Vor 85 Jahren wurde der letzte Reichstag gewählt – Historiker uneins bei Beurteilung der Parallelen Drohen wieder »Weimarer Verhältnisse«?

Berlin (WB). Seit der Bundestagswahl am 24. September ist viel von »Weimarer Verhältnissen« die Rede. Sieben Parteien und sechs Fraktionen im Parlament, unklare Mehrheitsverhältnisse und eine entsprechend schwierige Regierungsbildung, Rechtspopulisten als drittstärkste Kraft, polarisierte Milieus in der Gesellschaft.

Von Andreas Schnadwinkel
Juni 1932 in Berlin: Die Polizei will Nazis und Kommunisten von der Straße treiben. Zu »Weimarer Verhältnissen« gehört auch, dass politische Konflikte gewaltsam im öffentlich Raum ausgetragen werden.
Juni 1932 in Berlin: Die Polizei will Nazis und Kommunisten von der Straße treiben. Zu »Weimarer Verhältnissen« gehört auch, dass politische Konflikte gewaltsam im öffentlich Raum ausgetragen werden. Foto: imago

Historiker und Politiker bewerten die aktuelle Situation im Vergleich mit der politischen Lage vor 85 Jahren – am 5. März 1933 wurde der letzte Reichstag der Weimarer Republik gewählt – ganz unterschiedlich.

Hätten wir politisch »Weimarer Verhältnisse«,  wenn eine Mehrheit der 463.723 SPD-Mitglieder gegen eine Große Koalition gestimmt hätte, eine Minderheitsregierung am Werk wäre oder schon wieder gewählt werden müsste?

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Zu viel Polarisierung, also der Wettbewerb darum, wer der beste antifaschistische Kämpfer ist, wird am Ende nur die Rechten stärker machen.

Wolfgang Schäuble, Bundestagspräsident

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Wolfgang Schäuble fühlt sich heute durchaus an die Weimarer Republik, an die Zeit von 1918 bis 1933, erinnert. Konkret warnt der Bundestagspräsident davor, die gleichen politischen und gesellschaftlichen Fehler zu begehen wie in der Phase vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zur Machtübernahme der Nazis.

»Wir und auch die Linken sollten die Lehren aus der Weimarer Republik nicht vergessen. Zu viel Polarisierung, also der Wettbewerb darum, wer der beste antifaschistische Kämpfer ist, wird am Ende nur die Rechten stärker machen. Lass uns die Leute nicht wichtiger nehmen, als sie es sind, aber lass uns die Probleme, die sie empfinden, soweit es berechtigt ist, so gut wie möglich lösen«, appelliert Schäuble.

Parallelen zum SPD-Reichskanzler

Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) soll in den Jamaika-Sondierungsgesprächen mit FDP und Grünen an die Weimarer Zeit erinnert haben. Um die möglichen Folgen des Scheiterns von Schwarz-Grün-Gelb deutlich zu machen, soll Merkel vom Zerbrechen der Großen Koalition 1930 und vom Ende des letzten SPD-Reichskanzlers Hermann Müller erzählt haben. Müllers Regierung war gescheitert, weil die SPD die Arbeitslosenversicherung nicht um 0,25 Prozentpunkte senken wollte.

Müller war nicht nur der letzte sozialdemokratische Kanzler der Weimarer Republik, er war der letzte Chef einer parlamentarisch entstandenen Regierung aus SPD, Zentrum, Deutscher Volkspartei (DVP) und Deutscher Demokratischer Partei (DDP). Eckart Conze, Professor für Neueste Geschichte an der Universität Marburg, nennt diese Koalition »Weimarer Ampel«.

Weimar ist in Mode

Weimar ist gerade groß in Mode. Die Verfilmung der Kriminalromane von Volker Kutscher unter dem Titel  »Babylon Berlin« ist die bislang international erfolgreichste deutsche Serienproduktion. Im Mittelpunkt der Geschichten steht Kommissar Gereon Rath, der zwischen Ende der 20er Jahre und Anfang der 30er Jahre in Berlin ermittelt und dabei auch mit den politischen Verwerfungen zu tun bekommt.

