Ein Begriff, viele Deutungen – neue Heimatbund-Geschäftsführerin im Interview »Heimat nicht Populisten überlassen«

Münster (WB). Der Begriff Heimat erlebt in einer zunehmend globalisierten Welt eine Renaissance. NRW hat sogar erstmals ein Heimatministerium. Was steckt hinter der Rückbesinnung, was bedeutet dies für die Heimatpflege? Bernd Bexte sprach mit Silke Eilers (42), der neuen Geschäftsführerin des Westfälischen Heimatbundes (WHB).

Der Begriff Heimat, hier die Wewelsburg im Bürener Land, spielt in der politischen Diskussion eine zunehmend größere Rolle. Der Westfälische Heimatbund (550 Heimatvereine mit 130.000 Mitgliedern) macht sich für einen weltoffenen Heimatbegriff stark.
Der Begriff Heimat, hier die Wewelsburg im Bürener Land, spielt in der politischen Diskussion eine zunehmend größere Rolle. Der Westfälische Heimatbund (550 Heimatvereine mit 130.000 Mitgliedern) macht sich für einen weltoffenen Heimatbegriff stark. Foto: Steffi Bremer/Montage

Alle reden wieder von Heimat. Ist uns in der globalisierten Welt die Identität abhanden gekommen?

Silke Eilers: Unser Lebenstempo hat sich rasant verändert. Unsere sozialen Beziehungen, die uns umgebenden Dinge wie auch die Orte wandeln sich aufgrund der Dynamik der globalisierten Welt in immer kürzeren Abständen. Heimat kann dabei das Nahe und Vertraute sein, ein Anker. Sie stiftet Identität. Menschen suchen sich nach ihren Bedürfnissen auch neue Heimaten, können mehr als eine Heimat haben. Mitunter erkennen wir auch erst in der Fremde, was für uns Heimat ist. Heimat hat also viele Dimensionen und bedeutet letztlich für jeden etwas anderes. Heimat ist Ort der Selbstvergewisserung, bedeutet Verortung.

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Der Westfälische Heimatbund tritt für einen weltoffenen, gemeinschaftstiftenden und zukunftsgewandten Heimatbegriff ein.

Dr. Silke Eilers

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Der bislang eher in einer beschaulichen Ecke verortete Heimatbegriff wird zunehmend auch als nationalistischer Kampfbegriff verwendet. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Eilers: »Heimat« ist seit jeher ein unscharfer, schillernder und auch belasteter Begriff. Er wurde bereits in der Vergangenheit politisch instrumentalisiert. Die zum Teil emotional stark aufgeladenen Bedeutungen bewegen sich in einem breiten Spannungsbogen zwischen romantischer Verklärung bis hin zur propagandistischen Inanspruchnahme. Der Begriff erlebt derzeit eine Renaissance und steht erneut in der politischen Diskussion. Wir dürfen Heimat dabei nicht den Populisten überlassen. Hier gilt es, deutlich Position zu beziehen. Der Westfälische Heimatbund tritt für einen weltoffenen, gemeinschaftstiftenden und zukunftsgewandten Heimatbegriff ein.

Dr. Silke Eilers.

Was bedeutet die Diskussion für den Westfälischen Heimatbund? Muss Althergebrachtes überdacht werden?

Eilers: Heimat ist Auftrag und Herausforderung. Heimatpflege erfordert bürgerschaftliches Engagement vor Ort und entsprechende Rahmenbedingungen. Im Ehrenamt sind Bürger Mitgestalter, mit ihren Aktivitäten können sie sozialen Zusammenhalt stärken. So kann es nicht hoch genug eingeschätzt werden, wenn sich Menschen ehrenamtlich einbringen. Die Zeit bleibt aber nicht stehen und insofern arbeiten wir derzeit daran, unser Profil als Dachverband zu schärfen.

Welche Aufgabe haben Sie dabei als neue Geschäftsführerin des Westfälischen Heimatbundes? Wo sehen Sie die größten Baustellen?

