Kommentar zur Schulempfehlung Zeit für Neues

Sieben Jahre Rot-Grün vergessen machen – nach dem Vorstoß für ein neues Hochschulgesetz, mit dem CDU und FDP die Beschlüsse ihrer Vorgängerregierung abräumen wollen, wecken die Gedankenspiele der FDP-Schulministerin ähnliche Assoziationen: zurück zum verbindlichen Grundschulgutachten, das Kindern widerspenstiger Eltern drei Tage Probeunterricht abverlangt und reichlich Gesprächsbedarf mit den Lehrern inklusive Konfliktpotenzial ausgelöst hat?

Von Hilmar Riemenschneider
Symbolbild.
Symbolbild. Foto: dpa

Auch wenn Yvonne Gebauer nur prüfen lässt, was geht oder nicht geht: Sie riskiert schon damit viel Unfrieden mit Eltern und mit den großen Lehrerverbänden. Die Erkenntnis, dass manche Eltern ihren Kindern die falsche Schule aussuchen, ist nicht neu. Es führt aber in die falsche Richtung, deshalb einfach auf alte, nicht wirklich bewährte Rezepte zurückzugreifen.

Gebauer wird sich nicht über die jahrelangen Debatten um die fehlende Bildungsgerechtigkeit hinwegsetzen können, weil Kinder aus so genannten bildungsfernen Familien nur selten eine echte Chance bekommen, sich von diesem Stigma zu befreien und entsprechend ihrer Begabung eingestuft zu werden. Dass in Deutschland hier Durchlässigkeit fehlt, ist längst durch zahlreiche Studien belegt – Pisa lässt grüßen.

Wer mehr Aufstiegschancen schaffen und wie die schwarz-gelbe Landesregierung gerade in benachteiligten Stadtteilen bevorteilte »Talent-Schulen« gründen will, darf nicht vorher den Weg dorthin verbauen. Das heißt nicht, dass man die Rückmeldungen aus den Schulen nicht ernst nimmt. Die Konsequenz kann weder »zurück« noch »weiter so« heißen.

Denn dass auch die derzeitige Praxis der Schulempfehlung zu oft soziale Ungleichheit beibehält, hat die Stiftung Mercator erst jüngst dokumentiert: Danach besaßen 14 Prozent der Kinder mit Hauptschulempfehlung und 23 Prozent derjenigen mit Realschulempfehlung ein überdurchschnittliches kognitives Potenzial, das sie eher für ein Gymnasium qualifiziert hätte. Das zeugt davon, dass sowohl den Lehrern als auch den Eltern manchmal der Blick auf die Qualitäten der Kinder verstellt ist.

Vergebene Chancen und Talente kann sich dieses Land nicht mehr leisten – ein oft gehörter Satz in bildungs- wie wirtschaftspolitischen Reden. Er ist wahr. Da könnte die Empfehlung der Mercator-Experten helfen, dass in die Bewertung auch ein Test der kognitiven Fähigkeiten einfließt.

Wenn Ministerin Gebauer schon prüfen lässt, sollte sie das auch hier tun. Denn die Diskussion zeigt: Es ist Zeit für ein neues System, in dem neben Lehrern und Eltern auch objektive Testergebnisse den Weg weisen.

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