Kommentar zur US-Botschaft in Israel Brennendes Streichholz an der Lunte

Es gibt Karikaturisten, die Donald Trump in der Pose des römischen Kaisers Nero zeichnen. Während dessen Regentschaft wurden große Teile der antiken Metropole ein Raub der Flammen. Für die römischen Gelehrten Seneca und Plinius stand fest, dass Nero für die Brandstiftung verantwortlich war.

Von Andreas Schnadwinkel
Donald Trump.
Donald Trump. Foto: dpa

Hat der neue US-Präsident wirklich Nero-Potenzial? Mit seiner Ankündigung, die US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen zu wollen, legt Trump nicht nur die Zündschnur an das Pulverfass im Nahen Osten. Damit hält er bereits das brennende Streichholz an die Lunte.

Jerusalem ist mehr als die »unteilbare Hauptstadt« Israels und die mögliche Hauptstadt eines palästinensischen Staates. Jerusalem geht alle Muslime an, weltweit – und eben nicht nur Palästinenser und sunnitische Araber. 1979 führte der schiitisch-iranische Revolutionsführer Ayatollah Chomeini den Al-Quds-Tag ein. So heißt Jerusalem auf Arabisch. Immer am letzten Freitag des Fastenmonats Ramadan protestieren Muslime gegen Israel.

Es ist leicht vorstellbar, was ein Umzug der US-Botschaft nach Jerusalem auslösen würde. Und da muss man heute noch gar nicht von einer dritten Intifada und einem Flächenbrand räsonieren.

Ob Trump und seine Berater sich der Tragweite ihrer Ankündigung bewusst sind? Wenn die Supermacht USA ihre diplomatische Vertretung nach Jerusalem verlegt, erkennt sie damit den alleinigen jüdischen Anspruch auf die Heilige Stadt an. Das hätte das Ende des Glaubens an die Zwei-Staaten-Lösung und das Ende des stillgelegten Friedensprozesses zur Folge. Und das wären, zumindest kurzfristig, durchaus beherrschbare Konsequenzen.

Kaum zu beherrschen wären die Reaktionen der islamischen Welt, denn der Status Jerusalems ist Sache aller Muslime.

Was Trump und seine Leute antreibt, kann nur vermutet werden. Steckt sein Schwiegersohn Jared Kushner dahinter, der neue Chefberater im Weißen Haus? Soll ein Versprechen an Trumps jüdische Wähler eingelöst werden?

Vorgeschoben ist der Bezug auf den Kongressbeschluss von 1995, der die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem vorsah. Damals, während der Oslo-Verträge, schien eine Lösung des Konflikts erreichbar. Heute sind die Zeiten andere.

Wäre Benjamin Netanjahu ein kluger Ministerpräsident, würde er Trumps Ansinnen ablehnen. Aber Teile seiner national-religiösen Regierung begrüßen den Vorstoß.

2017 ist ein symbolisch aufgeladenes Jahr, da sich der Sechs-Tage-Krieg und damit die Besetzung des Westjordanlandes, der Golanhöhen und Ost-Jerusalems zum 50. Mal jähren. Daher ist es besonders gefährlich, jetzt in Israel zu zündeln. Trump tut es trotzdem.

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