Blitzmarathon: Befürworter und Gegner sehen sich von wissenschaftlicher Studie bestätigt Wirkt, wirkt nicht, wirkt ...

Düsseldorf (WB). Landesinnenminister Ralf Jäger (SPD) hat am Dienstag eine Studie vorgestellt, die seiner Meinung nach die Wirksamkeit der Blitzmarathons belegt. Die Opposition liest das Gegenteil aus der Untersuchung heraus.

Von Christian Althoff
Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) blickt durch ein Geschwindigkeitsmessgerät.
Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) blickt durch ein Geschwindigkeitsmessgerät. Foto: dpa

Blitzmarathons sind eine nordrhein-westfälische Erfindung. 2012 schickte Jäger zum ersten Mal tausende von Polizisten los, die 24 Stunden lang Jagd auf Raser machten. 456 000 Fahrer wurde überprüft, 17 200 waren zu schnell – das sind 3,8 Prozent.

Schon damals bezweifelten Kritiker, vereinzelt auch aus der Polizei, dass das Ergebnis den immensen Personalaufwand rechtfertigt. Aber Jäger hielt am Blitzmarathon fest, andere Bundesländer zogen nach, und später gab es sogar bundesweite Blitzaktionen.

Im Durchschnitt 2 Kilometer pro Stunde langsamer

Ein wissenschaftliche Untersuchung zum Nutzen fehlte. Die hat nun das vom Innenministerium beauftragte Institut für Straßenwesen der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen vorgelegt. Die Wissenschaftler maßen im Frühjahr im Raum Köln an 25 Stellen das Tempo von Autos, und zwar in den zwei Wochen vor dem Blitzmarathon, während des Marathons und in den drei Wochen danach. Die wesentlichen Ergebnisse:

  • - An 20 der 25 Stellen gab es am Tag des Blitzmarathons »einen Effekt«. 
  • - Die durchschnittliche Geschwindigkeit wich am Tag des Blitzmarathons erkennbar von der an den Tagen davor und danach ab, »überwiegend nach unten«.
  • - An 15 der 25 Stellen wurde in den ersten zwei Wochen nach dem Blitzmarathon langsamer gefahren – allerdings nur an Werktagen, und im Durchschnitt auch nur um zwei Kilometer pro Stunde.

Zwei bis drei Kilometer pro Stunde langsamer – das bedeutet nach Jägers Worten »15 Prozent weniger Verkehrsunfälle mit Toten und Verletzten«. Diese Zahl steht allerdings nicht in der Untersuchung.

Theo Kruse aus Olpe, innenpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, entgegnete, die nordrhein-westfälische Verkehrsunfallstatistik spreche nicht für einen dauerhaften Nutzen der Blitzmarathons. »Im Gegenteil.« 2014 sei die Zahl der Verkehrstoten in NRW trotz mehrerer Blitzmarathons zum ersten Mal seit 2011 gestiegen. Kruse: »Auf unseren Straßen starben 520 Menschen. Das sind 43 mehr als 2013.« Im Vergleich zu 2013 seien sogar 21 Menschen mehr durch die Unfallursache »zu schnelles Fahren« gestorben.

Nächster Blitzmarathon im Frühjahr 2016

Marc Lürbke aus Paderborn, innenpolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, bezeichnete die Blitzaktion als »PR-Gag des Ministers«. Wenn ein Blitzmarathon ganze zwei Wochen wirke, frage er sich, was in den restlichen 50 Wochen des Jahres passieren solle, sagte Lürbke. Um Raser aus dem Verkehr zu ziehen, seien unangekündigte, weniger medienwirksame Blitzaktionen nötig.

Im Frühjahr soll der nächste Blitzmarathon in NRW stattfinden. Nach WESTFALEN-BLATT-Informationen hat Jäger der überlasteten Polizei allerdings zugesagt, dass die Aktion dann nur noch vom Verkehrsdienst der Polizei durchgeführt werden soll – und keine Einsatzhundertschaften und andere Kräfte mehr helfen müssen.

Lesen Sie zu diesem Thema auch unseren Kommentar.

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