Im Umfeld der 68er bekam auch die Unterhaltung eine neue, frechere Richtung Höherer Blödsinn für alle

Per – zugegeben grober – Definition zählen zur 68er Generation jene Menschen, die zwischen 1940 und 1950 geboren und von der Studentenbewegung der späten 60er Jahre politisch geprägt wurden. Betonung auf politisch – und politisch im Sinne von: nicht lustig. Aber eben doch auch: Menschen. Und Lust aufs Leben hatten die auch. Spaß an der Freude, Ringelpiez mit Anfassen wollten sie. Und wie! 68 war deshalb auch ein Aufbruch in eine neue, frechere Art der Unterhaltung. Ihre Protagonisten, jedenfalls viele von ihnen, sind bis heute aktiv.

Von Ingo Steinsdörfer
Reinhard Mey während eines Auftritts vor Studenten der Universität Erlangen-Nürnberg im Sommer 1968.
Reinhard Mey während eines Auftritts vor Studenten der Universität Erlangen-Nürnberg im Sommer 1968. Foto: dpa

Allesamt sind sie heute im Rentenalter angekommen, die damals auf Kneipenbühnen, später in Sälen und dann sogar im Fernsehen zu Ruhm kamen – schon lange, wie Ingo Insterburg (83), als Jahrgang 1934 eigentlich außerhalb der Definition, aber in Berlin 1968 ein Guru der Szene. Oder erst kürzer, wie Hugo Egon Balder: Geboren am 22. März 1950 in Berlin, ist er jetzt an Lebensjahren bald ein echter 68er. Im Jahr 1968 saß der spätere Kabarettist und TV-Show-Moderator als eines der Gründungsmitglieder der Krautrockband »Birth Control« am Schlagzeug.

Großmeister der gepflegten Unterhaltung Heinz Erhard

War für die alten Großmeister der gepflegten Unterhaltung wie Heinz Erhard noch der Anzug, für Peter Frankenfeld immerhin das Großkaro-Jackett obligat, so turnten die neuen Stars der Blödelei in Nietenhosen (Jeans) und Unterhemd (T-Shirt) vor ihrem nicht minder (nach-)lässig gekleideten Publikum herum. Im Winter kam darüber der zottelige, schmuddelig-weiße Schaffellmantel zum Einsatz. Von der Haartracht mal gar nicht zu reden. Langhaar und aufmüpfiger Dresscode – für die Eltern- und Großelterngeneration wuchs da ein Heer von »Gammlern« heran.

Hannes Wader (von links), Franz Josef Degenhardt und ein Zuhörer 1970 im Gespräch. Foto: dpa

Verhindern konnten sie es nicht. Im Gegenteil lachten die meisten von ihnen später mit, als »Insterburg & Co.« es auf ihrem Marsch durch die Institutionen bis ins gepflegte Wohnzimmer schafften, wenn dort samstagabends Familienunterhaltung lief – öffentlich-rechtlich natürlich, anderes Fernsehen gab’s ja nicht. »Ich liebte ein Mädchen in . . .« mit Reimen auf ungefähr 50 Orte wurde zu »meiner Erkennungsmelodie«, sagte Ingo Insterburg mal dem WESTFALEN-BLATT: »Von Beethoven kennt man ta ta ta taaa, von Mozart die Kleine Nachtmusik – und von mir eben das!«

Gefunden hatte sich die Gruppe, zu der außer Insterburg der nachhaltig bühnenpräsente Karl Dall sowie Jürgen Barz und Peter Ehlebracht zählten, im Berliner Szenelokal »Danny’s Pan«. Dort konnten sich aufstrebende Klein(st)künstler im aufmüpfigen, unangepassten Westberlin der späten 60er in allerlei Stilrichtungen von politisch über hintersinnig und schräg bis anarchisch für zehn Mark und ein Freibier zehn Minuten lang vor Publikum produzieren. Für viele wurde das zum Sprungbrett – auch in die Bürgerlichkeit.

Sprungbrett: in »Danny’s Pan« (hier Hamburg) starteten in den 60er Jahren etliche Künstlerkarrieren. Foto: imago

Ingo Insterburg ist immer noch unterwegs

Ingo Insterburg ist übrigens immer noch unterwegs, längst wieder auf Kleinkunstbühnen und seit 2012 mit Lothar »Black« Lechleiter (75) vom einstigen 68er-Duo Schobert & Black. »Höhepunkte aus zwei Künstlerleben« heißt ihr Programm. Blacks früherer Partner Wolfgang »Schobert« Schulz starb bereits 1992, mit 51 Jahren, in Berlin. Von kritisch-politisch bis zum höheren Blödsinn (»Das Schürbeln«) hatten sie damals alles im Repertoire – dazu gekonntes Gitarrenspiel. Auch Ulrich Roski (1944-2003), der mit akrobatischem Wortwitz (»Des Pudels Kern«) und gern am Klavier die Tücken des Alltags besang, lebt (leider) nur noch in der Erinnerung. Mit Schobert & Black wie auch dem Bielefelder Liedermacher Hannes Wader (Jahrgang 1942) teilte sich Roski auf Tourneen die Bühne, mit Reinhard Mey (Jahrgang 1942) die Schulbank im Französischen Gymnasium in Berlin. Ja, man kannte sich...

