Archäologie Etablierte Geschlechterrollen werden im Museum zum Mythos

Freiburg (dpa) - Für die Archäologen in Fridingen an der Donau schien bei dem Fund 1971 die Sache eindeutig: ein Grab aus dem frühen Mittelalter mit bunten Perlenketten, Ringen und Schnallen. Dort konnte nur eine Frau begraben liegen.

Von dpa
Nachbildungen von Steinzeit-Figuren im Archäologische Museum in Freiburg. Foto: Patrick Seeger
Nachbildungen von Steinzeit-Figuren im Archäologische Museum in Freiburg. Foto: Patrick Seeger Foto: dpa

Denn lange Zeit galt in der Archäologie die simple Faustformel: Schmuck gleich Frau, Waffen gleich Mann. Aber nach der anthropologischen Geschlechterbestimmung stand fest: Der Schmuck gehörte zu einem damals 23- bis 40-jährigen Mann, die Waffen ein paar Gräber weiter zu einer jungen Frau.

«Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?», fragt deshalb noch bis Mitte März das Archäologische Museum in Freiburg. Eine Ausstellung, die viel erzählt über das Rollenverständnis der Geschlechter über Jahrtausende hinweg. Sie ist nach Angaben des Museums die deutschlandweit erste Ausstellung dieser Art.

«Immer wieder haben Frauen im Laufe der Geschichte vermeintliche Männerrollen eingenommen», sagt Beate Grimmer-Dehn. Sie ist wie Helena Pastor Borgoñón Direktorin des Museums. Beide haben in Zusammenarbeit mit der Universität Basel die Ausstellung konzipiert. Immer wieder seien Frauen in Männerdomänen vorgedrungen: Abenteurerinnen, Herrscherinnen oder etwa die Trümmerfrauen nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit Hilfe von Naturwissenschaften können Archäologen dies auch belegen: «Die Theorie von Jägern auf der einen, und Sammlerinnen auf der anderen Seite ist ein Mythos.»

Altsteinzeitliche Höhlenmalereien vor 12 000 bis 40 000 Jahren seien vor allem von Frauen gestaltet worden - die hohe Frauenquote zeigt auch eine Grafik in der Ausstellung. «Bei den Malereien wurden oft die Hände als Schablone auf die Wand gelegt. Farbe, die mit dem Mund oder einem Röhrchen auf die Fläche gepustet wurde, erzeugte ein Handnegativ», sagt Pastor Borgoñón. Vermessungen der Handabdrücke hätten ergeben: «Es waren drei Viertel Frauen, die die Hände gemalt haben, was wahrscheinlich macht, dass sie auch die Wandmalereien gestaltet haben», sagt sie.

Sie seien vermutlich mit auf die Jagd gegangen. «Denn wie sollen die Frauen die Tiere gemalt haben, wenn sie sie nicht kannten? Bei heutigen Naturvölkern gehen auch die Frauen mit jagen», sagt Grimmer-Dehn. Wer jung ist fit sei, gehe auf Jagd. Und dies gelte meist unabhängig vom Geschlecht.

Die Schau in Freiburg stellt Rollenbilder, die seit Jahrhunderten etabliert sind, auf den Prüfstand. Die Macher haben sich geschichtlich auf die Suche begeben, genaue Antworten können sie naturgemäß nicht geben. «Wir haben schließlich nur die materiellen Funde aus dieser Zeit und keine Texte», sagt Grimmer-Dehn. Deshalb können sie auch nur mutmaßen, warum Männer zum Beispiel viel Schmuck trugen, etwa ein zur Ausstellung gehörender filigran verzierter goldener Halsring. «Die meisten der goldenen Halsringe wurden von Männern getragen. Vielleicht wurden sie den Frauen entlehnt, um zu zeigen: Wir können uns das leisten», sagt Grimmer-Dehn.

Und auch weitere Beispiele rütteln am traditionellen Rollenbild: Webgewichte und eine Spinnwirtel deuten auf ein Weberhandwerk hin. Mit ihnen ist ein 50-jähriger Mann aus der mittleren Jungsteinzeit beerdigt worden. Dafür hat eine etwa 30-jährige Frau, die in Stetten an der Donau begraben wurde, ihre Grabbeigaben - geschliffene Knochenspitzen, Feuersteinklinge und Schleifstein - als Werkzeuge genutzt und hergestellt. Das habe auch eine anthropologische Analyse der Knochen bestätigt.

«Vielleicht hatte man damals eine andere Vorstellung von Mann und Frau als wir sie heute haben», sagt Grimmer-Dehn. Das beschäftigt auch die niederländische Künstlerin Mathilde ter Heijne in ihrer Ausstellung «Performing Change» im Museum für Neue Kunst, nur ein paar Gehminuten entfernt. Dort hat sie einige der 3 bis 20 Zentimeter großen Steinzeit-Figuren mehr als zehnfach so groß nachgebildet - detailgetreu. «Vor allem die nicht eindeutigen Figuren interessieren. Sie sollen zum Nachdenken anregen: Wie war die Gesellschaft damals? Und was ist normal?», sagt Kuratorin Sophia Trollmann.

Trotzdem: Rollendenken lässt sich nicht ganz abschalten. Im Gästebuch des Archäologischen Museums schreibt ein Besucher ironisch zur Ausstellung: «Höhlenmalerei ist auf jeden Fall Frauensache! Schon mal unsere heutigen «Höhlen» von Frauen und Männern verglichen - wer dekoriert besser daheim?!»

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