Kommentar zu Politik und Tierschutz Wir brauchen eine Koalition für die Wölfe

Die Wölfe haben es ungewollt in den Koalitionsvertrag von Union und SPD geschafft. Neben Digitalisierung, Baukindergeld und Innerer Sicherheit. Wölfe seien zur Gefahr geworden und die Sicherheit der Menschen müsse oberste Priorität haben, meinen CDU, CSU und SPD. Notfalls müssten Tiere, die Weidezäune überwinden oder sich in der Nähe von Kindern auffällig verhalten, getötet werden. Das Verhalten der Wölfe sorge für immer mehr Probleme, behauptet Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies.

Von Dietmar Kemper
Symbolbild.
Symbolbild. Foto: dpa

Solche Sätze grenzen an Panikmache, und schrecklich banal sind sie auch. Natürlich hat die Sicherheit der Menschen oberste Priorität. Bezweifelt das jemand? Längst dürfen verhaltensauffällige Wölfe erschossen werden. Und es ist doch klar, dass Wölfe durch Vergrämung aus Ballungsgebieten herausgehalten werden sollten. Genau so klar ist aber auch: Angriffe auf Menschen sind nicht bekannt. In Wahrheit ist also nicht die Sicherheit der Menschen bedroht, sondern allenfalls die von Weidetieren wie Schafen. Werden die nicht ausreichend geschützt, durch entsprechend hohe Zäune zum Beispiel, können sie zur Beute werden. Deshalb müssen Schafzüchter bei ihren Vorkehrungen von Bund und Ländern unterstützt und bei Verlusten entschädigt werden. Das fordern übrigens Schafzuchtverbände und Tierschützer unisono.

Wirtschaftliche Existenz ist nicht gefährdet

Aber über welche Dimension reden wir eigentlich? In Deutschland streifen etwa 60 Wolfsrudel umher, in NRW haben sie zehn Schafe und sieben Ziegen gerissen. Jedes getötete Weidetier ist für den Besitzer ein Verlust, aber seine wirtschaftliche Existenz ist nicht gefährdet. Ohnehin werden von den 83 Millionen Deutschen nur die allerwenigsten jemals einen Wolf in freier Wildbahn zu sehen bekommen. Die sind selten und scheu. Dass einer wie in Winsen an der Aller vor einem Kindergarten auftaucht, ist die große Ausnahme.

In der öffentlichen Diskussion wird die Tierart aber zur Bedrohung hochstilisiert, quasi zum »Weißen Hai auf Pfoten«, und die jahrhundertealte Legende von der Bestie fortgeschrieben. Weil sich Politiker gerne als Kümmerer präsentieren, erwecken Union und SPD den Eindruck, als wäre der Wolf ein echtes Problem.

Wir brauchen eine Koalition für den Wolf, aus Naturschützern und Menschen, die sich von Hysterie nicht anstecken lassen. Der Wolf hat ein Recht, bei uns zu leben, und es spricht nichts dagegen, dass er durch waldreiche Mittelgebirgslandschaften streift. Der Mensch hat die Natur zerstört und einen beispiellosen Artenschwund ausgelöst. Wölfe gehören in einen Koalitionsvertrag – und zwar ins Kapitel Umweltschutz. Übrigens: Frankreichs Regierung will mehr Wölfe. Ihre Zahl soll bis 2023 auf 500 steigen.

Kommentare

Sie werden mir einen zu Gesicht bekommen

Als die ersten Wölfe auftauchten hieß es: Selbst erfahrene Wildnisläufer in Norwegen haben nie einen Wolf gesehen. So scheu ist er." . " Schafe reißen? Lächerlich. Das kann er körperlich gar nicht. Es wird nie Angriffe auf Nutztiere geben. Das sind Märchen der ewig gestrigen Hetzer. Rotkäppchenyndrom. Hahaha. "
Heute heißt es: "Natürlich läuft er mal am Kindergarten vorbei. Das ist doch völlig wolfstypisch. Aber er kommt extra am Sonntag, damit er nicht in falschen Verdacht gerät."
Was weg muss ist nicht der Wolf, sondern die Lügner. Die Wolfslobbyisten, die auf Profitgründen, romantischer Duselei, oder anderen Gründen den Wolf unter allen Umständen schönreden und keine Lüge scheuen.
Artenschutz beginnt nicht oben in der Nahrungskette. Nur weil der Wolf über die Äcker läuft sind die noch keine Natur. Wiesenpieper, Braunkehlchen, Rebhuhn und Co profitieren von der Naturspinnerei der Wolfsheims kein bisschen.

zum Kommentar von Dietmar Schulz

Einsatz von Pfefferspray bei nieders. Waldarbeitern: "Das hat nichts mit der Wolfsdiskussion zu tun“, versichert Frank Haufe von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Hannover, es gehe nur um das Thema Arbeitssicherheit. Die Begegnung mit freilaufenden Hunden (keine Wölfe !) sowie Wildschweinen ist wahrscheinlicher...

