Porträt Gina Miller - Hassfigur der Brexit-Gegner

Bei den Rangeleien um den geplanten Ausstieg Großbritanniens aus der EU bleibt es nicht nur bei Wortgefechten. Das bekommt auch jene Frau zu spüren, die jetzt die Beteiligung des britischen Parlaments am Brexit-Prozess erstritten hat.

Von dpa

London (dpa) - Seit Monaten hat sie diesem Tag entgegengefiebert: Die Investmentmanagerin Gina Miller hat den Brexit-Prozess losgetreten. Die 51-Jährige forderte, dass auch das britische Parlament ein Wörtchen bei der Scheidung von der EU mitzureden habe - und bekam jetzt recht.

Die einen feiern Miller und ihre Mitstreiter dafür wie eine Volksheldin, die anderen verachten sie. Von manchen Kritikern wird die politische Aktivistin in Anspielung auf die gefährliche Spinne als «Schwarze Witwe» verhöhnt oder sogar bedroht.

Vor dem höchsten britischen Gericht war es am Dienstag direkt nach der Urteilsverkündung zunächst relativ ruhig. Hier und dort Fahnen und Schilder von Brexit-Gegnern und -Befürwortern. Doch dann kam sie - beruflich erfolgreich, reich, schön, Kämpfernatur. Als Miller erhobenen Hauptes vor die Kameras trat, kam es zu tumultartigen Szenen. Ein Mann ging in der Menge zu Boden. Jeder wollte ein Interview mit der Frau, die Brexit-Anhängern das Leben schwer macht, oder zumindest einen Blick von ihr erhaschen.

Miller hatte mit Weggefährten, darunter einem Friseur, Klage beim High Court in London eingereicht. Ihr Ziel: Sie wollte, dass Premierministerin Theresa May die Zustimmung des mehrheitlich EU-freundlichen Parlaments für die Austrittsverhandlungen einholen muss. Das Gericht gab ihr recht; die Regierung legte Berufung beim Supreme Court ein - und verlor jetzt den Rechtsstreit.

Den Brexit abzuwenden, lag Miller nach eigenen Worten fern. Es sei ihr um die Art und Weise des Ausstiegs gegangen. Es sei ein Rechtsstreit gewesen und keine Politik, sagte sie nach dem jüngsten Urteil.

Millers Engagement machte sie zur Hassfigur einiger Brexit-Befürworter. Mehrfach wurde sie im Internet bedroht. Aus eigener Tasche habe sie Zehntausende von britischen Pfund für Sicherheitsvorkehrungen gezahlt, berichtete die dreifache Mutter in Interviews. Ein 55-Jähriger aus dem Südwesten Englands, der sie rassistisch beschimpft haben soll, war festgenommen worden.

Ihre Ängste sind verständlich: Im vergangenen Juni hatte ein 52-Jähriger die Labour-Abgeordnete und erklärte Brexit-Gegnerin Jo Cox ermordet. Der Mann wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die Juristerei ist Miller, die in Guyana geboren wurde und in Großbritannien aufwuchs, nicht fremd: Als Tochter eines Anwalts studierte sie Betriebswirtschaft und Jura in London. Sie hatte verschiedene Jobs; auch als Model soll die zierliche, hübsche Frau gearbeitet haben. Mit ihrem dritten Ehemann Alan Miller - der britischen Medienberichten zufolge «Mr. Hedgefonds» genannt wird - gründete sie die Vermögensverwaltungsgesellschaft SCM Private. Das vermögende Paar engagiert sich stark für soziale Zwecke und sammelt Spenden.

Nicht nur Freunde machte sich Miller, als sie versteckte Gebühren in vielen Investmentfonds anprangerte, wie sie der «Financial Times» berichtete. Im Kampf gegen Unehrlichkeit rief sie die «True and Fair»-Kampagne ins Leben. Auf einer Party hätten ihr Gäste vorgehalten, dass sie das Finanzviertel ruiniere und sie «Schwarze Witwe» genannt.

Besonders betroffen machen Miller, selbst dunkelhäutig und britische Staatsbürgerin, die rassistischen Äußerungen, die sie und viele andere ertragen müssen. Hunderte von Menschen hätten ihr von solchen Erlebnissen berichtet. «Sie sprachen zum Beispiel in einer anderen Sprache an der Bushaltestelle und wurden dafür bespuckt oder getreten - das ist entsetzlich», sagte sie der Zeitung «Guardian».

Doch das dürfte die 51-Jährige nicht von weiteren Einsätzen abhalten - ob beruflich oder für soziale und politische Zwecke. Sie sei wie ein Rennfahrer: «Wenn ich meine Karriere mit einem Grand Prix vergleiche, habe ich erst die Hälfte der Runden geschafft.»

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