ZdK-Präsident Thomas Sternberg im Weihnachtsinterview über seinen Glauben, die Kirche und die Welt Thomas Sternberg: »Christen können gar nicht unpolitisch sein«

Münster (WB). Das Zen­tralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) ist Sprachrohr von noch immer mehr als 20 Millionen Kirchenmitgliedern. Im Weihnachtsinterview erklärt ZdK-Präsident Professor Dr. Thomas Sternberg, was Christsein im 21. Jahrhundert bedeutet und welche Herausforderung er sieht. Die Fragen stellte WESTFALEN-BLATT-Redaktionsleiter Ulrich Windolph.

ZdK-Präsident Professor Dr. Thomas Sternberg fordert die Christen auf, ein lebendiges Beispiel ihres Glaubens abzugeben.
ZdK-Präsident Professor Dr. Thomas Sternberg fordert die Christen auf, ein lebendiges Beispiel ihres Glaubens abzugeben. Foto: dpa

Professor Sternberg, was ist Weihnachten für Sie?

Thomas Sternberg: Für mich ist das vor allem ein Familienfest, wie wohl für die meisten Menschen. Wir haben fünf Kinder, alle sind mittlerweile aus dem Haus und seit drei Wochen haben wir ein erstes Enkelkind. Da muss man nicht mehr viel erklären, was das Schönste an Weihnachten ist.

Na, da gratulieren wir herzlich. Sie sind ja nicht nur seit gut einem Jahr ZdK-Präsident, sondern auch Abgeordneter im Düsseldorfer Landtag und waren medienpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. Kann man angesichts des Hasses, der im Internet tobt, den Glauben an das Gute im Menschen verlieren?

Sternberg: Wir freuen uns darüber, dass wir ein solches freies Medium haben. Aber das, was mit Hilfe des Internets alles möglich ist, wirft Fragen auf – zum Beispiel die rein computerbasierte Erzeugung von Hassmails, das bewusste Steuern von Falschmeldungen und dazu die unglaubliche Verrohung der Sprache. Wer einmal einen Shitstorm im Internet erlebt hat, wird sich fragen, ob diese Freiheit des Internets nicht auch ihre Schattenseiten hat.

Wie erklären Sie sich diese zum Teil beängstigende Verrohung, besonders dann, wenn sie nicht von Maschinen, sondern von Menschen ausgeht?

Sternberg: Ich glaube, das liegt daran, dass all der Hass und die Wut nicht einem Gegenüber ins Gesicht gesagt, sondern in eine Maschine geschrieben wird. Das ist auch etwas anderes als ein Brief, den man noch einmal liest und dann doch nicht absendet, sondern lieber wegwirft.

Sekundärtugenden wie Höflichkeit und Umgangsformen

Was hat ein Christ in dieser Debatte beizutragen?

Sternberg: Ich habe den Eindruck, dass uns in der Gesellschaft etwas wegbricht, was man früher einmal als Sekundärtugenden bezeichnet und auch gern ein bisschen verächtlich gemacht hat. Dabei sind diese Sekundärtugenden wie Höflichkeit und Umgangsformen wichtig, weil unser Zusammenleben darauf aufbaut. Wenn aber zu viele Leute nicht mehr wissen oder nicht mehr respektieren, was man tut und was man nicht tut, dann bricht uns unter­ein­ander auch etwas Elementares weg. Zu diesen Selbstverständlichkeiten gehört, dass man einen Menschen erst einmal als Menschen wertschätzt, dass man ihm Respekt entgegenbringt – egal wo er herkommt. Das basiert auf einem Wertekanon, der mit Religion zu tun hat, aber auch außerreligiös gilt. Die Religion sollte dazu beitragen, dass diese Werte gelten und gelebt werden.

Das »christliche Abendland« wird aber längst von Leuten für sich in Anspruch genommen, die ganz andere Ziele verfolgen.

Sternberg: Die Leute, die das christliche Abendland angeblich verteidigen, handeln oft den Grundsätzen dieses christlich geprägten Europas zuwider. Wir müssen deshalb darüber sprechen, was eigentlich das Christliche am Abendland ist.

Und, was ist es?

Sternberg: Papst Franziskus hat bei der Verleihung des Karlspreises in Rom drei Fähigkeiten genannt, die ihn als Südamerikaner immer fasziniert hätten an Europa: die Fähigkeit zum Dialog, zur Integration und zur Kreativität. Ich glaube, damit hat er Recht.

Muss Kirche politisch sein, um diesen Charakteristika wieder Geltung zu verschaffen?

