Thomas Richter, Leiter der Agentur für Arbeit in Bielefeld, gibt konkrete Ratschläge Ich suche einen Job

Bielefeld (WB). Jeder Fall, der bei der Agentur für Arbeit zur Bearbeitung kommt, ist anders. Unterm Strich aber gilt, dass sich die Ausgangslage für jene, die einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz suchen, in den vergangenen Jahren in Ostwestfalen-Lippe spürbar verbessert hat. Thomas Richter, Leiter der Agentur für Arbeit in Bielefeld, gibt Tipps für fiktive Fälle, die ihm hier von Bernhard Hertlein vorgelegt werden.

Jeder Fall, der bei der Agentur für Arbeit zur Bearbeitung kommt, ist anders.
Jeder Fall, der bei der Agentur für Arbeit zur Bearbeitung kommt, ist anders.

Stellen Sie sich vor, ich, Silvia, bin 16 Jahre, habe meinen Hauptschulabschluss nach Klasse 9 in der Tasche. Die Noten sind nicht sehr schmeichelhaft für mich. Ist mir aber egal. Es ist Zeit, dass ich nun Geld verdiene – genug, um bei den Eltern ausziehen zu können. Was raten Sie mir?

Thomas Richter: Silvia, wenn ich dich so nennen darf, ich würde dir raten, deine Entscheidung noch einmal zu überdenken. Das Vorhaben, schnell Geld zu verdienen, selbstständig zu werden und den Eltern nicht mehr auf der Tasche zu liegen, ehrt dich. Auf der anderen Seite ist ein Lehrlingsgehalt heute gar nicht mehr so niedrig. Eine gute Ausbildung aber ist immer noch die beste Versicherung für eine gute Zukunft. Wenn du einverstanden bist, würde ich dich gern danach fragen, was dir Spaß macht und was du eventuell besonders gut kannst. Da kannst du gern mal deine Eltern und Geschwister fragen, wie sie dich einschätzen. Bei der anschließenden Suche eines Ausbildungsplatzes hilft dir die Berufsberatung. Natürlich sollte der Weg zur Ausbildungsstelle möglichst nicht allzu weit von deinem Wohnsitz entfernt sein.

Angenommen, ich, Marco, habe einen Realschulabschluss, will was Soziales machen. Oder was Künstlerisches. Wie finde ich einen Ausbildungsplatz?

Richter: Konzentrieren wir uns zunächst auf den sozialen Bereich, Marco. Hast du dich schon einmal im Berufsinformationszentrum oder online auf planet-beruf.de umgeschaut? Du könntest zum Beispiel Erzieher werden. Das wäre sogar sehr schön, weil es zu wenige männliche Fachkräfte in Kindergärten gibt. Aber auch Alten- und Krankenpfleger werden jetzt und in Zukunft gebraucht – nicht zuletzt, weil die Menschen im Durchschnitt immer älter werden. Vielleicht entscheidest du dich aber auch dafür, erst noch das Fachabitur zu machen. Denn auch im Gesundheits- und Pflegesektor werden Management-Fachkräfte gesucht. Es gibt sogar Berufe, in denen du deine sozialen und künstlerischen Neigungen verbinden kannst. Zugegeben, Stellen für Krankenhaus-Clowns, die Patienten aufheitern, gibt es nicht wie Sand am Meer. Aber wer hier über besondere Fähigkeiten verfügt, sollte sich nicht abschrecken lassen.

Mit 18 Jahren habe ich, Olivia, jetzt mein Abitur. Eigentlich könnte ich studieren. Aber ich will lieber etwas Praktisches tun. Etwas Technisches vielleicht. Was raten Sie?

Richter: Ausgezeichnete Idee, Olivia. Gute Aufstiegschancen hast du beispielsweise als Anlagentechniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Das ist nicht mehr der Klempner von vor 100 Jahren, sondern ein anspruchsvoller Handwerksberuf, bei dem es auch darum geht, die Wohnungen auf Kundenwunsch »smart« zu machen – also zum Beispiel dafür zu sorgen, dass Rollläden von unterwegs mit dem Smartphone geöffnet oder geschlossen werden können. In diesen und anderen technischen Handwerksberufen kannst du Theorie und Praxis in hervorragender Weise verbinden. Natürlich musst du auch noch ein Rohr verschrauben können, aber eben nicht nur. Erfolgreiche Handwerker können sich bis zum Meister weiterbilden und verdienen im Verlauf ihres Lebens heute mehr als nicht so erfolgreiche Studenten.

Ich bin 24 Jahre alt, aus Syrien. Seit zwei Jahren lebe ich in Deutschland und spreche die Sprache einigermaßen. Ob ich in Deutschland langfristig bleiben kann, weiß ich nicht. In Syrien habe ich schon in einer Kfz-Werkstatt gearbeitet. Von der Berufsausbildung in Deutschland habe ich nur Gutes gehört. Wie sind meine Chancen?

