Tote in Texas und Österreich Dichte Grenze erhöht das Risiko

Von Thomas J. Spang

Der Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko.
Der Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko. Foto: dpa

Verdurstet in der sengenden Hitze, verhungert auf dem kargen Land oder von Schlangen zu Tode gebissen:    Unweit der Grenze zu Mexiko warten die sterblichen Überreste von 171 Menschen darauf, endlich identifiziert zu werden.  Gefunden wurden  die Leichen     von Lori Baker,  Forensik-Expertin der Baylor Universität   und ihrem Team  in den vergangenen Jahren in nicht markierten Gräbern von Friedhöfen im Brooks County.

Die 171 Toten von Brooks County haben vieles gemeinsam mit den 71 Toten, die in Österreich  auf der Ladefläche eines  Lkw  aus Ungarn entdeckt wurden.   In ihrer Verzweiflung gingen die Menschen bei dem Versuch, Sicherheit und ein menschenwürdiges Leben zu finden, ein hohes Risiko ein – ein zu hohes.

In der weiten  Prärie sind diese Flüchtlinge und Migranten elendig ums Leben gekommen. Der arme Bezirk im Süden von Texas lässt   die Toten  anonym    vergraben. Bakers Team fand die Leichen  in  Gräber geworfen wie die Kadaver von Straßenkötern. Mit Hilfe von DNA-Analysen versuchen sie,  die Namen der Toten zu ermitteln, um ihnen ihre Würde zurückzugeben.

In Ungarn bezahlten sie gewissenlose Schlepper, die sie um die mit Stacheldraht und scharfen Kontrollen »gesicherte« Grenze nach Österreich bringen sollten. In Brooks County folgten viele den »Coyotes« genannten Führern, die sie durch die Prärielandschaft an einem berüchtigten  Kontrollpunkt vorbeischleusen. Wie viele Menschen dabei jährlich ums Leben kommen, kann niemand genau sagen, da nur wenige  Kreise  in Texas die Toten systematisch erfassen.

400 Menschen kommen an der Grenze zwischen Mexiko und den USA pro Jahr ums Leben

Allein entlang der 2000 Meilen Grenze kommen jährlich etwa 400 Menschen ums Leben. Obwohl die versuchten Grenzübertritte in den vergangenen Jahren abnahmen, bleibt die Zahl der Grenztoten  konstant. Die Grenzzäune sind immer schwerer zu überwinden, Flüchtlinge suchen sich gefährlichere Wege. Immerhin deponieren Menschenrechtsaktivisten entlang etablierter Schlepper-Pfade Wasser und Lebensmittel.  Eine dauerhafte Lösung für die Grenzgänger ist das aber nicht.

Gewiss: Die Hauptursache für Flucht vor Gewalt und Armut liegt zumeist in den Herkunftsländern. Das entbindet die Zielstaaten jedoch nicht von ihrer moralischen Verpflichtung, die Menschen mit Würde zu behandeln. Die Konsequenz aus Leichenfunden in Österreich und in Texas sollte dieselbe sein.

Dichte Grenzen halten niemanden ab, der verzweifelt genug ist. Sie verschärfen nur das Risiko für die Betroffenen, die dafür im Zweifel mit ihrem Leben zahlen. Es gibt bessere Alternativen, die für zivilisierte Nationen eigentlich selbstverständlich sein sollten. Wer versucht, das Problem mit Stacheldraht, Drohnen und bewaffneter Staatsgewalt in den Griff zu bekommen, trägt Mitverantwortung für eine Situation, in der Menschen bereit sind, lebensgefährliche Dinge zu wagen.

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