Sternberg: Christen können gar nicht unpolitisch sein. Das Christentum ist keine Religion, die man ausschließlich zur Befriedigung der privaten religiösen Bedürfnisse haben kann. Das Christentum hat einen stärkeren Anspruch, der lautet: Wer dieser Religion folgen will, ist zu einem Dienst aufgerufen. Zum Dienst an der Gesellschaft, am Staat, an der Politik – auf jeden Fall am Nächsten.

Begriff der Willkommenskultur

Was bedeutet das für den Umgang mit Flüchtlingen?

Sternberg: Das bedeutet zuerst, dass jeder Mensch seine Würde hat – unabhängig von seiner Herkunft. Das ist ja auch bei uns ins Grundgesetz eingegangen. Nicht die Würde des Deutschen ist unantastbar, sondern die Würde des Menschen ist unantastbar. Wenn man Artikel 1 unserer Verfassung ernst nimmt, dann ist derjenige, der fremd an meinen Toren steht, wie es die Bibel sagt, wie ein Einheimischer zu betrachten.

Welches Zeugnis würden Sie Deutschland nach gut einem Jahr Flüchtlingskrise ausstellen?

Sternberg: Ein besseres, als viele gelegentlich meinen. Die Deutschen haben ja den Begriff Willkommenskultur geprägt – und nicht etwa Angela Merkel alleine. Und auf die Hilfsbereitschaft, die die Menschen – darunter viele Christen – gezeigt haben und zeigen, kann man stolz sein. Trotz aller Proteste und Misstöne haben wir in Deutschland nach wie vor eine sehr breite Unterstützung der Flüchtlingspolitik. Und 2016 hat gezeigt, dass unser Land keineswegs ins Chaos gerutscht ist.

Aber was ist mit der Kölner Silvesternacht, dem Mord in Freiburg und dem Anschlag in Berlin vor ein paar Tagen, um nur drei Beispiele zu nennen?

Sternberg: Alle diese Taten sind schrecklich, wie jedes andere Verbrechen eines Flüchtlings oder eines Einheimischen. Wir müssen die Taten und die Menschen, die sie begangen haben, einzeln anschauen. Mit Pauschalurteilen ist niemandem geholfen. Natürlich müssen wir alles tun, um solche Verbrechen zu verhindern.

Trotzdem hat sich das politische Koordinatensystem verschoben. Die AfD eilt von Wahlerfolg zu Wahlerfolg, und die CDU streitet wieder über die doppelte Staatsbürgerschaft. Eine Verbeugung vor der AfD?

Sternberg: Nein, das war es nicht. Aber viel wichtiger als diese innerparteiliche Debatte scheint mir doch die Frage, woher der Erfolg der AfD rührt. Hier müssen sich alle Politiker und übrigens auch die Medien nach ihrem Anteil fragen lassen. Viele Menschen haben den Eindruck, dass über ihre Köpfe hinweggeredet wird. Umgekehrt schüren die AfD-Spitzen in übelster Weise Emotionen und sähen Hass und Zwietracht.

C-Parteien

Wie christlich ist die Union?

Sternberg: Das habe ich nicht zu bewerten – das Zentralkomitee der Katholiken ist keine Parteivereinigung. Immerhin sehe ich in den beiden C-Parteien – aber nicht nur dort – die große Bereitschaft, sich mit christlichen Themen auseinanderzusetzen. Dass das nicht immer so läuft, wie wir vom ZdK uns das wünschen, hat auch damit zu tun, dass umgekehrt auch CDU und CSU schon lange keine Parteien mehr sind, in denen sich nur überzeugte Christen engagieren. Ich halte das nicht für schlimm, sondern auch für einen Gewinn. Trotzdem: Eine CDU ohne christlichen Anspruch wird es nicht geben können.

Angela Merkel ist für ihren Appell, mal wieder zu Blockflötenmusik Weihnachtslieder zu singen, gleichermaßen kritisiert wie lächerlich gemacht worden.

Sternberg: Diese Reaktionen haben mich in der Tat erschrecken lassen. Denn was ist so falsch an ihrem Ansatz? Bevor wir über die Islamisierung Deutschlands lamentieren, sollten wir uns lieber fragen, was noch christlich ist in unserem Land. Und da kann das gemeinsame Singen von Weihnachtsliedern durchaus Traditionen bewusst machen.

Womöglich wollen sich aber viele gar nicht mehr auf das Christentum berufen.

Sternberg: Zumindest erscheint das Ganze vielen offenbar fremd. Bleibt aber die Frage, was das eigentliche Weihnachten von dem Weihnachten in den Geschäften und Märkten, von Jingle-Bells-Gedudel und Glitzerkultur unterscheidet. Die Gläubigen müssen mithelfen, wieder ein Bewusstsein für das zu schaffen, worum es bei religiösen Festen wirklich geht.

