Die Frage lässt außer acht, dass es schon recht lange einen gibt Braucht’s einen Musikpreis?

Berlin (dpa/WB). Beim US-Musikpreis »Grammy« kam diesmal der Vorwurf auf, die Zuerkennung sei männerdominiert. Der deutsche »Echo« musste sich mit Antisemitismus befassen und wurde, weil wir Deutsche gründlich sind, gleich ganz abgeschafft. Braucht’s überhaupt Musikpreise?

Von Esteban Engel und Matthias Meyer zur Heyde
Den deutschen »Echo« (BIld) gibt’s nicht mehr. Brit Awards (mit viel Sinn für inszenierte Skandale), »Oscar«, »Grammy« und »César« setzen wenigstens ein gerüttelt Maß an Glamour frei.
Den deutschen »Echo« (BIld) gibt’s nicht mehr. Brit Awards (mit viel Sinn für inszenierte Skandale), »Oscar«, »Grammy« und »César« setzen wenigstens ein gerüttelt Maß an Glamour frei. Foto: dpa

Der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) hat ja schon angekündigt, er wolle wieder einen Preis – nur eben ganz anders, ganz neu.

Beim »Echo« ergaben sich die Nominierungen aus den Verkaufszahlen. Weil aber »Klickökonomie und Kassenlage« allein keine guten Ratgeber für Preisverleihungen sind, wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) richtig erkannte, stimmte dann noch eine 550-köpfige Jury über die Nominierten ab.

Wie sieht es anderswo aus?

Über den »Grammy«, den wichtigsten Musikpreis, entscheiden 13.000 Mitglieder der Recording Academy: Sänger, Komponisten, Produzenten, Techniker. 350 Experten treffen die Vorauswahl – in diesem Jahr aus 22.000 Werken.

Auch beim Film, beim »Oscar« ist die Abstimmungsgrundlage breit: 7000 aktive Mitglieder der Academy wählen erst die Nominierten und dann die Gewinner, und zwar stimmen Kostümdesigner eher über Kostümdesign ab und Schauspieler über ihre Kollegen. Über die »Golden Globes« für Film und Fernsehen befinden 90 ausländische Journalisten.

Minusrekord: der Deutsche Buchpreis. Sieben Juroren. Nur sieben! Und es funktioniert. Na gut: meistens.

Jeder darf abstimmen

Mit dieser einen Ausnahme läuft es überall gleich bei der Preisverteilung: Ob »Grammy«, »Oscar«, die zumeist höchst skurrilen Brit Awards (typisch britisch eben) oder der französische »César«: Jeder darf abstimmen.

Aufgeblähte Gremien – ein Erfolgsrezept? Schon die alten Griechen waren skeptisch und erzählten ihren Kindern vorm Zubettgehen von der vielköpfigen Hydra – ein Sympathieträger war die ganz gewiss nicht. Allerdings war sie unsterblich, was auf den »Echo«, wie man sah, nicht zutrifft.

Ob also zu viele Köche den Brei verderben, ist nur die eine Frage. Die andere lautet: Brauchen wir Trophäen für Künstler aller Art? Brauchen wir speziell in Deutschland einen Musikpreis? Welche Bedeutung kann eine Auszeichnung haben, wenn Musik mit ein paar Klicks zu haben ist? Auf allen Kanälen. Oft kostenlos. Fast grenzenlos. »Jedes Land hat einen Preis für die beste und erfolgreichste Musik verdient«, sagt Peter Illmann. Illmann war Moderator.  »Formel Eins«. Steinzeit der Musikvermittlung. Musik auf Vinyl. Ton für Ton von Hand gesetzt. Nicht von Computern generiert.

Es gibt schon einen Preis

Was Illmann nicht weiß: In Deutschland werden schon seit mehr als einem halben Jahrhundert die besten Aufnahmen gekürt: Der Preis der deutschen Schallplattenkritik (PdSK). 1963 gegründet, und zwar von dem Bielefelder Unternehmer Richard Kaselowsky jr. und verliehen von einem Verein aus 157 Kritikern in 32 Sparten, von Oper bis Hip-Hop. Noch eine Hydra, aber immerhin ist der Preis von der Musikindustrie unabhängig.

Beim PdSK – der dringend einen neuen Namen braucht, der sich nicht mehr wie ZK der KPdSU anhört – gehören jeder Fachjury fünf Experten an. Vierteljährlich erscheinen Bestenlisten, und die Kritiker verleihen Jahres- und Ehrenpreise. Es sei zwar nicht ehrenrührig, Musiker nach dem Publikumserfolg zu prämieren, sagt die PdSK-Vorsitzende Eleonore Büning.

Doch im Gegensatz zum »Echo« beurteile der PdSK ausschließlich Qualität. Die Arbeit sei deswegen etwas schwerfällig. Schwerfällig lieben wir Deutsche sowieso. »Aber das gewährleistet, dass wir genau hinhören.«

Es gibt was für jeden Geschmack

Hört sich gut an. Abschließend sei darauf hingewiesen, dass es Musikzeitschriften gibt. Echt wahr. In denen finden Musikfans Info und Anregung en masse: »Rolling Stone«, »Musikexpress«, »Spex«, »Metal Hammer« (für die Harten), »Fono Forum« (stammt aus Bielefeld), »Neue Zeitschrift für Musik« und (für Spezialisten) »Musica sacra« und »Musikforum«. Plus viele, viele mehr. Es gibt sogar was für Leute, die trotz Kollegah & Co. das Rappen nicht lassen können: »Backspin«.

Ein deutscher Preis mit Sachverstand und das schon seit 1963 und für alle, die Musik machen und gerne über den roten Teppich flanieren. Dazu Experteninfos für die Fans. Das reicht völlig.

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