Ein Jahr im Amt: Trainer Steffen Baumgart formt aus einem Absteiger den Tabellenführer Paderborns Glücksbringer

Paderborn (WB). Am Montag ist Steffen Baumgart ein Jahr Trainer beim SC Paderborn. Der 46-Jährige wurde am Ostersonntag 2017 vorgestellt und erlebte nur vier Wochen später in Osnabrück seine bitterste Stunde: Mit dem 0:0 stieg der SCP sportlich ab. Am Samstag (14 Uhr) kehrt der Drittligist zum ersten Mal dorthin zurück. Im Gespräch mit Peter Klute und Matthias Reichstein blickt Baumgart auf die zwölf Monate zurück und äußert sich zu einigen, auf den Trainer bezogenen Thesen.

Steffen Baumgart ist seit einem Jahr der Glücksbringer vom SCP.
Steffen Baumgart ist seit einem Jahr der Glücksbringer vom SCP. Foto: Besim Mazhiqi

Das 0:0 beim VfL Osnabrück vor einem Jahr war die schlimmste Niederlage.

»Ja, das ist so. Über den Abstieg brauchen wir nach 38 Spieltagen nicht mehr zu

Eigentlich war der SC Paderborn schon abgestiegen. Foto: Oliver Schwabe

reden, der ging sportlich in Ordnung. Aber diese Häme und diesen Sarkasmus im Stadion hatte ich in der Form vorher noch nie erlebt. Das tat sehr weh, das werde ich nie vergessen und das war für mich auch ein sehr einschneidendes Erlebnis.«

Das schönste Ostergeschenk 2017 kam aus Paderborn.

»Um den Geburtstag meiner Frau Katja am 18. April passieren uns familiär immer schöne Sachen. Wir haben da zum Beispiel den Zuschlag für unser Haus bekommen. Vor einem Jahr kam der Anruf von Markus Krösche. Paderborn war in der bekannt schwierigen Situation und ich habe relativ lange überlegt. Es hätte sicher keinen gegeben, der sofort gesagt hätte: Ich schnappe mir das Fahrrad und fahre los. Am Ende war meine Frau ausschlaggebend.  Als ich noch gegrübelt habe, meinte sie: Entweder du räumst zuhause weiter die Spülmaschine ein oder du bewegst dich und machst das.«

Die Kaffeestäbchen während des Spiels sind der beste Schutz vor einem Herzinfarkt.

»Nein, aber sie beruhigen mich. Ich knabbere nicht an den Fingernägeln, sondern kaue auf den Stäbchen. Die Dinger helfen mir. Aber wenn sie nerven, lasse ich sie auch mal weg.«

Sebastian Schonlau ist die Überraschung der Saison.

»Mich freut, welches Potenzial Basti hat. Er ist immer da, immer präsent und sorgt so für eine unglaubliche Stabilität im Team. Basti steht für die Entwicklung, die die gesamte Mannschaft gemacht hat.«

Der Verkauf von Dennis Srbeny hat viele schlaflose Nächte bereitet.

»Nein, hat er nicht. Wir können in der finanziellen Situation, in der der SC Paderborn

Dennis Srbeny verließ den SCP in Richtung England. Foto: Besim Mazhiqi

steckt, kein Geld verschenken. Am Ende haben wir die Entscheidung alle gemeinsam getroffen und wussten um das Risiko. Das ist der Verkauf auch immer noch.«

Die Zeiten, in denen der Kapitän die rechte Hand des Trainers auf dem Feld ist, sind längst vorbei.

»Ich habe noch keinen Oberhäuptling im Kader. Torhüter Michael Ratajczak ist zum Beispiel kein Kapitän und bei uns auch nicht die Nummer 1, aber sein Einfluss ist riesig. Er verkörpert das Professionelle wie kein Zweiter. Bei uns führt auch kein Einzelner das Team. Die Verantwortung liegt auf vielen Schultern, das zeichnet die Mannschaft aus. Oft haben aber die, die am wenigsten spielen, den größten Einfluss.«

Leopold Zingerle Nummer eins, Michael Ratajczak Nummer zwei – das war die Leopold Zingerle ist die Nummer eins im Tor. Foto: Besim Mazhiqi schwierigste Personalentscheidung.

»Zu dem Zeitpunkt ja. Wenn mich einer fragt, ob wir einen Torwart für die 2. Liga haben, würde ich sagen: Ja, haben wir. Nur ob es Leo ist, weiß ich nicht. Rata hat eine ganz andere Ausstrahlung und Ruhe. Bei Leo werden wir noch sehen, ob er sich behauptet.«

Die vielen Komplimente nach dem 0:6 im Pokal gegen die Bayern haben genervt.

