Säugling wog bei der Geburt nur 830 Gramm – Früher war das ein Todesurteil Maries schwerer Weg ins Leben

Hamm (dpa). Sie ist gefasst, lacht und wirkt aufgeräumt. Das Schlimmste liegt hinter Janine Schöneis und vor allem hinter Töchterchen Marie. Nach der Geburt dauerte es fast acht Wochen, bis die Mutter ihr Baby mit nach Hause nehmen konnte.

Von Claudia Bonati
Auf der Frühchenstation im Evangelischen Krankenhaus in Hamm hält Janine Schöneis am 17. November 2017 ihre in der 29. Schwangerschaftswoche geborene Marie im Arm.
Auf der Frühchenstation im Evangelischen Krankenhaus in Hamm hält Janine Schöneis am 17. November 2017 ihre in der 29. Schwangerschaftswoche geborene Marie im Arm. Foto: dpa

Die 37-Jährige aus dem Sauerland hat bereits einen dreijährigen Sohn, freut sich auf die Geburt des zweiten Kindes. Bei einer Routineuntersuchung wird in der 28. Schwangerschaftswoche aber überraschend festgestellt, dass das Kind in Janine Schöneis’ Bauch nicht mehr gewachsen ist.

Die niedergelassene Ärztin überweist die Schwangere umgehend an Spezialisten. »Es hieß, ich sollte nicht mal eine Tasche packen, sondern sofort in das Evangelische Krankenhaus Hamm fahren«, erinnert sich die junge Mutter an den ersten Schock. Bettruhe und Wehenhemmer werden verordnet, aber wenige Tage später muss Marie mit einem Notkaiserschnitt auf die Welt geholt werden. Nur 830 Gramm wiegt das Frühchen.

Marie entwickelt sich gut

»Man gewöhnt sich an alles«, fasst Maries Mutter die ersten Wochen nach der Geburt zusammen. Es wird zum Alltag, jeden Morgen in der Klinik anzurufen und nach Marie zu fragen, dann vom Sauerland in das eine Stunde entfernte Krankenhaus zu fahren und dort bei der Tochter zu sein. Marie entwickelt sich gut. Sie wiegt nach vier Wochen schon mehr als 1200 Gramm.

»Sie ist sofort ruhiger, wenn ich da bin. Schläft ganz entspannt ein«, erzählt Janine Schöneis. Sie versorgt die Kleine so gut es geht selbst. Dazu gehören das Wickeln, das Messen der Temperatur sowie die Nahrungsaufnahme.

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»Als ich vor über 30 Jahren anfing, war es so, dass Kinder mit einem Gewicht unter 1000 Gramm gestorben sind.«

Burkhard Lawrenz, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte

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Wenn Burkhard Lawrenz, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) für Westfalen-Lippe, sich zurückerinnert, ist zu merken, wie sehr sich die Neonatologie, die Versorgung der Frühgeborenen, verändert hat. »Als ich vor über 30 Jahren anfing, war es so, dass Kinder mit einem Gewicht unter 1000 Gramm gestorben sind und mit einem Gewicht von 1000 bis 1500 Gramm als problematisch galten.«

Vom Sterben wird kaum noch gesprochen

Diese Grenzen hätten sich kontinuierlich verschoben. Ab einem Gewicht von 750 Gramm gelte die Situation der Kinder zwar als schwierig, aber vom Sterben werde kaum noch gesprochen. Für Eltern sei die Situation im Krankenhaus aber immer ein Schock. Gerade das Bild eines von allen Seiten mit Schläuchen versehenen Kindes setze den Eltern zu.

»Es geht immer um das Leben des eigenen Kindes«, verdeutlicht Sozialarbeiterin Silvia Wilde vom EVK Hamm. Die Eltern der Frühchen würden sich fragen, ob ihr Kind leben werde und wenn ja, wie. »Die meisten Frühgeborenen sind in den ersten Jahren kleiner, schwächer, schmächtiger als Gleichaltrige.« Viele holten die Defizite im Grundschulalter auf.

Nur einen Weihnachts-Wunsch

Janine Schöneis hatte in den ersten Wochen nur einen Wunsch: Weihnachten mit Marie zu Hause feiern. Jedes Kabel, das entfernt werden konnte, wurde gefeiert.

Und Marie hat es wirklich geschafft. Kurz vor Weihnachten haben die Ärzte sie mit 2245 Gramm entlassen. Um nach Hause zu dürfen, musste Marie ohne Wärmebett alleine ihre Temperatur halten und gleichzeitig atmen und trinken können. Das Schwierigste sei das Nachhausekommen nach der Geburt ohne Kind gewesen, erinnert sich Janine Schöneis zurück. »Man denkt immer an sein Kind. Auch wenn man zur Ablenkung etwas anderes macht. Die Gedanken sind immer bei Marie.«

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