Kommentar zu Gaulands »Vogelschiss« Schweigen ist keine Alternative

Ruhig bleiben oder sich aufregen? Vor dieser Frage stehen alle paar Tage landesweit nicht nur die Kommentatoren in den Medien, sondern grundsätzlich jeder – ob in Facebook, am Stammtisch oder in anderen Diskussionsrunden. Klar ist, dass die Gaulands, Weidels und von Storchs mit ihren Provokationen geradewegs auf öffentliche Empörung spekulieren. Sie kalkulieren, dass die Wellen, die die AfD damit auslöst, der Partei eine Bedeutung zumessen, die sie nicht hat und nicht verdient.

Von Bernhard Hertlein
Alexander Gauland.
Alexander Gauland. Foto: dpa

Also gibt es viele, die sich vornehmen, zu schweigen. Erstens ist es bequemer. Und zweitens sogar noch mit dem guten Gefühl verbunden, nicht als »dummer Empörer« der AfD in die Hände zu spielen. Dann kommt der 2. Juni 2018, an dem der 77-jährige AfD-Parteichef die Hitler-Zeit einen »Vogelschiss« in über 1000 Jahren deutscher Geschichte« nennt. Und wieder hat das Schweigegebot zurückzutreten.

Es gibt Tabus, die zu den Säulen von Demokratie, Anstand und Rechtsstaat gehören. Dazu gehören Wahrheiten wie die historische Verantwortung für 50 Millionen Tote im Zweiten Weltkrieg und für den industriellen Mord der Nazis an Millionen Juden, Sinti, Roma, gläubigen Christen, Gewerkschaftern, Kommunisten, Homosexuellen, psychisch Kranken und vielen anderen. Wer diese Schandtaten, die zu den größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte zählen und nicht einmal drei Generationen zurückliegen, als Randereignis abtut und seine Provokation noch durch Absingen der ersten Strophe des Deutschland-Liedes (»Deutschland, Deutschland über alles«) bekräftigt, sucht ganz offensichtlich die Allianz mit der rechtsextremen NPD und ideologisch ähnlich ausgerichteten Gruppierungen. Dafür bohrt er in das Fundament, auf dem dieser Staat und die deutsche Gesellschaft aufgebaut ist. Alexander Gauland ist eine Schande für jeden, der mit ihm Umgang hat.

Unter den fast 5,9 Millionen Bürgern, die bei der Bundestagswahl 2017 der AfD ihre Stimme gaben, taten dies mit Sicherheit manche aus Protest gegen die etablierten Parteien. Spätestens jetzt sollten sie erkennen, welch unseligen Geistes Kind diese sogenannte »Alternative« ist. Klar ist, dass nach der nächsten Wahl keiner sagen kann: Das habe ich nicht gewusst.

Kommentare

Da geht mir doch die Hutschnur hoch ...

... wenn ich den Kommentar von Herrn Schneider lese. Wenn man sich einige Entwicklungen nach dem 2. Weltkrieg ansieht, ist da sicherlich einiges zu bemängeln. Unzureichende Verurteilungen von Nazi-Verbrechen und nur schleppende Aufaufbeitung der Geschichte sind nur die Spitze des Eisbergs. Aber was hat das mit dem aktuellen "Fall Gauland" zu tun ? Nichts, aber auch gar nichts. Soll mit den exemplarischen Aufzählungen im Kommentar Gaulands Aussage genauso relativiert bzw. verharmlost werden, wie Gauland Nazi-Verbrechen relativieren will ? Die Rattenfänger der AfD gehen doch immer wieder nach demselben widerwärtigen Schema vor: die Rechtsaußen, sofern das überhaupt straffrei möglich ist, der Partei wie Höcke oder Gauland hauen einen raus und ein Gemäßigter relativiert schließlich die Aussagen oder distanziert sich, wenn auch dezent, um den Eindruck zu erwecken, man sei eine Partei mit lebhafter Diskussion. Immer schön an der Grenze zur Volksverhetzung. Wenn kürzlich eine Holocaust-Leugnerin rechtskräftig verurteilt wurde und ins Gefängnis muss, was unterscheidet diese von einem Gauland, der 12 Jahre deutscher Geschichte in ein mathematisches Verhältnis zu 1000 Jahren setzt, dabei aber unterschlägt, dass in dieser Zeit mehr als 6 Mio. Juden industriemäßig ermordert wurden und ein Weltkrieg angezettelt wurde, der direkt oder indirekt 60 bis 80 Mio. Menschen das Leben gekostet hat ? Allein die erneute bewusste Erwähnung der "1000 Jahre", auch wenn diese sich auf die Vergangenheit beziehen, als Bezug auf Höckes Rede ist doch vielsagend.Gaulands Aussagen erfüllen für mich die Kriterien eines Strafbestands, der unbedingt bei der Staatsanwaltschaft landen muss.

