Einheit und Flüchtlinge Heute wie vor 25 Jahren

Von André Best

Hunderte Menschen verfolgen am Samstag in Frankfurt am Main die Übertragung der Ansprache von Bundespräsident Joachim Gauck.
Hunderte Menschen verfolgen am Samstag in Frankfurt am Main die Übertragung der Ansprache von Bundespräsident Joachim Gauck. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

»Ich bin gewiss, dass es uns gelingt, alte und neue Gräben zu überwinden. Wir können den gewachsenen Verfassungspatriotismus der einen mit der erlebten menschlichen Solidarität der anderen Seite zu einem kräftigen Ganzen zusammenfügen.«

Überlegen Sie einmal, wer diese Sätze gesagt hat. Und vor allem wann und zu welchem Thema sie gesagt wurden.

Zur aktuellen Flüchtlingssituation? Falsch!

Die Zitate stammen von Richard von Weizsäcker anlässlich seiner Rede beim Festakt der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990. Der damalige Bundespräsident hat die richtigen Worte gefunden. Sie waren vor 25 Jahren korrekt, und sie sind bezogen auf die Flüchtlingssituation auch heute richtig.

Kluge Worte hat auch der heutige Amtsinhaber am Wochenende gesagt. Joachim Gauck verglich die Einheit mit den Herausforderungen der Flüchtlingskrise. Auch damals habe es kein historisches Vorbild gegeben. Trotzdem haben Millionen Menschen die Aufgabe angenommen und bewältigt, sagte Gauck. Der Bundespräsident hat recht, dass anders als damals nun zusammenwachsen soll, was bisher nicht zusammengehörte.

Auch vor 25 Jahren gab es viele Kritiker, darunter Teile der SPD, die lieber die Finger von der (schnellen) Wiedervereinigung gelassen hätten. So wie heute wohl einige lieber die Grenzen geschlossen statt offen sähen – zumindest in die eine Richtung, damit die Flüchtlinge nicht in unser Land kommen...

Aktuell sind Geduld und Gelassenheit wichtig, weil weiterhin Fehler passieren werden und wir noch immer überfordert sind. Schwarz-Weiß-Schemata und Vorverurteilungen sind falsch. Wir brauchen keine Pauschalurteile, sondern müssen die Gedanken ständig neu ordnen.

Die Herausforderung der Flüchtlingskrise ist größer und globaler, als es die friedliche Revolution der Deutschen war. Aber auch damals brauchten wir Hilfe. Ohne den Beitrag von Polen, Ungarn und der Sowjetunion wäre Deutschland heute nicht geeint. Und ohne die vereinten Kräfte Europas ist die Flüchtlingskrise nicht zu lösen.

Vor 25 Jahren hat Richard von Weizsäcker in seiner Rede Leitlinien aufgestellt. Ein Zitat daraus lautet: »Die deutsche Wiedervereinigung ist Teil eines gesamteuropäisch geschichtlichen Prozesses, der die Freiheit der Völker und eine neue Friedensordnung des Kontinents zum Ziel hat.« Ersetzen Sie einmal »deutsche Wiedervereinigung« mit dem Wort »Flüchtlingskrise«, dann wird deutlich, was damals wie heute richtig ist.

Auch Joachim Gauck hat grundlegende Worte gewählt. Sätze wie »Unsere Werte stehen nicht zur Disposition!« und »Toleranz für Intoleranz wird es bei uns nicht geben.« sind ebenso Richtlinien. Hoffentlich helfen sie uns in der hitzigen Diskussion weiter. Und hoffentlich bleiben sie nicht nur leere Worte.

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