»Wie fühlt es sich an, wenn eine Demokratie, die hätte funktionieren können, nach wenigen Jahren den Bach hinuntergeht?«, fragt sich Volker Kutscher in seiner auf neun Bücher angelegten Reihe. Und: »Wie konnte es überhaupt zu Hitlers Machtergreifung, zum Dritten Reich kommen?« Der 55-jährige Kölner recherchiert sich akribisch durch Archive und weiß, wovon er spricht, wenn er die Situation vor 85 Jahren mit heute vergleicht.

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Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Deutschen so dumm ist, ein zweites Mal in die gleiche Falle zu tappen. Zumindest hoffe ich das.

Volker Kutscher, Krimiautor

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Dass sich in Deutschland 2018 wiederholen könnte, was 1933 passierte, kann er sich nicht vorstellen. »Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Deutschen so dumm ist, ein zweites Mal in die gleiche Falle zu tappen. Zumindest hoffe ich das. Obwohl unsere Demokratie beileibe kein Selbstläufer ist«, sagt Volker Kutscher.

Skeptischer beurteilt Harold James die Situation. Die Erfolge der AfD erinnern den Historiker der renommierten US-Universität Princeton durchaus an die deutsche Zwischenkriegszeit. »Seit der Gründung der Bundesrepublik 1949 wird die deutsche Politik von einer Frage verfolgt: Können sich die Ereignisse von Weimar wiederholen, die Rechtsradikalen erneut triumphieren? Parallelen zu Weimar sind unverkennbar«, sagt Harold James. Denn selbst in den stabilen Jahren der Weimarer Republik seien Parteien von den Wählern abgestraft worden, wenn sie an der Regierung beteiligt waren, und belohnt, wenn sie sich als Protestparteien präsentierten.

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Die Gespenster der Vergangenheit lassen sich nur durch ein stabiles Europa in Schach halten.

Harold James, Historiker

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»Die gemäßigte Rechte war zwischen 1924 und 1928 an einer Koalitionsregierung beteiligt und erlitt herbe Verluste. Nach 1928 wurde die SPD ebenfalls für ihre Beteiligung an einer Koalition abgestraft. Es folgte die Wirtschaftskrise, und der gleiche Mechanismus entfaltete umso mehr Wirkung: Es war politischer Selbstmord, die Regierung zu unterstützen. Es kam zur Flucht aus der Verantwortung, und die Wähler straften die verbleibenden Politiker nur noch härter ab«, analysiert Harold James. Sein Rat: »Die Gespenster der Vergangenheit lassen sich nur durch ein stabiles Europa in Schach halten.«

Parallelen zur Weimarer Zeit erkennt Historikerin Elke Seefried nicht. »Bei der AfD werden ja oft Analogien zur Weimarer Republik und zur NSDAP angeführt, da wäre ich eher vorsichtig. Denn die Rahmenbedingungen sind gänzlich andere. Die Weimarer Repu­blik war, im deutlichen Gegensatz zu heute, in großen politischen und ökonomischen Nöten«, sagt die Professorin für Neueste Geschichte an der Universität Augsburg. Gleichwohl sieht sie Verbindungslinien der AfD zu »völkischen Gruppen in der Weimarer Zeit«. Dafür steht Alexander Gaulands Satz vom Wahlabend: »Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.«

Wahrscheinlich kennt der AfD-Vorsitzende Ernst Jüngers Schrift »Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt«. Darin beschreibt der Autor schon 1932, wie sehr die Moderne den Menschen überfordere und seine Urängste auslöse. Damals die industrielle Maschinisierung, heute die globale Digitalisierung.

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Anders als die Weimarer Republik ist die Bundesrepublik in ihren Grundfesten eine stabile Demokratie.

Eckart Conze, Historiker

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Diese Analogie scheint ebenso plausibel wie die anderen Parallelen. Aber genügt all das, die 15 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg bis zu Hitlers Machtübernahme zum Menetekel für Deutschland 2018 zu machen?

Historiker Eckart Conze sieht das ziemlich gelassen: »Wenn heute wieder von ›Weimarer Verhältnissen‹ die Rede ist, dann ganz offensichtlich aus Sorge, die über Jahrzehnte zur Normalität gewordene Stabilität könnte verloren gehen. Denn anders als die Weimarer Republik ist die Bundesrepublik in ihren Grundfesten eine stabile Demokratie.«

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