Kommentar zum Holocaust-Gedenktag Kein Tag wie jeder andere

Holocaust. Das griechische Wort bedeutet »vollständig verbrannt« oder »Ganzbrand«. Die Übersetzung des Begriffs schafft eine Vorstellung von dem, was die Nazis taten: Juden ausrotten. Und die Vorstellung wird noch deutlicher, wenn man Fotos von Leichenverbrennungen in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern betrachtet.

Von Andreas Schnadwinkel
Holocaust-Mahnmal in Berlin.
Holocaust-Mahnmal in Berlin. Foto: dpa

Der Holocaust-Gedenktag, erst 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt, kann in Deutschland – und anderswo, aber aus bekannten Gründen in erster Linie bei uns – kein Tag wie jeder andere sein.

Das war er aber über viele Jahre doch. Nicht jeder Kalender hat am 27. Januar einen Vermerk. Der Holocaust-Gedenktag lief so mit: eine Rede hier, ein Kranz dort. Das hat sich geändert. Denn der Judenhass ist aktuell geworden.

Kurz vor dem Holocaust-Gedenktag 2017 griff AfD-Rechtsaußen Björn Höcke die deutsche Erinnerungskultur und die Aufarbeitung der Ermordung von sechs Millionen Juden an und sprach von »Schuldkult«. Das war eine Schande. Gleiches gilt für die Verbrennung von Israel-Flaggen mit dem jüdischen Davidstern in Berlin durch muslimische »Demons­tranten« vor wenigen Wochen.

Richtigen Weg noch nicht gefunden

Vor diesem Hintergrund wird über die Frage gestritten, welcher Antisemitismus für Juden der bedrohlichste ist. Der muslimische, der rechtsextreme oder der linksradikale? Die Kriminalitätsstatistik gibt da wenig Aufschluss. Wer diese unsauber ermittelten Werte interpretieren will, bewegt sich auf unsicherem Gelände.

Natürlich: Jede einzelne Tat ist eine Tat zu viel. Taten statistisch festzuhalten ist wichtig. Noch wichtiger als die quantitative Erfassung ist die qualitative Bewertung. Eine Hakenkreuzschmiererei ist etwas anderes als ein gewalttätiger Angriff auf einen jüdischen Schüler. Beides gleich zu gewichten führt nicht weiter.

Den richtigen Weg im Umgang mit Personen, die ein Problem mit Juden haben, hat die deutsche Gesellschaft noch nicht gefunden. Dass Aktionskünstler auf dem Grundstück neben Björn Höckes Haus in Thüringen das Holocaust-Mahnmal nachgestellt haben, kann man gut oder weniger gut finden. Keine Wahl hat man, wenn an einem deutschen Wahrzeichen wie dem Brandenburger Tor Israel-Flaggen brennen und »Tod den Juden« geschrien wird.

Warum gab es da keine vernehmbare Gegenreaktion, die es mit dem »Kampf gegen Rechts« hätte aufnehmen können? Fühlen wir uns für den Judenhass von Muslimen, die bei uns leben, nicht genauso verantwortlich wie für den Judenhass von Deutschen?

Über diese Fragen lohnt es sich nachzudenken. Jeden Tag. Und am Holocaust-Gedenktag ganz besonders.

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