen „Charlie Hebdo“-Attentäter - nach einer Schießerei mit Elitepolizisten in einer kleinen Druckerei verschanzt. Sie halten mindestens eine Geisel in ihrer Gewalt.

Ein paar Stunden später an einem anderen Ort: erneuter Geiselalarm in der sich überstürzenden Dynamik der Ereignisse. Ebenfalls bis an die Zähne bewaffnet stürmt ein Mann, der am Vortag vermutlich eine Polizistin getötet hat, in Paris einen Supermarkt für koschere Lebensmittel.

Helikopter kreisen seit dem frühen Morgen im Nebel über dem 8000-Seelen-Ort Dammartin-en-Goële. Spezialeinheiten schnüren im weiträumig abgesperrten Gebiet alles ab, um den meistgesuchten mutmaßlichen Verbrechern des Landes ein Entkommen unmöglich zu machen. Die Welt will sehen, dass jene, die am Mittwoch kaltblütig und generalstabsmäßig in der „Charlie Hebdo“-Redaktion zwölf Menschen erschossen haben, hinter Gitter kommen.

„Praktisch ist es eine Kriegszone“, erzählen Anwohner den Reportern. In Paris tagt zu der Zeit gerade wieder das Krisenkabinett von Staatspräsident François Hollande. Die Regierung zeigt sich entschlossen im Kampf gegen Terror.Es sollte nicht die letzte Zusammenkunft der Regierungsriege an diesem Tag der außergewöhnlichen Ereignisse sein. Während Spezialisten des Innenministeriums versuchen, in Kontakt mit den verschanzten Brüdern in Dammartin-en-Goële zu kommen, laufen die nächsten Hiobsbotschaften wegen der zweiten Geiselnahme ein.An der Porte de Vincennes am östlichen Stadtrand von Paris stürmt ein Schwerbewaffneter den Supermarkt. „Ihr wisst, wer ich bin“, so soll er gerufen haben - es ist offensichtlich der Mann, der am Vortag im Süden der Hauptstadt eine Polizistin erschossen hatte.

Einen Zusammenhang zum Fall „Charlie Hebdo“ gibt es wohl auch - die Täter sollen sich kennen.Die Gewalttaten türmen sich, ungläubig verfolgen viele Franzosen den Alptraum, der sich gerade in ihrem Land entfaltet. Das Klima könnte kaum niederdrückender sein. Dazu passt der Rückzug des umstrittenen Schriftstellers Michel Houellebecq aus der Seine-Metropole. Der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ passierte am selben Tag, an dem sein islamkritischer Roman „Soumission“ (Unterwerfung) erschien.Ausnahmezustand: Schulen evakuiert, Verkehrswege gesperrt, die Medien zu extremster Zurückhaltung aufgefordert.

Bei der Jagd auf die beiden mutmaßlichen „Charlie Hebdo“-Attentäter war die aufgeschreckte Landbevölkerung aufgefordert, „sich in den Häusern zu verbarrikadieren, die Fensterläden zu schließen und dann das Licht auszumachen“. Wer das tat, hörte im Dunkeln die Helikopter über dem Dach.Auch die Geiselnahme im Osten von Paris legt weite Teile des sonst belebten Stadtteils lahm. Schüler müssen in den Gebäuden bleiben. „Die ganze Schule ist in Panik“, berichtet ein 17 Jahre alter Schüler der Deutschen Presse-Agentur. Alle stünden unter ziemlichem Druck, der Alarmplan werde umgesetzt: „Wir müssen alle in unseren Klassen bleiben.“

Auch in der jüdischen Gemeinde von Paris geht die Angst um. „Dies ist die schlimmste Zeit, an die ich mich erinnern kann“, sagt ein 54-Jähriger der dpa. „Es war noch nie so in Frankreich. Wir fühlen uns wie im Krieg, alle haben große Angst.“ Seine Mutter wohne nur zwei Minuten von dem angegriffenen Geschäft entfernt. Alle seine Bekannten hätten Angst, auf die Straße zu gehen. „Wir stellen uns auf eine ganze Serie von Anschlägen ein, auch auf jüdische Einrichtungen.“

Am Abend dann der Eingriff der Polizei - zeitlich. Das Drama ist, vorerst, beendet.

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