Eine hilfreiche und genaue Analyse. Danke.

Eine hilfreiche und genaue Analyse der derzeitigen Wolfsdebatten ist Herrn Kemper mit seinem Kommentar gelungen. Die Politik scheint ein neues Steckenpferd zu haben, mit dem man viel Aktionismus vortäuschen kann. Denn die Sicherheit der Menschen hat auch jetzt schon Vorrang und das spiegelt sich in der Gesetzeslage auch wider. Für die Menschen potentiell gefährliche, verhaltensauffällige Wölfe können der Natur entnommen werden und wurden es auch bereits. Das zuständige Wolfsmanagement muss mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln die Situation beobachten, bewerten und handeln. Statt jetzt wieder einmal Ängste zu schüren und in verbale Panikmache zu verfallen, sollten die vom Wolf tatsächlich betroffenen Nutztierhalter unterstützt werden und endlich die Anerkennung und Entlohnung erhalten, die ihrer geleisteten Arbeit wirklich entspricht. Die Einrichtung eines nationalen Kompetenzzentrums Herdenschutz ist z. B. längst überfällig. Dort sollte die Energie der Politik hineingesteckt werden. Die Aufnahme des Wolfes in das Jagdrecht gaukelt lediglich eine Lösung vor, die bei genauer Betrachtung gar keine ist. Herdenschutz sieht anders aus. Ach ja, im Dezember hat die EU-Kommission erneut bestätigt, dass der strenge Schutzstatus des Wolfes bestehen bleibt.

Wozu Pfefferspray für die niedersächsischen Waldarbeiter?

Seit einigen Jahren wurden die niedersächsischen Waldarbeiter mit Pfefferspray ausgestattet, damit sie sich bei unangenehmen Wolfsbegegnungen wehren können. So menschenscheu scheinen Wölfe nicht zu sein.

Mehr Akzeptanz für Wölfe

Ein genialer Kommentar!
Im "Deutschen Ärzteblatt" ist eine Schätzung veröffentlicht worden: Ärzte behandeln jährlich ca. 50 000 Bisswunden - Angriffe von Hunden auf Menschen, darunter zahlreiche Kinder!!!! Wo bleibt der Protest?
Angriffe von Wölfen auf Menschen Fehlanzeige! Außerdem zeigen Studien, dass es viele Gegenden gibt, in denen Wölfe nie leben werden. Z.B., weil es zu wenig Wild oder zu viele Straßen gibt...

Der Wolf am Kindergarten

Schöner Artikel!
Noch erwähnenswert ist, dass der Wolf an der Winsener KiTa an einem Sonntag dort vorbeigelaufen ist. Die Informationen, mit denen sich die Politiker und Wolfsgegner brüsten sind nicht nur vollkommen überzogen, sondern auch noch verfälscht und dienen rein zur Panikmache/ zum Stimmenfang.

Ein Armutszeugnis für unsere großen Parteien, wenn man sich solch banale Lügenmärchen zurechtlegen muss um ein paar Wähler zu fangen.

Lieber Felix

Manchmal leidet die Erinnerung!
Die www.wolfszone.de besteht seit 2013. Sie frisst auch keine kleinen Kinder. Schon grad nicht pränatal seit 2005.
Was wir brauchen, ist eine sachliche Auseinandersetzung mit den Themen Wolf in der Kulturlandschaft und Wolf vs ökologische/extensive Landwirtschaft. Erinnerungsarme Wolfsschützer werden dieses Ziel nicht erreichen.

Wolfzone

Sprach Herr Noltenius, * Wolfsachverständiger* des Jagdverbandes Sachsen, Mitgliederzahl nicht erwähnenswert, Mitarbeit beim Monitoring ? Nicht erwähnenswert sondern ganz im Gegenteil! WebseitenKreativkopf von Wolfzone, AntiWolf-Forum der ersten Stunde! Beschrie schon, wenn ich mich recht entsinne 2005 die ersten gefressenen Kinder....!;)
Übrigens endlich mal ein sachlicher Zeitungsartikel!

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