Europa nach dem Referendum Alles auf Anfang

Von Detlef Drewes

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So geht’s nicht weiter: Ob verbaler Schlagabtausch oder strategische Irreführung – Griechenland und die Euro-Partner haben sich verrannt. Die »Grexit«-Debatte einerseits ist so unsinnig und fruchtlos wie auf der anderen Seite die ideologisch gefärbte Ahnungslosigkeit, noch dazu mit persönlichen Verunglimpfungen deutscher Politiker gewürzt, längst unerträglich erscheint.

Wenn sich der griechische Premier Alexis Tsipras und die übrigen 18 Staats- und Regierungschefs der Währungsunion heute treffen, brauchen sie einen echten Neuanfang. Für den reicht weder das Ergebnis des Referendums noch die Entlassung des Finanzministers Yanis Varoufakis aus. Beide Seiten müssen verbal abrüsten und endlich in der Sache vorankommen. Alle Parteien werden Positionen räumen müssen. Anders ist ein Zusammenkommen inklusive der Rettung der Hellenen nicht möglich.

Wer ehrlich ist, sollte das aussprechen: Der »Grexit« kostet mindestens so viel Geld wie ein neues Hilfspaket. Und er hilft weder den Griechen noch der Euro-Zone. Also wird man Schulden umstrukturieren und Hilfen zusammenkratzen, ohne das politische Reizwort »Hilfspaket« in den Mund zu nehmen. Zugleich wird Tsipras seinen Landsleuten klarmachen müssen, dass Reformen unausweichlich sind, darunter auch einige, die wehtun.

Aber das in diesen Tagen so oft beschimpfte Europa ist keineswegs die schlimmste Erfindung der jüngeren Geschichte und mitnichten an der Versklavung oder Eliminierung der Hellenen interessiert. Im Gegenteil: Von dort kommt die Hilfe. Das gilt sogar dann, wenn man ehrlich einräumt, dass das in vergangenen Jahren keineswegs immer deutlich geworden ist.

Eine weitere Eskalation bringt in der aktuellen Situation ebenso wenig wie eine neue Konfrontation. Europa darf in seinem ureigenen Interesse nicht zulassen, dass Griechenland auf ein Dritte-Welt-Niveau herabsinkt. Das verbietet sich nicht nur aus humanitären, sondern auch aus politischen Gründen. Ein Blick auf die Landkarte beweist es.

Und all jene, die nach dem »Grexit« rufen und ihn anscheinend kaum erwarten können, sollten fairerweise dazusagen, dass ein solcher Gewaltakt kein Problem löst, aber viele neue schafft. Deshalb wird Europas Kraft zum Kompromiss, wenn die Staats- und Regierungschefs heute Abend am Runden Tisch zusammensitzen, mehr gefordert sein als je zuvor.

Aus geplatzten, zurückgewiesenen und bisher unmöglichen Vorschlägen werden beide Seiten etwas Neues zusammenstellen müssen. Athen kann nicht jede Woche Milliarden aufbringen, um die Raten des Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank zu bedienen. Um das nachvollziehen zu können, muss man kein Finanzminister sein. Also gehören in ein Paket Überbrückungshilfen, vielleicht auch Spritzen aus dem ESM-Rettungsschirm, um dem Land Luft zu verschaffen.

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