Terrortote da und hier Wie manche Muslime das sehen

Von Christian Althoff

Die Moslems in Deutschland lehnen in ihrer großen Mehrheit Gewalt ab. Von ihnen wird aber oft erwartet, dass sie sich ausdrücklich von islamistischem Terror distanzieren.
Die Moslems in Deutschland lehnen in ihrer großen Mehrheit Gewalt ab. Von ihnen wird aber oft erwartet, dass sie sich ausdrücklich von islamistischem Terror distanzieren. Foto: dpa

Wussten Sie, dass am 10. Januar bei einem Anschlag der islamistischen Nusra-Front auf ein Café in der libanesischen Stadt Tripolis mindestens sieben Menschen zerfetzt worden sind?

Wahrscheinlich nicht. Denn drei Tage vorher waren in Paris beim Anschlag auf die Satirezeitschrift »Charlie Hebdo« zwölf Menschen erschossen worden, und einen Tag später zogen deshalb 1,5 Millionen Menschen durch Paris, angeführt von Hinterbliebenen und etwa 50 Staatschefs. Wer interessiert sich da für sieben tote Libanesen? Und wer berichtet schon darüber?

Wer in diesen Tagen Facebookseiten ganz normaler deutscher Moslems besucht und ihre Kommentare zur aktuellen Lage liest, stellt fest, wie gedemütigt sich viele dieser Menschen vorkommen.
 Wo auch immer auf der Welt islamistische Terroristen ein Blutbad anrichten – die Opfer sind zumeist Muslime. Eine Studie des »International Centre for the Study of Radicalisation« und der BBC ergab, dass weltweit allein im November 2014 militante Islamisten im Durchschnitt 168 Menschen am Tag getötet haben. Insgesamt wurden in diesen 30 Tagen bei 664 Anschlägen 5042 Menschen im Namen des Islams umgebracht – und zwar vor allem Moslems.

Doch die nichtislamische Welt erwartet angesichts zwölf ermordeter Menschen in Paris, dass sich jetzt jeder Muslim von den Anschlägen distanziert, dass er seine Abscheu kundtut, dass er auf die Straße geht. Ist es da nicht verständlich, dass sich gerade junge Muslime in die Ecke gedrängt fühlen? Dass bei ihnen der Eindruck entsteht, vielen von uns sei ein muslimisches Leben weniger wert als ein anderes? Dass sich Moslems vielleicht als Menschen zweiter Klasse vorkommen?

Ist irgendjemand von uns damals gegen die Terroristen der »Roten Armee Fraktion« (RAF) auf die Straße gegangen und hat sich von deren 34 Morden distanziert? Haben wir gegen die katholische IRA demonstriert, die unter anderem 1972 am »bloody friday« in Belfast an einem Busbahnhof und in einem Einkaufszentrum neun Menschen mit Bomben zerfetzte und 130 verletzte?

Jeder normale Mensch lehnt solche Gräueltaten ab

Wohl nicht. Und es war auch nicht notwendig. Denn selbstverständlich lehnt jeder normale Mensch solche Gräueltaten ab. Warum also billigen wir das nicht einfach auch den Muslimen zu?

Natürlich gehören die Scharia und die Zwangsverschleierung nicht zu Deutschland. Aber sie gehören eben auch nicht zum Leben der meisten Muslime unter uns. Ebensowenig wie die Bekehrung Andersgläubiger. Oder wie oft haben Sie schon gehört, dass ein Christ aus Ihrem Umfeld zum Konvertieren bewegt werden sollte?

Das Bibelwort »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« verlangt mit Sicherheit zu viel von den allermeisten. Aber ab und zu zu versuchen, sich in einen moslemischen Nachbarn hineinzuversetzen – das könnte jeder von uns mal tun. Man muss sich bestimmt nicht lieben. Aber man sollte sich verstehen.

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