Richard von Weizsäcker Ein ganz Großer ist gegangen

Von Ulrich Windolph

Foto: Ronald Wittek/dpa (Archiv)

Nicht oft sind die Meinungen über einen Politiker so einhellig, nur selten fällt das Urteil über einen Staatsmann so uneingeschränkt positiv aus. Doch kein Zweifel: Richard von Weizsäcker hat sich diese letzte Ehre mehr als verdient. Er war eine politische Instanz, sein Wort hatte Gewicht und wird es behalten – weit über seinen Tod hinaus.

Redaktionsleiter Ulrich Windolph

Als Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland hat Richard von Weizsäcker in seiner zehnjährigen Amtszeit Maßstäbe gesetzt. Intellektuelle Schärfe und ein feines Gespür für die Menschen verband er auf beeindruckende Weise. Seinem Credo, ein »Präsident aller Bürger« zu sein, wurde er mehr als gerecht. Sein Instrument, das Wort, beherrschte er wie kaum ein Zweiter. Nie zuvor und nie mehr seitdem hat ein Bundespräsident so oft so wahr gesprochen, wie es von Weizsäcker zu tun vermochte. Mit seiner Zeit im Bundespräsidialamt erst wuchs die Gravität des Amtes. Richard von Weizsäcker setzte den Maßstab, an dem sich alle Amtsnachfolger messen lassen müssen.

Dabei scheute er das klare Wort nicht. Und er scheute den Konflikt nicht – vor allem mit Kanzler Helmut Kohl, dem er sich überlegen fühlte. Unübertroffen aber vor allem Richard von Weizsäckers Rede vom 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag des Kriegsendes. Unvergessen diese Worte: »Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft«, sagte der ehemalige Wehrmachtsoffizier damals vor dem Bundestag.

In der Aufarbeitung der Nazi-Diktatur markierte seine Rede einen Wendepunkt

Niemals zuvor hatte ein deutscher Spitzenpolitiker so klar über das Ende des Zweiten Weltkrieges gesprochen. In der Aufarbeitung der Nazi-Diktatur markierte diese Rede einen Wendepunkt. Nicht als Verlierer sollten sich die Deutschen fühlen, sondern als glückliche Nachfahren einer Zeit, die den dunkelsten Punkt unserer Geschichte markiert. Aus dieser festen Überzeugung leitete von Weizsäcker seinen politischen Auftrag für Gegenwart wie Zukunft ab.

Und so war es ein glücklicher, aber gewiss verdienter Zufall, dass der Richard von Weizsäcker, der den Deutschen den Spiegel der Geschichte vorgehalten hatte, auch in der Stunde ihres größten Glücks noch ihr Staatsoberhaupt war. Die richtigen Lehren aus der Zeit des Nationalsozialismus zu ziehen, die Aussöhnung mit Polen, die Überwindung der deutschen und europäischen Teilung – das waren seine Lebensthemen. So konnte die Wiedervereinigung nur ein Höhepunkt seiner Amtszeit sein.

 Die Geschichte habe es diesmal gut mit den Deutschen gemeint, sagte er damals mit Blick auf die friedliche Revolution. In dem Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker hat es die Geschichte gut gemeint mit den Deutschen, möchte man heute ergänzen. Deutschland verneigt sich vor einem ganz Großen.

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