Kommentar zu den besonderen Jahrestagen 2018 Lange historische Linien

Das neue Jahr wird auch ein Jahr der Erinnerung. Zwei Daten stechen heraus: Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg als Phase machtpolitischer, dynastischer und religiöser Konflikte in Europa, und vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg, hinterließ einen geschundenen Kontinent und schuf mit den USA die erste Weltmacht der Moderne.

Von Andreas Schnadwinkel
Der Soldatenfriedhof der Gedenkstätte auf dem Hartmannsweilerkopf in Cernay (Frankreich) für im Ersten Weltkrieg gefallene Soldaten.
Der Soldatenfriedhof der Gedenkstätte auf dem Hartmannsweilerkopf in Cernay (Frankreich) für im Ersten Weltkrieg gefallene Soldaten. Foto: dpa/Archiv

Was lange zurückzuliegen scheint, muss noch lange nicht vorbei sein und kann bis heute wirken. Wie 1918.

Wegen der damals unmittelbaren und späteren Folgen sehen Historiker im Ersten Weltkrieg die »Urkatastrophe« des 20. Jahrhunderts. Auch an diese Folgen erinnern 2018 Jahrestage: an das Münchener Abkommen von 1938, das den Eroberungsfeldzug der Nazi-Diktatur befördern half; an die Staatsgründung Israels 1948, die ohne den Mord an den europäischen Juden nicht möglich gewesen wäre; an die 68er-Bewegung, die mit der Vätergeneration abrechnete.

All das wirkt bis heute. Diese Perspektive mag eine ausgesprochen deutsche sein. Bei uns steht – logischerweise und zu Recht – der Nationalsozialismus im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Aufarbeitung. Und alles, was dazu führte. Wie der Erste Weltkrieg.

Andere Länder blicken anders auf 1918 und die Konsequenzen zurück – und richten danach ihre aktuelle Politik aus. Allen voran Russland und die Türkei, deren Präsidenten in langen historischen Linien denken und sich zuweilen wie Zar und Sultan aufführen.

Auch wenn Wladimir Putins geopolitische Strategie darauf zielt, die alte Sowjetunion neu zu erschaffen oder zumindest ihren einstigen Machtbereich wieder herzustellen, liegen seine Bezugspunkte eher im russischen Kaiserreich. Putins Vorbild ist Zar Nikolaus I., dessen autoritäres Regime von 1825 bis 1855 über Russland herrschte. Die Parallelen sind trotz des Abstands von fast 200 Jahren erstaunlich: Auch Nikolaus I. setzte auf Bürokratie, Geheimdienst, Polizei, Kirche und Nationalismus.

Während der russische Einfluss nach dem Ersten Weltkrieg mit der 1922 gegründeten Sowjetunion, die sich zur Weltmacht entwickeln sollte, wuchs, verlor die Türkei das Osmanische Reich. Recep Tayyip Erdogan kämpft gegen diesen Bedeutungsverlust an, seit er türkischer Präsident ist. Vor diesem historischen Hintergrund lässt sich seine Au­ßenpolitik – vom Moscheebau in Bosnien bis zur Beteiligung am Syrien-Krieg – besser verstehen.

Ist die politische Lage heute ähnlich wie die Lage 1918? Zum Teil gibt es Parallelen: Die Welt ist so multipolar und instabil wie vor 100 Jahren, und in vielen Ländern keimt wieder Nationalismus auf.

Es sollte nicht zu viel verlangt sein, in diesem Jahr die Erinnerung an historische Ereignisse zum Anlass nehmen, aus einer Vergangenheit zu lernen, die nachwirkt

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