Reinhard Mey – schöne Stimme, schöne Lieder

Reinhard Mey – nach wie vor ist er der wohl Populärste aus dem Kreis der Liedermacher, die im Sog und mit dem Lebensgefühl von Berlin 1968 ihre Karriere begannen. Wobei ihn ja eigentlich immer alle liebten: schöne Stimme, schöne Lieder (»Ich wollte wie Orpheus singen«, »Über den Wolken« und wohl ein paar hundert andere ebenso und weniger bekannte), zumeist geistreiche oder auch witzige Texte. Ein sympathischer, aufrechter Mann mit Mut zum Gefühl. Auch für andere schrieb er, zum Beispiel den Abschiedsstandard »Gute Nacht, Freunde« für das singende Ehepaar Inga und Wolf (beide Jahrgang 1949), das damals gleichfalls in Westberlins Szenekneipen unterwegs war.

Dass Reinhard Mey nicht so politisch – also links – sang wie damals etwa Hannes Wader und nicht so bürgerschreckig wie der aus München dazugestoßene Konstantin Wecker (Jahrgang 1947) daherkam, brachte dem Berliner Anfang der 70er Jahre dann allerdings auch Kritik ein: Wegen vermeintlichem Mangel an politischem Engagement wurde er von besonders kritischen Geistern gar der Schlagerfuzzi-Schiene zugeordnet. Er selbst sagte dazu viel später einmal: »Wenn man 1971 eine Goldene Schallplatte bekam, war eben klar, dass man nur ein kommerzielles Schwein sein konnte.«

Freundschaften in der Liedermacher-Szene

Intern spielten dergleichen Anwürfe niemals eine Rolle. Und so konnten sie auch die Freundschaft, die Mey mit Wader, Wecker und vielen anderen der Liedermacherszene verband und verbindet, nicht beschädigen. Allesamt kannten sie sich von den legendären 60er-Jahre-Festivals auf der Burg Waldeck im Hunsrück an der Mosel. Wechselseitiger Respekt vor der Kunst des anderen war da der Maßstab. Aus Anlass seines 60. Geburtstags – auch schon wieder lange her – gab Hannes Wader 2002 in seiner Heimatstadt Bielefeld ein Jubiläumskonzert, bei dem Mey und Wecker die nicht minder gefeierten Gaststars waren. Übrigens gehört auch der Berliner Liedermacher Klaus Hoffmann zu Meys engem Freundeskreis aus der alten Westberliner Szene – obwohl mit dem Jahrgang 1951 für einen 68er fast schon zu jung...

Auch in Hamburg – und dort sogar zuerst – gab es »Danny’s Pan«: Hier feierten andere heutige »Altstars« als 68er ihre ersten Erfolge. Udo Lindenberg (Jahrgang 1946) und Otto Waalkes (Jahrgang 1948) gehörten dazu. Der Altrocker Lindenberg ist nach wie vor voll im Geschäft und kaum zu bremsen, Waalkes hingegen pflegt bei Gala- und Gastauftritten in Shows eher den Nachruhm.

P.S.: Nicht unerwähnt bleiben dürfen Dieter Süverkrüp (Jahrgang 1934) und Franz-Josef Degenhardt (1931-2011), die wahren Politbarden der Bewegung, denen es mit ihrem Liedgut allerdings nicht um allgemeine Erbauung sondern vielmehr darum ging, linkes Klassenbewusstsein zu entfachen. Der aus Düsseldorf stammende Süverkrüp (»Baggerführer Willibald«), langjähriges DKP-Mitglied, gilt als einer der Gründerväter der linken Liedermacherbewegung in der Bundesrepublik.

Mitglieder der Friedensbewegung

Er wie auch der promovierte Jurist Franz Josef Degenhardt (zunächst linke SPD, dann DKP), dessen berühmtester Song »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern« Sprichwort-Status erreichte, waren aus ihrem Selbstverständnis heraus alles andere als erpicht darauf, von links her­aus eine Karriere in den Mainstream hinein zu starten – es sei denn, dieser wäre nach extrem links abgedriftet. Degenhardt, übrigens ein Cousin des 2002 verstorbenen Paderborner Kardinals Johannes Joachim Degenhardt, war in der Ostermarschbewegung aktiv, gehörte zur Friedensbewegung und protestierte gegen den Radikalenerlass.

Davon erzählen sich Altlinke heute bei einem Gläschen Rotwein am Lagerfeuer zur Musik dieser beiden. Doch das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

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