Abo: Volksbühne will Hemmungen vor Theaterbesuch überwinden Volksbühnen als Kulturzugang: Ein Besuch im Bielefelder Stadttheater

Bielefeld/Berlin (dpa). Ob Arbeiter oder Akademiker, jeder soll ins Theater gehen können. Dafür setzen sich die Volksbühnen in Deutschland ein – seit 1890. Ein Theater-Besuch in Bielefeld.

Von Helen Bielawa
Drei Frauen stehen im Bielefelder Theater an der Abendkasse.
Drei Frauen stehen im Bielefelder Theater an der Abendkasse. Foto: dpa

Ein sommerlicher Freitagabend, die plaudernden Gäste im Foyer des Bielefelder Stadttheaters halten Karten für die Haydn-Oper Orlando Paladino in den Händen. Elke und Hans-Dietmar Hölscher sind Mitglieder der Bielefelder Volksbühne, einer von 55 Volksbühnen deutschlandweit. Als Publikumsorganisationen bieten die Volksbühnen ihren Mitgliedern gegen einen Jahresbeitrag Theaterkarten an.

Vor der Mitgliedschaft war Hans-Dietmar Hölscher noch nie in einer Oper. »Das ist immer noch ein bisschen schwierig für dich, ne?«, sagt seine Frau lächelnd zu ihm. »Ja, da muss ich mich noch ein bisschen rantasten«, gibt er zu.

Hemmungen überwinden

Die Hemmungen, ins Theater, in die Oper oder in ein klassisches Konzert zu gehen, will die Volksbühne überwinden. Auch Inge Buschmann ist Mitglied der Bielefelder Volksbühne. Das sei schon etwas anderes als ein normales Theater-Abonnement, findet sie. Die Volksbühnen-Mitgliedschaft biete ihr nicht nur Karten für Theater-, Opern- und Konzertbesuche - auch die Gespräche mit Gleichgesinnten seien inklusive.

»Da ist schon Herz dahinter«, sagt sie. Eigentlich kann man von einer Volksbühnenfamilie sprechen, findet sie. Bernd Link, Vorsitzender der Bielefelder Volksbühne und des Bundes deutscher Volksbühnen, nickt zustimmend und ergänzt: »Meine Motivation ist immer noch der alte Auftrag der Volksbühne: Dem Volke das Theater öffnen.«

Wurzeln liegen im 19. Jahrhundert

Die Wurzeln der Volksbühnen liegen im Ende des 19. Jahrhunderts. »Im Theater hatten die Arbeiter nichts zu suchen«, beschreibt Link die damalige Situation, »da gehörte man nicht hin.« Als nach eigenen Angaben erste kulturpolitische Massenorganisation der deutschen Arbeiterbewegung gründete sich 1890 die Freie Volksbühne Berlin, unter dem Motto »Die Kunst dem Volke«.

Die Arbeiterschaft eroberte sich langsam aber sicher Plätze in den sonst von der Bourgeoisie besuchten Theatern - sie stießen auf Zustimmung bei den Theatermachern, auf Ablehnung beim gebildeten Publikum. Einmal habe ein Intendant eine Premiere nur vor Volksbühnenpublikum spielen lassen, erzählt Link, danach hätten die Bildungsbürger das Stück nicht mehr besucht, Zeitungen hätten sogar zum Boykott aufgerufen. Bernd Link nennt die Volksbühne »eine Kulturbewegung der kleinen Leute« - mit politischer Mission.

Ein Tabubruch

Einige Vereine hatten zeitweise eigene Theater, in denen sie aufführten, was auf den staatlichen Bühnen nicht zu sehen war. Zum Beispiel 1963, als die Berliner Volksbühne Hochhuths »Der Stellvertreter« zeigte. Darin wird dem Papst eine Mitschuld am Holocaust vorgeworfen – ein Tabubruch. Das Stück sorgte mit seiner politischen Brisanz weltweit für Aufruhr.

Dass Anne Frank in den 1950er-Jahren in Bielefeld aufgeführt wurde, dafür habe die Bielefelder Volksbühne gesorgt.

Soziales Sitzsystem

Bis heute sind vor allem Arbeitnehmer Mitglied in der Volksbühne. Neue Mitglieder werden primär über Gewerkschaften angeworben. Auch von damals beibehalten: Das »soziale Sitzsystem«, wie Bernd Link es nennt. Die Karten sind im Schnitt günstiger, weil ein Los- oder Rotationsverfahren entscheidet, wer wo sitzt – jeder sitzt mal ganz vorn auf den teuren Plätzen, mal ganz hinten auf den günstigeren, der Preis ist immer der gleiche. Heute können sich meist auch Arbeiter eine Theaterkarte leisten – die Denke, dass Akademiker ins Theater gehen und Arbeiter nicht, die gebe es aber heute noch, ist Links Eindruck, »das Problem ist für mich noch nicht gelöst.«

Sein Eindruck lässt sich mit wissenschaftlichen Umfragen belegen: Das Kulturpublikum ist kein Querschnitt der Bevölkerung - Personen mit höherer Bildung sind überrepräsentiert, stellt der Soziologe Karl-Heinz Reuband 2018 in seinem Buch »Oper, Publikum, Gesellschaft« fest.

Werben ab 45

Gemeinnützige Besucherorganisationen wie die Volksbühnenbewegung seien nur ein Teil der Lösung, so Heiko Wiemer, Sprecher von Kulturstaatsministerin Ursula Grütters. Zwar seien sie wichtige Vermittler von Theaterkunst – »Sie sprechen aber vor allem bereits theateraffine Gruppen an.« Deshalb seien unter anderem mehr Investitionen in kulturelle Bildung nötig. Trotzdem: »Volksbühnen erreichen nach wie vor Menschen, die vielleicht sonst nicht ins Theater gehen würden«, ist der Eindruck von Michael Schröder vom Deutschen Bühnenverein.

Zwar stellen die Volksbühnen-Mitglieder keinen Querschnitt der Bevölkerung dar. »Wir werben ab 45«, sagt Link – die Jüngeren hätten kein Interesse an einem festen Abo. Fast alle Volksbühnen-Vereine liegen außerdem im ehemaligen Westdeutschland und Berlin, mit Chemnitz dagegen nur einer im Osten.

Aber immerhin: Den 100.000 Mitgliedern deutschlandweit ermöglicht die Volksbühne jährlich eine Million Theaterbesuche. Der Bielefelder Hans-Dietmar Hölscher hat nach der ersten Hälfte von Orlando Paladino seine Berührungsängste mit der Oper schon verloren. Die Aufführung gefalle ihm richtig gut, sagt er in der Pause. »Normalerweise, ohne die Volksbühne, wäre ich hier gar nicht reingegangen.«

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