Eilers: Meine Zielsetzung ist es, den WHB als fachlicher Knotenpunkt einerseits und als Interessensvertretung andererseits zu entwickeln, das heißt, seinen Dienstleistungscharakter auszubauen, die Teilhabemöglichkeiten zu verbessern, die Vernetzung mit anderen zu intensivieren und den Verband noch stärker zu positionieren. Heimatvereine stehen vor großen Herausforderungen. Dazu zählen der demografische Wandel wie auch die Digitalisierung und immer komplexer werdende rechtliche Aspekte. Wir möchten als Dienstleister in der Heimatpflege dazu beitragen, bürgerschaftliches Engagement zu stärken sowie regionale Vielfalt und Identität zu erhalten.

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Heimatvereine haben mit dem Problem des Nachwuchsmangels zu tun.

Dr. Silke Eilers

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Westfalen ist in weiten Teilen noch ländlich geprägt, hat mit dem östlichen Ruhrgebiet aber auch ein urbanes Ballungszentrum.  Gibt es da Unterschiede, was die Arbeit der Heimatvereine angeht?

Eilers: Heimat ist für uns als Dachverband gleichermaßen mit Aspekten der Stadtentwicklung wie auch der Gestaltung des ländlichen Raumes verbunden. Es reicht von Themen wie Kulturlandschaft, Natur- und Umweltschutz, Regional- und Alltagsgeschichte über Baukultur und Denkmalpflege bis zur Pflege von Bräuchen und Mundart. Die Bandbreite der Aktivitäten und auch mögliche Unterschiede werde ich in den kommenden Monaten übrigens bei einer »Heimattour« durch die Regionen kennenlernen.

Und OWL? Durch ihre frühere Tätigkeit als Referentin im LWL-Museumsamt für Westfalen mit Zuständigkeit für OWL kennen Sie die Region. Ist hier die Welt noch in Ordnung?

Eilers: Ostwestfalen-Lippe ist mir als eine aktive und zukunftsorientierte Region begegnet. Dies zeigte sich in vielen kommunalen wie ehrenamtlichen Initiativen für die Modernisierung bestehender Museen, aber auch für Museumsneugründungen. Mich beeindrucken auch das große Engagement und die Begeisterung vieler Ehrenamtlicher in der Heimatpflege, die sich in Projekten vom Wanderweg mit QR-Codes über plattdeutsches Theater für Kinder und Jugendliche bis hin zum »Heimatlabor« und Mitmachmuseum äußern. Gleichwohl haben auch hier die Heimatvereine in der Regel mit dem Problem des Nachwuchsmangels zu tun. Die Verjüngung ist sicherlich auch in OWL eine wesentliche Aufgabe.

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Heimat geht uns alle an – ob jung oder alt.

Dr. Silke Eilers

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Aber wie kann es gelingen, junge Menschen für die Heimatpflege zu gewinnen?

Eilers: Heimat geht uns alle an – ob jung oder alt. Grundsätzlich funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den Generationen in Heimatvereinen immer dort, wo man offen ist für neue Ideen. Die Bereitschaft, andere Meinungen und neue Ideen zuzulassen, ist die Voraussetzung, um junge Menschen zu begeistern. Relevant ist sicherlich, stärker projektbezogen zu arbeiten und die Kinder und Jugendlichen dort abzuholen, wo ihre Interessen sind. Dies bedeutet auch, sich auf Themen wie Digitalisierung und Social Media einzulassen. Häufig funktioniert die Arbeit der Heimatvereine bereits mit Kitas und Grundschulen. Der Zugang zu Jugendlichen ist hingegen eher schwierig, denn Heimat erscheint nicht »cool«, Heimatpflege wirkt verstaubt. Wir sind deshalb derzeit damit befasst, in Kooperation mit anderen Partnern neue Konzepte und Strategien für die Kinder- und Jugendarbeit zu entwickeln.

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