Viel Arbeit für Katholiken und Protestanten. Sie haben beide Konfessionen jüngst zu mehr gemeinsamen Engagement aufgerufen. Was vermissen Sie?

Sternberg: Wir leben alle in der Gefahr, zu sehr auf uns zu schauen. Da übersieht man gelegentlich, wie die Welt eigentlich tickt. Der Katholikentag in diesem Jahr in Leipzig hat das deutlich gezeigt. 4,3 Prozent der Bevölkerung dort sind Katholiken, 20 Prozent sind getauft, 80 Prozent aber sagen von sich: »Ich bin normal, ich glaube nichts, mir fehlt nichts.« Wie der große Theologe Karl Rahner gesagt hat: »Sie haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben.« Da stellt sich schon die Frage: Wie gehen wir in einer solchen Umwelt als Christen hin und sagen, was für uns lebenswichtig ist. Das geht nicht mit abgehobenen Theologiedebatten, sondern nur, indem wir unseren Glauben leben und, so wie wir können, in gewisser Weise Vorbild sind. Der Anspruch muss sein: »Lebe so, dass man dich fragt!«

Papst Franziskus

Dafür dürfte ja Papst Franziskus der beste Helfer sein, den man sich wünschen kann. Er genießt als Person großes Ansehen und löst bei vielen sogar Begeisterung aus. Die katholische Kirche in Deutschland profitiert kaum davon. Warum?

Sternberg: Ich weiß nicht, ob die Kirche auch bei uns nicht doch von ihm profitiert. Wir haben in jedem Fall einen ganz wunderbaren Papst, über den viele zu Recht so begeistert sind. Er macht uns deutlich, dass die dienende Kirche unser Leitbild sein muss und dass wir Freude an unserem Glauben haben können. Diesen Papst hat uns der Himmel geschickt.

Sie haben jüngst gesagt, »christliches Zeugnis legt man nicht durch Provozieren ab«. Ist es eine Provokation, für seinen Glauben einzustehen?

Sternberg: Sicher nicht, und viele Menschen stehen aktiv für ihren Glauben ein. Offenkundig haben aber viele Menschen die Sorge, dass Christentum mache sich zu klein, insbesondere gegenüber »dem Islam«, den es so gar nicht gibt. Dabei sprechen allein schon die Zahlen eine andere Sprache: In Deutschland gehören mehr als 60 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Kirche an und fünf Prozent sind muslimischen Glaubens. Füllen wir also die Kirchen, anstatt über volle Moscheen zu jammern. Erinnern wir uns unseres Glaubens, lernen wir ihn vielleicht auch wieder neu. Wenn wir das tun, dann müssen wir nicht darüber erschrecken, dass auch andere Menschen ihren Glauben haben. Deshalb wehre ich mich dagegen, dass diffuse Ängste geschürt werden und trotz noch fehlender Informationen jede Meldung sofort scharf gemacht wird.

Keine Scharfmacherei ist die Tatsache, dass Christen die weltweit am stärksten verfolgte Religionsgemeinschaft sind.

Sternberg: Das stimmt und es ist ein schlimmes Alarmzeichen, das uns zutiefst besorgen muss. Die Lage für Christen beispielsweise im Nahen Osten, in Syrien, im Irak und im Sudan ist dramatisch. Hier ist unsere Solidarität gefragt! In der Heimat des Christentums sind sich Christen ihres Lebens nicht mehr sicher. Da sind wir aufgerufen, etwas zu tun: Wir kämpfen für das Existenzrecht unserer Glaubensgeschwister weltweit. Aber das heißt nicht, dass wir bei Menschen, die vor Mord und Totschlag zu uns geflohen sind und hier unsere Hilfe benötigen, erst einmal fragen, wer ist Christ, wer Moslem oder wessen Glauben sonst.

Kraft des Gebetes

Die Welt scheint zum Ende des Jahres 2016 mehr und mehr aus den Fugen geraten zu sein. Hilft nur noch beten?

Sternberg: Man sollte die Kraft des Gebetes jedenfalls nicht kleinreden. Eines bewirkt das Gebet ganz sicher: Es bringt eine Selbstbesinnung desjenigen, der betet, und eine Bekräftigung, dass das Leben nicht ausschließlich in der eigenen Hand steht. Wir vertrauen darauf, dass Gott unsere Gebete »hört«.

Braucht die Welt den Blick in den Abgrund, um sich auf das Wesentliche zu besinnen?

Sternberg: Selbst nach einem Krisenjahr wie 2016 wäre es zynisch, wenn man das behaupten würde. Aber umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wenn man in den Abgrund blickt, besinnt man sich auf das Wesentliche. Vielleicht bietet Weihnachten Gelegenheit zu solcher Besinnung.

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