Katholische Synode Freiräume statt Diktat aus Rom

Von Reinhard Brockmann

Papst Franziskus bei der Abschlussmesse der Weltbischofssynode.
Papst Franziskus bei der Abschlussmesse der Weltbischofssynode. Foto: dpa

Nach der Synode zur Ehe und Familie übertönt laute Kritik der Enttäuschten das erleichterte Durchatmen der Realisten in Rom. Viele, die das Schlussdokument gelesen haben und ihrer Kirche trotz aller Schwerfälligkeit im Umgang mit dem Wandel der Zeit die Treue halten, erkennen einen echten Durchbruch.

Mehr als mit jedem anderen Beschluss in den vergangenen 50 Jahren gibt der Vatikan Macht nach unten ab. In der Frage des Verhaltens gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen und auch gegenüber offen homosexuellen Gläubigen gewähren die 270 Synodenväter den Ortsbischöfen und deren Priestern erstmals Freiräume für die Seelsorge vor Ort. Kein Diktat aus Rom, das ist das eigentlich Neue, sondern das Gespräch des Ortspfarrers mit dem Gläubigen, der dies wünscht und – kirchenferne Geister werden das nie verstehen – auch schätzt. Es geht »nicht um ein Ja oder Nein« sondern um Differenzierung, meint der Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn. Und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sagt: »Keine Lehre ohne die Pastoral.«

Ein Blick in die gar nicht so theologisch verbrämten Synodenbeschlüsse überrascht mit einer weiteren Entdeckung: Selbstkritik und Ruf nach Toleranz. Ja, die Synodalen von Rom ermahnen sich und ihre Kirche daran, wiederverheiratete Geschiedene besser zu integrieren. Diese sollen sich nicht ausgegrenzt fühlen. Ihre Kinder, egal aus welcher Ehe, sollen an erster Stelle stehen.

Wer sich eine völlig neue Sexualmoral der katholischen Weltkirche erhofft hat, bleibt zurecht enttäuscht zurück. Bitter. Dennoch bietet sich auch für Europas liberalere Bischofskonferenzen Freiraum. Rom mahnt zum respektvollen Umgang mit Menschen, deren sexuelle Orientierung nicht dem kirchlichen Bild von Ehe und Familie entspricht. Das Thema wird gestreift, viel mehr steht nicht drin im Schlussdokument – und das ist vielleicht auch gut so.

Die deutschsprachigen Kardinäle konnten auch hier eine Lücke finden, Stichwort: Respekt. Mit dem Nichtbeschluss geben sie sich allerdings auch der in vielen Erdteilen herrschenden Homophobie geschlagen. Das ist schlimm und nur so erklärbar: Man stelle sich eine Abstimmung der knapp 200 Mitgliedsländer der Vereinten Nationen über die gleiche Frage vor. Sehr wahrscheinlich würde das Votum in New York kaum anders ausfallen als in Rom. Bis zur weltweiten Akzeptanz von schwulen und lesbischen Lebensformen ist es ein weiter Weg. Auch Deutschland hat ihn erst 1994 mit der Abschaffung des Paragrafen 175 eingeschlagen.

Das letzte Wort hat jetzt Papst Franziskus. Er darf die Familiensynode als einen persönlichen Sieg betrachten. Keine innere Spaltung, kein Schisma und kein Aufstand der Ewiggestrigen. Das sollte Franziskus zu weiteren Reformen ermutigen.

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