Ausstellung im westfälischen Museum für Archäologie in Herne Die schönsten Irrtümer der Archäologie

Herne (WB). Selbst der große Gottfried Wilhelm Leibniz war sich sicher: »Es war ein Einhorn.« So mancher Experte lag bei der Beurteilung archäologischer Funde daneben. Die schönsten Irrtümer sind bald in einer Ausstellung zu sehen.

Von Bernd Bexte
Ein Höhepunkt der Ausstellung ist die sogenannte Tiara des Saitaphernes, eine Fälschung, vor der selbst der Pariser Louvre nicht gefeit war. Oben zu sehen ist eine satirische Postkarte aus der Zeit der Entlarvung der Fälschung zu sehen (um 1903).
Ein Höhepunkt der Ausstellung ist die sogenannte Tiara des Saitaphernes, eine Fälschung, vor der selbst der Pariser Louvre nicht gefeit war. Oben zu sehen ist eine satirische Postkarte aus der Zeit der Entlarvung der Fälschung zu sehen (um 1903). Foto: Mühlenbrock (Repro)

Das Westfälische Museum für Archäologie in Herne gräbt in der Sonderausstellung »Irrtümer und Fälschungen der Archäologie« (23. März bis 9. September) die Wahrheit hinter den spektakulären Fehldeutungen aus. Dazu muss man gar nicht weit in die Geschichte zurückgehen: Paul Blazynski aus Herten (Kreis Recklinghausen) entdeckte im April 1980 eine kleine Schutthalde hinter seiner Gartenmauer. Bei genauer Untersuchung zeigte sich: Es handelte sich um Feuersteine, darunter offenbar auch bearbeitete Werkzeuge und Waffen.

Auf Sensation folgt Ernüchterung

Der hinzugezogene Stadtarchivar war sich sicher: Hier wurden Flintwerkzeuge und -waffen aus der Mittelsteinzeit entsorgt. Auch die Experten beim Landschaftsverband (LWL) in Münster wähnten bedeutende Zeugnisse aus der späten Alt- bzw. Mittelsteinzeit vor sich. Mehr noch: Die Objekte offenbarten weite Handelsverbindungen, stammten ihrer Einschätzung nach aus dem heutigen Belgien oder Nordfrankreich. Die örtliche Presse sprach von »Sensation«. Doch schnell folgte die Ernüchterung. Die in Herten ansässige Fleischwarenfirma Herta war inzwischen auf die Sensationsmeldung aufmerksam geworden und klärte auf: Das Unternehmen hatte die Feuersteine in einem belgischen Steinbruch geordert, um sie als historisch

Paul Blazynski fand 1980 Feuersteine. Der vermutete prähistorische Sensationsfund entpuppte sich als Rest eines Marketing-Gags einer Wurstfabrik. Foto: Rudolph

anmutende Steinzeitmesser Präsentkoffern beizulegen. Die Reste waren auf dem Firmengelände unweit der Gartenmauer von Paul Blazynski entsorgt worden.

Auch die berühmte Tiara des Skythenherrscher Saitaphernes, ein angebliches Meisterwerk antiker Goldschmiedekunst, lieferte den Zeitungen Stoff für zahllose Karikaturen: Die Fachleute im weltbekannten Pariser Museum Louvre glaubten beim Kauf für 200.000 Goldfranken im Jahre 1896 fest an die Echtheit – bis der Fälscher, der Juwelier Israel Ruchomowskij aus Odessa, sein Können live unter Beweis stellte. Der Spott war groß: Satirische Postkarten machten sich über den vermeintlich sensationellen Ausgrabungsfund lustig. Der Fälscher entging übrigens einer Strafe, weil er das Werk nicht selbst zum Verkauf angeboten hatte, sondern nur auf Bestellung schuf. Für seine meisterhafte Arbeit wurde er sogar mit einer Goldmedaille des Pariser Salons der Gebrauchskunst ausgezeichnet.

Und da ist der aufsehenerregende Knochenfund in der Einhornhöhle im Westharz. Sie hatte im 16. Jahrhundert wegen der dort gefundenen Knochen und Zähne, die einem Einhorn zugeordnet wurden, ihren Namen erhalten. 1686 besuchte auch das Universalgenie Gottfried Wilhelm Leibniz die Höhle. In seiner 1749 posthum veröffentlichten Schrift »Protagaea« erschien eine anhand der Funde rekonstruierte Einhorndarstellung. Für ihn war klar: In der Höhle muss das Tier zu Hause gewesen sein. Später wurde der Mythos entzaubert: Es stellte sich heraus, dass die Knochen einem Bären und einer Vielzahl weiterer eiszeitlicher Tiere gehörten.

Eine Ausstellung voller Fälschungen und Irrtümer – macht das Sinn? »Es geht um nicht weniger als den Fortschritt und die Frage, warum Irrtümer und Fälschungen immer wieder möglich sind. In Zeiten von ›Fake News‹ ist dies hochaktuell«, meint Museumsleiter Dr. Josef Mühlenbrock.

Dass der 1873 von Heinrich Schliemann entdeckte Schatz des Priamos gar nicht dem mythischen trojanischen König zugeschrieben werden kann, ist da schon eine eher unspektakuläre Randnotiz...

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