Kommentar zum Papst-Dokument Franziskus weist neue Wege

»Wir dürfen also die erotische Dimension der Liebe keineswegs als ein geduldetes Übel oder als eine Last verstehen,(...) sondern als Geschenk Gottes betrachten, das die Begegnung der Eheleute verschönert.« Allein dieser Satz von Papst Franziskus hat das Zeug, das Pontifikat des 79-Jährigen als revolutionär in die neuere Kirchengeschichte eingehen zu lassen.

Von Reinhard Brockmann
Papst Franziskus.
Papst Franziskus. Foto: Ettore Ferrari/dpa

Sein am Freitag veröffentlichtes Fazit aus dem für vatikanische Verhältnisse ungewöhnlichen Diskussions- und Beratungsprozess über Ehe und Familie befreit die nationalen Bischofskonferenzen und Ortskirchen auf so gründliche Art, dass Traditionalisten schon um die Einheit der katholischen Weltkirche bangen – was kaum zu befürchten ist.

Das Abräumen von verkrampften Tabus und der klare Perspektivenwechsel – weg von trockenen Lehrsätzen ex cathedra, hin zum unverstellten Blick in die Herzen – das ist Franziskus pur. Statt auf normative Verbote setzt er mit Thomas von Aquin auf die Klugheit und das Gewissen der Menschen.

Vor allem räumt er den Seelsorgern mehr Bewegungsspielräume ein. Denn nicht Rom, sondern der Gemeindepfarrer bietet einem Gläubigen zum Beispiel bei Scheidung oder Wiederheirat ein theologisches Gespräch an. Fragen an Gott zu Mitverantwortung, Schuld und Sühne nach dem Scheitern einer Beziehung gehören nur auf diese Ebene. Wohin denn sonst?

Franziskus schafft mit dem Schreiben »Amoris Laetitia« die Gratwanderung zwischen alter Lehre und dem neuen Kurs der Barmherzigkeit – ohne die Traditionalisten mit dem Umkrempeln von Lehrsätzen vor den Kopf zu stoßen oder die Kirche gar zu spalten. So werden polnische und afrikanischen Bischöfe gewiss ihren Widerstand gegen die Zulassung Wiederverheirateter zur Kommunion beibehalten. Für deutsche und amerikanische Diözesen ist dagegen der Weg frei zur langersehnten Öffnung.

Franziskus Sorge darüber, dass die kirchliche Sexualmoral seit dem Verbot der Pille 1968 durch Paul VI. keinen Millimeter vorangekommen ist, lässt sich beim Lesen des Textes über die Schönheit der Liebe und erfüllte sexuelle Beziehungen mit Händen greifen.

Wer hätte nach Johannes Paul II. und Benedikt XVI. gedacht, dass deren Nachfolger sogar am Zölibat der Priester rührt? Selbst die enttäuschende Haltung gegenüber homosexuellen Gläubigen ist bei genauer Betrachtung nicht ganz so gnadenlos. Denn Franziskus’ Forderung, niemanden vom Respekt und der Güte Gottes auszuschließen, muss den homophoben Kräften im Vatikan deren Herzlosigkeit um die hochroten Ohren hauen. Allerdings bleibt der Papst bei der Trennung zwischen regulären und irregulären Beziehungen. Um die letzten Stolpersteine auf dem Weg in die Realität abzuräumen, braucht es noch einen zweiten Franziskus.

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