Heimspiel in Brooklyn Basquiat-Gemälde «Untitled» in New York

Vom Straßenpoeten zum Galeristen-Liebling sprühte und malte sich Jean-Michel Basquiat. Sein für 110 Millionen Dollar versteigertes Gemälde «Untitled» ist jetzt für einige Wochen in New York zu sehen. Es ist der vorerst letzte Heimatbesuch vor einer weiten Reise.

Von dpa
Der japanische Unternehmer Yusaku Maezawa schickt das Gemälde «Untitled» von Jean-Michel Basquiat auf Reisen.
Der japanische Unternehmer Yusaku Maezawa schickt das Gemälde «Untitled» von Jean-Michel Basquiat auf Reisen. Foto: Johannes Schmitt-Tegge

New York (dpa) - Er leuchtet. Auf knallblauem Untergrund schwebt der gespenstische, in fetten Linien gemalte Kopf. Mit wütenden Augen blickt er zähneknirschend in die Welt hinaus, blutrote Schlieren ziehen sich um den schwarzen Schädel.

Mit «Untitled» kommt Jean-Michel Basquiats energiegeladenes Meisterstück von 1982 ins Brooklyn Museum. Bei der am Donnerstag (Ortszeit) eröffneten sechswöchigen Schau können New Yorker die berühmte Arbeit aus nächster Nähe erleben - und Abschied nehmen, bevor das Gemälde in Japan ein dauerhaftes Zuhause findet.

Ein wenig wie in Trance nähern sich Besucher der angestrahlten Leinwand in dem sonst dunkel gehaltenen Raum. «Untitled» wirkt nicht zuletzt dank der guten Hängung wie elektrisch geladen: Näher als vier, fünf Meter traut sich frontal kaum jemand heran, auch um die Sicht anderer Besucher nicht zu blockieren. Nur hin und wieder wagt sich jemand für ein Foto nach vorn oder schleicht seitwärts an das Gemälde, dessen Beschriftung «Acryl, Sprühfarbe und Öl-Stift auf Leinwand» fast verniedlichend klingt.

«Es hat eine starke afrikanische Ebene», sagt Deborah Kalloo, die von der Karibikinsel Trinidad und Tobago stammt. «Ich sehe eine Maske und dann sehe ich New York City dahinter», erklärt sie. Schädel gehörten in den frühen 1980er Jahren fest zur Symbolik des 1960 in Brooklyn geborenen Sohnes afrikanisch-karibischer Herkunft. Basquiats Mutter stammte aus Puerto-Rico, sein Vater aus Haiti. Diese Wurzeln griff der 1988 verstorbene Künstler häufig auf, während er sich durch die Kunstszene im urbanen New York und dem zunehmend hippen Stadtteil Soho hangelte.

Die Solo-Ausstellung für «Untitled» ist auch deshalb ein Heimspiel, weil Basquiat dem Bezirk und dem Brooklyn Museum von früh an verbunden war. Seine Mutter meldete ihn im Alter von sechs Jahren als Junior-Mitglied an, auch ins Metropolitan Museum und ins MoMA nahm sie ihn mit. Er pendelte zwischen Brooklyn und dem südlichen Manhattan, umgab sich mit Musikern und Grafitti-Künstlern. Unter dem Pseudonym «SAMO» besprühte er Wände, lang bevor sich Galeristen und Sammler beim Gedanken an coole Street Art die Hände rieben.

Zu verdanken ist die Schau allen voran dem japanischen Unternehmer Yusaku Maezawa, der das Gemälde für 110,5 Millionen Dollar (89 Mio Euro) bei Sotheby's ersteigert hatte. Die überwältigende Summe - der Höchstpreis für die Arbeit eines US-Künstlers - schwebt im Brooklyn Museum mit im Raum. «Ich kann nachvollziehen, wie man als Bieter mitgerissen wird», sagt eine Frau. «Wow, es ist wirklich stark.»

«Ich war erst sehr skeptisch. Ich dachte, er ist ein Idiot», sagt Daria Borisova, die als Kuratorin arbeitet und bei der Auktion dabei war, über Besitzer Maezawa. Dass er «Untitled» in New York und dann in weiteren Ländern zeigt, stimmte sie um: «Viele Sammler, die solche Kunst für solche Summen kaufen, wollen anonym bleiben.» Wären sie großzügiger, könnte das auch Menschen anlocken, die sonst nicht ins Kunstmuseum gehen, meint Borisova. Sein dauerhaftes Zuhause soll «Untitled» im japanischen Chiba nahe Tokio finden, wo Maezawa ein Museum bauen lassen will.

In Brooklyn lädt der Fokus auf ein einziges Gemälde zum Verweilen ein. Besucher sitzen lange auf den Bänken, kommen ins Gespräch, deuten das Werk gemeinsam. «Ich frage mich, was er denkt. Er wirkt höchst erstaunt», sagt die neun Jahre alte Chloe, als sie den Kopf vom Fußboden aus betrachtet. «Er sieht überrascht aus», sagt der zehnjährige Vassilissa neben ihr. Seine Schwester Viva ist sicher, unten links im Bild einen kleinen Pandabären entdeckt zu haben.

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