Medien «Newtopia»: Tränen, Kälte und ein Schweinchen

Berlin/Königs Wusterhausen (dpa) - Freude bei Sat.1: Die neue Fernsehshow «Newtopia» legte am Montagabend mit durchweg guten Werten los

Von dpa
Bei Sat.1 hat die Zukunft begonnen.
Bei Sat.1 hat die Zukunft begonnen. Foto: Matthias Balk

2,80 Millionen Zuschauer verfolgten den Start des TV-Experiments, der Marktanteil betrug glatte 10,0 Prozent - in der für den Münchner Privatsender bevorzugten Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen Zuschauer sogar 17,0 Prozent - 12,0 Prozent gelten für «Newtopia» als längerfristiger Richtwert.

Die Show selbst begann indes nicht nur mit Freude, sondern vor allem mit vielen Tränen. Die 15 Kandidaten zwischen 17 und 61 Jahren heulten gleich reihenweise, als sie sich von ihren engsten Angehörigen verabschiedeten, um ein Jahr lang ein neues Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell unter dem Dach einer alten Scheune in der Nähe des brandenburgischen Königs Wusterhausen zu entwickeln.

Die Mitspieler müssen mit einem Budget von 5000 Euro, einem Handy mit einem Startguthaben von 25 Euro, zwei Kühen und 25 Hühnern auskommen. Sie brauchen dabei dauerhaft nicht nur ein funktionierendes Gemeinwesen, sondern auch Einnahmen. Auch der Sender Sat.1, der das Fernsehformat vom niederländischen Ideen-Guru John de Mol erwarb, hofft auch auf einen wirtschaftlichen Erfolg.

Die werktägliche TV-Zusammenfassung der Geschehnisse wird unterstützt durch sogenannte Produktplatzierungen, unter anderem von einem großen japanischen Autohersteller, der für den Transport der sieben Frauen und sieben Männer und ihrer Habseligkeiten zu Showbeginn 15 schwarze geländegängige Automobile zur Verfügung stellte. Lediglich ein kurzer Reklameblock unterbrach die Sendung - «Nur 80 Sekunden Werbung», entschuldigte sich Sat.1 kurz zuvor beim Publikum.

Weil eine TV-Show nicht ohne konträre Charaktere funktioniert, hat sich Sat.1 unterschiedliche Typen zusammengesucht - so wie es «Newtopia»-Erfinder de Mol auch bei der Jahre laufenden Container-Show «Big Brother» praktiziert.

Für Konfliktstoff sorgte gleich nach dem Einzug Candy, ein obdachloser 44 Jahre alter Politologe irgendwo aus der Berliner Ecke, der nur widerwillig zur Hilfe bereit war und sich lieber zum Schlafen in seine Strohballen zurückzog. Ein Macher wie der rundliche Landwirt Christian (28) aus dem Münsterland ist aber mit seinem Willen und seiner Kenntnis unerlässlich für eine funktionierende Show.

In der brandenburgischen Unwirtlichkeit und bei eisiger Kälte kamen sich auch ein paar Kandidaten näher: Fitnesstrainer Hans (30) und Student Lenny (29) schütteten sich ihr Leid aus und wurden auch schon mal romantisch: «Ich will ein Schweinchen haben», sinnierte Hans, der genauso wenig in der neuen Wirklichkeit angekommen zu sein schien wie das aus dem Kosovo stammende Model Diellza (25), der die primären Bedürfnisse wie Essen und Trinken weniger wichtig schienen als guter Körpergeruch: «Ich werde im Frühjahr Blumen suchen, die duften.»

Auch der arbeitslose Steffen (61) aus Rostock steuerte eine Duftnote bei: eine Kiste Zigarren.

Twitter-User entdeckten prompt die neue Show: «Candy ist gruselig», schrieb «Nikiweb TV Events». Ein anderer User unkte über Student Lenny, er werde seine hübsche Freundin verlieren. Und «Steve Lo.» kam zu dem Schluss: «Wer tatsächlich 365 Tage "Newtopia" guckt, hat die Kontrolle über sein nicht existierendes Leben verloren.»

Die Kandidaten dürfen und müssen nun Handel treiben, die Scholle beackern und fischen. Mehr als 100 Kameras überwachen ihr Tun. Die etwas hausbackene Machart erinnert stark an die elf «Big Brother»-Staffeln, die zu Jahrhundertbeginn bei RTL II liefen.

Auch dort sollte übrigens mal ein Jahr lang «Big Brother - Das Dorf» funktionieren, wurde aber vorzeitig abgebrochen. Wie lange das Sat.1-Experiment dauert, ist offen. In den Niederlanden klappt es mit der Show, in den USA war dagegen nach kurzer Zeit auf dem Ackerland Schluss.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.