Justin Sullivan von »New Model Army« über England heute »Dunkel? Es ist total finster!«

Bielefeld (WB). Seit mehr als 36 Jahren begeistern »New Model Army« die Fans mit ebenso kraftvollen wie dunklen Rocksongs. Im Rahmen ihrer Europatournee, bei der die fünf Musiker aus dem englischen Bradford ihr Album »Winter« vorstellen, treten sie am 19. März im Bielefelder Ringlokschuppen auf. André de Vos hat mit dem Sänger Justin Sullivan gesprochen.

Justin Sullivan, Frontmann der »New Model Army«, gastiert am 19. März mit seiner Band im Bielefelder Ringlokschuppen. Die Engländer kommen aus dem Punk und werden von jeher für ihre hochpolitischen Texte geschätzt.
Justin Sullivan, Frontmann der »New Model Army«, gastiert am 19. März mit seiner Band im Bielefelder Ringlokschuppen. Die Engländer kommen aus dem Punk und werden von jeher für ihre hochpolitischen Texte geschätzt. Foto: imago

Sie haben ihre aktuelle Platte »Winter« genannt, sie aber im Sommer 2016 herausgebracht. Spielen Sie auf den Zustand der Gesellschaft an?

Justin Sullivan : Der Titelsong von Anfang 2015 nahm in den letzten Ausläufern des Winters Gestalt an. Es geht darin um Zukunftsangst und darum, trotzdem einen Blick über das Jetzt hinaus zu werfen, gemäß dem Spruch: »Vielleicht können wir hinter den schwärzesten Stürmen die entferntesten Sterne sehen.« Als ich das Lied schrieb, hatte ich die Idee, dass jemand voller Furcht auf das schaut, was kommt, sich aber fragt, ob das Danach überhaupt besser ist. Deswegen haben wir das Album »Winter« genannt.

Kann es sein, dass das Album ein wenig dunkel geraten ist, umweht von einer gewissen depressiven Stimmung?

Sullivan: Nur ein bisschen dunkel? Nein, es ist total finster! (lacht) Nach der Fertigstellung habe ich es mir kein einziges Mal mehr durchgehört. Als ich es dann nach dem Brexit-Referendum am 23. Juni doch noch mal tat, stellte ich fest, dass es jetzt perfekt in die Zeit passt.

Was meinen Sie damit?

Sullivan: Dass jemand, der das Abstimmungsergebnis für eine Überraschung gehalten hat, der ganzen Geschichte einfach nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet hat.

Was heißt das?

Sullivan: Wer die Premierminister von Margaret Thatcher über Tony Blair bis David Cameron erlebt hat, hat 35 Jahren lang erfahren, was die große Masse Briten fühlt: Man hört ihnen einfach nie zu. Dazu gibt es eine Zeile in dem Song »Eyes Get Used To The Darkness«, die genau passt: »Wenn dir niemand richtig zuhört, dann sag einfach Nein!« Und das Brexit-Votum war für die Leute seit 40 Jahren die erste Gelegenheit, mal über die EU abzustimmen und etwas Relevantes zu sagen. Und das war einfach nur ein Nein! Mehr war das nicht.

Dass diese Volksabstimmung den Engländern Vorteile bringt, scheint für Sie noch nicht ausgemacht zu sein.

Sullivan: Hier in England haben wir ein geflügeltes Wort: »Die Truthähne haben für Weihnachten gestimmt« wo sie dann verspeist werden;d.Red.. Aber den Engländern war das kein Fingerzeig. Sie wollten einfach etwas kaputt schlagen, weil sie seit Anfang der 80er immer nur eines gehört haben: Wenn ihr zulasst, dass die Reichen immer reicher werden, profitiert auch ihr davon. Das aber ist nun mal eine verdammte Lüge!

Vor drei Jahren haben wir über die Veränderungen des Arabischen Frühlings und das anschließende Desaster gesprochen. Stehen die Engländer jetzt vor einer ähnlichen Situation?

Sullivan: Ich glaube, ja. Wer zum Referendum etwas erfahren möchte, sollte den zweiten Song unseres Albums hören, »Burn The Castle«. Das Referendum war eine billige Masche der Tories, um die letzten Wahlen zu gewinnen. Ich bin vom Ergebnis total niedergeschlagen, voller Verzweiflung und Furcht, was da noch kommt. Aber nicht überrascht, weil ich das so habe kommen sehen.

Aber vielleicht muss man gar nicht so depressiv gestimmt sein. US-Außenminister Kerry hat doch den Brexit als unverbindliche Volksabstimmung bezeichnet, die man rückgängig machen könne.

Sullivan: Niemand kann sagen, was passieren wird. Nur hat unsere Regierung für die Zeit nach dem Brexit politisch und wirtschaftlich und gesellschaftlich absolut nichts anzubieten. Ich habe Angst, was uns wieder zum Song »Winter« zurückbringt: Veränderung ist ja nichts Schlechtes, aber die Richtung, in die sich unser Land entwickelt, ist total verrückt. Punkt, aus, Ende!

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