Tag der Deutschen Einheit Wir haben das geschafft

Von Werner Kolhoff

 Rund eine Million Menschen feierten in der Nacht des 3. Oktober 1990 in Berlin die wiedergewonnene deutsche Einheit - hier mit einem Transparent vor dem Brandenburger Tor.
Rund eine Million Menschen feierten in der Nacht des 3. Oktober 1990 in Berlin die wiedergewonnene deutsche Einheit - hier mit einem Transparent vor dem Brandenburger Tor. Foto: dpa

In jener Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 lag viel Überschwang in der kalten Luft auf der Berliner Reichstagswiese. Aber auch Angst. Man spürte, dass etwas außergewöhnlich Großes geschah. Etwas, das man nicht überschauen konnte. 25 Jahre später sehen wir es.

Vieles ist ganz anders gekommen. Bonn ist nicht mehr Hauptstadt, obwohl Entscheidungsträger des Westens damals auf dem Balkon des Reichstages insgeheim dachten, das schon hintricksen zu können. Und es ist auch keine neue, auftrumpfende Supermacht entstanden, wie Maggie Thatcher und Francois Mitterrand befürchteten, sondern ein Land, das zunächst viel mit sich selbst zu tun hatte. Es ist auch kein deutscheres Deutschland geworden, vor dem die westdeutsche Altlinke warnte, sondern das inzwischen wahrscheinlich internationalste Land des Kontinents. Da können sich die Pegidas noch so sehr dagegen stemmen. Deutschland genießt auch dank des Sommermärchens 2006, der angesagten Berliner Clubs und der Flüchtlingshelfer im ganzen Land weltweit höchste Sympathie, vor allem bei der jüngeren Generation.

»Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen« (aus einer Zeitungs-Schlagzeile Ost) – diese Stimmung gab es mancherorts in den neuen Ländern: Und im Westen gab es einige, die die Mauer wiederhaben wollten. Inzwischen erkennt man nicht mehr, wer woher kommt, wenn er nicht gerade schwäbelt oder sächselt. Es ist tatsächlich zusammengewachsen, was zusammengehört. Die Staatskasse war zwar gefordert, aber anders als Oskar Lafontaine prophezeite, nicht überfordert. Es gibt aber nicht überall blühende Landschaften, wie von Helmut Kohl erwartet. Die Gleichheit der Lebensverhältnisse ist nicht eingetreten. Aber doch eine so große Annäherung, dass es fast egal ist, in welchem Landesteil man lebt. Ruiniert hat die Einheit Deutschland nicht. Im Gegenteil. Westdeutsche Firmen profitierten von billigen Arbeitskräften aus den neuen Ländern, und sie konnten viele Produkte auf den neuen Märkten verkaufen. Der Infrastrukturaufbau wirkte wie ein riesiges Konjunkturprogramm. Vor allem aber machte diese Herausforderung der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft insgesamt Beine. Sie lockerte verharschte Strukturen und Verhaltensweisen. Den Ostdeutschen hat es am meisten abverlangt, einer Übergangsgeneration sogar zu viel. Dass das Land aber heute so viel besser dasteht, weil es so viel flexibler ist als etwa Frankreich oder als Japan, hat mit dieser Zeit zu tun.

Inzwischen gibt es nach 25 Jahren eine gewisse Sattheit. Fast möchte man angesichts der Flüchtlingsmassen sagen: Die hat der liebe Gott geschickt. Denn sie fordern unser Land wieder heraus. Es ist offen, wie dieses neue deutsche Abenteuer ausgeht. Klar ist nur, dass es anstrengend wird. Die Einheit lehrt, dass Deutschland solche Herausforderungen schaffen kann – und manchmal sogar braucht.

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