Möge das Schicksal mich davor bewahren, einen wie Gauland jemals als Nachbarn zu haben.

Rüdiger Kleindienst

Was könnte Herr Gauland denn mit dem "Fliegenschiß" gemeint haben? Das er es leid ist, wenn die deutsche Geschichte ständig auf nur diese paar Jahre reduziert wird? Und das i. d. R. von zur Zeit politischen Verantwortungsträgern. Sicher, es war eine schlimme Zeit, aber sie wird nicht besser dadurch, daß man es gebetsmühlenartig wiederholt und somit ein schlechtes "Volksgewissen" erzeugt. Aber das will ja dieses links-rot-grüne Ge... und sie haben ihr Ziel erreicht, denn die Deutschen sind schwach geworden.
Dieser Krieg war nicht mein Krieg und auch nicht der meiner Generation. Ich fühle mich daher auch für nichts verantwortlich!

Schweigen ist keine Alternative

Die AfD ist demokratisch gewählt worden. Dabei ist es unerheblich, ob sich die Wähler/innen aus Protest so entschieden haben oder nicht. Offensichtlich waren sie mit mit der voherigen Regierung nicht zufrieden. Ich bin mir sicher, dass die AfD auf lange Zeit keine Regierungsverwantworung innerhalb eine Koalitionen übernehmen wird, somit die Geschicke einer Regierung beieinflussen kann, weder auf Landes- noch auf Bundesebene. Dass zum Beispiel EX-CDU-Mitglied Gauland mit seiner Äusserungen aus Sicht des Kommentators provoziert, ist sein gutes Recht, solange er sich im rechtlichen Rahmen (Strafrecht u.a.) bewegt. Verschiedene Ermittlungsverfahren sind in der Vergangenheit eingestellt worden. Wenn mann die AfD heute für die Greueltaten des II. Weltkrieges verantwortlich machen will, dann geht diese Ansicht fehl. Mitverantwortlich war ohne Zweifel Nazi-Deutschland, deren Schergen nach dem Ende des Krieges in der jungen Bundesrepublik mit Zustimmung der Besatzung den Wiederaufbau vorangetrieben haben. Wie war es denn mit dem System Octogon? Wurde nicht die CDU mit Hilfe von Nazivermögen und CIA-Hilfe aufgebaut? Wurde nicht der Kommentor der Hitlerschen Rassegesetze Globke sogar rechte Handvon CDU-Kanzler Adenauer? Adenauer, der als Bürgermeister von Köln der Zentrumspartei angehörte, die durch das Ermächtigungsgesetz 1933 die Machtübernahme Hitlers in Deustchland aktiv unterstützt hat? Oder Nazi-General Reinhard Gehlen, der im Westen einen Geheimdienst aufbaute? Und so könnte noch einige genannt werden. Ich bin wahrlich kein Anhänger der AfD. Aber wer hat sich schon einmal die Mühe gemacht, die Akteure und Ihre Ziele in der AfD zu hinterfragen? Da finden sie ehemalige Vertreter aus Verbänden und Unternehmen, Ex-Mitglieder des wissenschundesfinanzwirtschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium, Ex-Mitglieder der Förderalismus-Kommission von Bundestag und Bundesrat, Miglieder von einflussreichen Denkfabriken usw. Also keine erfolgreichen Studienabrecher, die bei den anderen Parteien lautstark, völlig sinnfrei, sich in die politische Diskussion einbringen.. Und warum sind nach der letzten Bundestagswahl 400 Mitarbeiter aus anderen Parteien zur AfD-Zentrale gewechselt?

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