»Ja, weil niemand den Arsch vollbekommen und 0:6 verlieren will. Deshalb brauchte

Im DFB-Pokal gab es ein 0:6 gegen die Bayern. Foto: Oliver Schwabe

ich diese Komplimente nicht. Wir sind auch nicht an unserer Leistung gescheitert, sondern an der überragenden Klasse der Bayern. Jeder andere Bundesligist hätte an dem Tag in Paderborn Probleme gehabt. Wir hatten zumindest den Mut, unser Spiel durchzuziehen.«

Aus der 0:1-Heimpleite gegen Schlusslicht RW Erfurt haben wir am meisten gelernt.

»Diese Niederlage tut auf jeden Fall am meisten weh. Wir haben nicht verloren, weil wir schlecht gespielt haben. Wir wurden selbst hektisch, unruhig und haben uns treiben lassen. Der Gewinn aus diesem Spiel ist, dass uns so etwas nicht noch einmal passiert ist. Heute würden wir das Ding mit 0:0 runterspielen und nicht alle drei Punkte und noch zwei Spieler verlieren.«

Mit dem 3:2-Sieg in Rostock ging nach fünf sieglosen Punktspielen der Gegen Rostock gab es einen wichtigen Sieg. Foto: Michael Täger entscheidende Ruck durch die Mannschaft.

»Egal, was passiert, unsere Mannschaft muss immer bei sich bleiben und versuchen, ihr Ding durchzuziehen. Dann erzwingt man auch wieder das Glück. Diese Erkenntnis war noch wichtiger.«

Ohne Manager Markus Krösche und Trainer Steffen Baumgart wäre der SC Paderborn jetzt nicht Tabellenführer der 3. Liga.

»Markus hat den größten Anteil. Eine Mannschaft ist wie ein Puzzle mit vielen Teilen. Bei uns passt im Moment sehr viel zusammen, das ist sein Verdienst. Da macht er, in Verbindung mit dem Trainerteam und den Spielern, einen sehr guten Job.«

Zu überziehen und von der Mannschaft oft zu viel zu wollen – das ist ein großer Fehler.

»Nein, das ist kein Fehler. Es gibt Momente, da habe ich im Nachhinein vielleicht zu viel verlangt. Ich kreide mir zum Beispiel das 0:1 gegen Erfurt an. Wenn ich da als Trainer eher Ruhe reinbekomme, verlieren wir nicht. In Großaspach hatte ich nicht meine beste Pausenansprache. Aber es kann kein Fehler sein, wenn man von den Jungs viel verlangt. Und Fakt ist auch: Ein Trainer macht bei einem Sieg nicht alles richtig und bei einer Niederlage nicht alles falsch. Eine gute Balance ist wichtig.«

Wer seit dem Spieltag vier auf einem Aufstiegsplatz steht, für den wäre Platz vier am Saisonende eine Riesenenttäuschung.

»Wer oben steht, möchte auch oben bleiben. Ich möchte darüber aber im Moment nicht reden. Darüber mache ich mir erst Gedanken, wenn es soweit ist. Aber klar, wenn es am Ende nicht reichen würde, wäre die Enttäuschung groß.«

Die Paderborner Anhänger vergessen zu schnell, wo wir herkommen. Das sorgt für den meisten Ärger.

»In Paderborn gibt es kein Grau, hier gibt es nur Schwarz oder Weiß. Aber es gibt jetzt

Sven Michel war lange Zeit torlos. Foto: Besim Mazhiqi

keinen Grund, sich darüber zu ärgern. Das Problem ist, dass man in der Arena nur die Nöler hört, aber nicht die zufriedenen Fans. Die Fans, die sich über unsere Erfolge freuen und stolz auf die Mannschaft sind, sind deutlich in der Überzahl. Die Großmäuler, die alles schlecht machen, sind immer die lautesten. Aber die haben auch meistens die wenigste Ahnung. Ich habe nie Siege versprochen. Ich habe aber versprochen, dass meine Jungs immer an ihre Grenze gehen. Das tun sie.«

Das Ziel von Trainer Steffen Baumgart ist ein Cheftrainerposten in der 1. Liga.

»Nein, mein Ziel ist es immer Trainer zu sein. Ich möchte so lange wie möglich erfolgreich arbeiten, alles andere kommt von alleine. Ich bin gerne in Paderborn, habe gute Bedingungen und ein tolles Team – deshalb mache ich mir aktuell auch nur um den SC Paderborn meine Gedanken.«

Video-Assistent statt Schiedsrichter – diese Entwicklung macht die größten Sorgen.

»Ja. Einen Video-Assistenten kann ich nicht anbrüllen, das macht keinen Spaß. Grundsätzlich finde ich den Videobeweis gut, weil so klare Fehlentscheidungen zurückgenommen werden können. Bei Tatsachenentscheidungen finde ich ihn schwachsinnig. Lächerlich wird es, wenn Abseitsentscheidungen zurückgenommen werden, bei denen wir über einen Unterschied von fünf Zentimetern reden. Für die Zukunft wäre auch wichtig, dass die Zuschauer im Stadion wissen, was entschieden wird.«

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