Richter: Da stellt sich zunächst die Frage nach Ihrem Aufenthaltsstatus. Grundsätzlich gibt es die Möglichkeit für Flüchtlinge mit Duldungsstatus, hier eine Ausbildung zu absolvieren und dann noch mindestens zwei Jahre zu arbeiten. Allerdings greift das nicht für syrische Flüchtlinge, die hier nur mit subsidiärem Schutzstatus leben und bei denen die Duldung von Jahr zu Jahr vom Ausländeramt neu überprüft wird. Unter diesen Umständen würde ich empfehlen, zunächst Ihre Deutsch-Kenntnisse so erweitern, so dass Sie mindestens A2-, aber am besten B1-Niveau erreichen. Danach würde ich Ihnen raten, sich eine Helferstelle in einer Kfz-Werkstatt zu suchen. Was Sie dort lernen, wird Ihnen auch ohne formalen Abschluss bei einer Rückkehr nach Syrien angesichts der Bedeutung der deutschen Autoindustrie eine große Hilfe sein.

Mit 45 habe ich meinen Job als Ingenieur verloren, weil mein Arbeitgeber Konkurs anmelden musste. Seitdem suche ich vergebens einen neuen Arbeitsplatz. Offenbar gibt es bei den Bewerbungen immer einen, der besser ist als ich. Was soll ich tun?

Richter: Was haben Sie studiert? Maschinenbau? Dann haben Sie auch nach mehreren Jahren, in denen Sie keine Arbeit hatten, noch gute Chancen. Ich finde es bemerkenswert, dass Sie offenbar immer wieder zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden. Anscheinend haben Sie etwas zu bieten, was Arbeitgeber suchen.

Aber was nützt mir das, wenn sie sich dann doch für einen anderen entscheiden?

Richter: Vielleicht zeigen Sie zu wenig Selbstbewusstsein. Vielleicht gelingt es Ihnen nicht gut genug, Ihre Qualifikation deutlich zu machen. Immerhin haben Sie ein Ingenieurstudium erfolgreich abgeschlossen. Überlegen Sie sich, wie Sie sich damals vorbereitet und in der Prüfung bewährt haben. Daraus können Sie lernen. Das können Sie üben. Nehmen Sie keine Beruhigungsmittel, gehen Sie am Abend vorher auf keine Party, gönnen Sie sich am Tag vorher überhaupt Ruhe. Im Übrigen könnte auch Coaching ein Thema sein. Ich glaube nicht, dass Sie das brauchen. Aber wenn, dann kann Ihnen das die Agentur für Arbeit unter bestimmten Voraussetzungen finanzieren. Glauben Sie mir, wir kriegen das hin. Machen Sie sich auf keinen Fall verrückt! Schließlich fallen Sie auch ohne Arbeitsplatz durchs Sozialsystem nicht ins Bodenlose.

Ich bin 55 und führe ein Restaurant. Ich suche dringend einen Koch, der etwas auf Hygiene hält und sich auf italienische Küche versteht. Darüber hinaus suche ich eine Schulabgängerin, die sich zur Restaurant-Fachfrau ausbilden lassen will. Können Sie mir dabei helfen?

Richter: Natürlich. Zunächst gehen wir die beiden Aufträge getrennt an. Ihr italienisches Restaurant in einem Bielefelder Stadtbezirk zielt nicht unbedingt auf Luxus-, sondern eher auf Familienkundschaft. Richtig? Gute Köche sind zwar rar. Die Arbeitszeit bis weit in die Nacht hinein schreckt ab. Und fertig ausgebildete Köche machen sich gern selbstständig. Trotzdem: Wenn Sie mir vier bis acht Wochen Zeit geben, verspreche ich Ihnen, drei gut ausgewählte Vorschläge für Ihre Stelle auf den Tisch zu legen.

Und wie stehen die Chancen, dass sich Interessentinnen für die Ausbildung zur Restaurantfachfrau vorstellen werden?

Richter: Das ist kein großes Problem. Ihr Restaurant ist zum Glück gut erreichbar. Ein Kollege wird in Kürze ein paar Vorschläge machen. Nur ein Hinweis: Natürlich müssen Sie das Arbeitsschutzgesetz beachten – insbesondere, wenn die Auszubildende noch keine 18 Jahre alt sein sollte. Auch möchten wir Ihnen gerne weibliche und männliche Kandidaten vorschlagen, da wir nicht zwischen Frauen- und Männerberufen unterscheiden, vielmehr ist die schulische und persönliche Eignung entscheidend.

Zur Person: Thomas Richter

Thomas Richter (62) ist seit April 2007 Leiter der Agentur für Arbeit in Bielefeld, in der gut 200 Vollzeitkräfte beschäftigt sind. Zuvor war er in Herford, Solingen und viele Jahre in Freiburg. Sein Jura-Studium absolvierte er in Göttingen. Nach einer T

Thomas Richter

ätigkeit als Hochschulassistent war Richter Kreisobmann für das Deutsche Rote Kreuz in Lahr. In Bielefeld war er am Aufbau des Jobcenters (2012) und der Jugendberufsagentur beteiligt, die am 19. Januar 2018 eröffnet wurde.

Richters Bestreben ist es, Ökonomie und Soziales zu verbinden. So gewann er in seinem Bielefelder Patenschaftsmodell Unternehmer, sich persönlich dafür einzusetzen, das Jugendliche mit Startproblemen einen Ausbildungsplatz erhalten.

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