Kapitän Christian Strohdiek über den SC Paderborn »Wir standen vor dem Nichts«

Paderborn (WB). Für Christian Strohdiek vom SC Paderborn steht im Drittliga-Schlussspurt besonders viel auf dem Spiel: Der Vertrag des 30 Jahre alten Kapitäns verlängert sich nur bei Aufstieg. Matthias Reichstein sprach mit ihm vor dem Heimspiel am Samstag (14 Uhr) gegen Carl Zeiss Jena.

Vom Fast-Abstieg zum Fast-Aufstieg: Paderborns Kapitän Christian Strohdiek hat elf unglaubliche Monate hinter sich.
Vom Fast-Abstieg zum Fast-Aufstieg: Paderborns Kapitän Christian Strohdiek hat elf unglaubliche Monate hinter sich. Foto: Besim Mazhiqi

Herr Strohdiek, im Hinspiel gab es gegen Jena die zweite Saisonniederlage, eingeleitet vom Kapitän. Wie bitter war das?

Strohdiek: Das war eines unserer mit Abstand schlechtesten Saisonspiele. Mit der Leistung haben wir einen allerdings an diesem Tag auch guten Gastgeber brav in die Karten gespielt. Das fing schon mit meinem Eigentor an: Eine scharfe Flanke von außen mit einem Flugkopfball ins eigene Netz zu versenken – so etwas schaffe ich auch nicht alle Tage.

Die schärfsten Konkurrenten nehmen sich an den kommenden beiden Spieltagen die Punkte gegenseitig weg. Die Chance ist riesig, den Vorsprung entscheidend auszubauen.

Strohdiek: Natürlich. Aber was sollen wir jetzt rumrechnen. Wir müssen optimal punkten, dann erledigt sich der Rest von selbst. Außerdem treffen wir auch noch auf Karlsruhe und Wehen Wiesbaden. Einfacher ist unser Restprogramm deshalb nicht.

Vom Fast-Regionalligisten zum Fast-Zweitligisten innerhalb von elf Monaten – welche Erklärungen dafür gibt es?

Strohdiek: Wir haben Erfolg, weil wir als Mannschaft mit viel Selbstvertrauen auftreten und weil wir einen Offensiv-Fußball spielen, der in der 3. Liga beispiellos ist. Dazu kommt unsere Stabilität in der Defensive. Nur sechs Gegentore in der gesamten Rückrunde sind bei unserem Angriffsfußball unglaublich gut.

Das ist alles ein Verdienst des Trainers?

Strohdiek: Dazu gehören alle. Manager, Trainer, Spieler und auch die Mitarbeiter im Verein. Einzelne leben diesen Teamspirit vor, der Rest zieht mit. Insgesamt wurde an vielen Stellschrauben gedreht, bis beim SCP wieder ein Zahnrad in das andere passte. Diesen Erfolg jetzt nur an einzelnen Personen festzumachen, wäre aus meiner Sicht ungerecht.

Welche Sonderrolle genießt der Kapitän Strohdiek?

Strohdiek: Ich gehöre mit meinen 30 Jahren schon zu den erfahrensten Spielern in unserer jungen Mannschaft. Deshalb würden die Jungs auch auf mich blicken, wenn ich nicht der Spielführer wäre. Meine Aufgabe ist es, bei Fragen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und im Training auch dann ein Vorbild zu sein, wenn es mal persönlich nicht so läuft. Aber noch mal ganz deutlich: Wer bei uns die Kapitänsbinde trägt, ist zweitrangig.

Im Winter befürchteten nicht wenige, der SCP würde mit Dennis Srbeny den Aufstieg verkaufen. Wie war die Reaktion der Mannschaft?

Strohdiek: Das war ein ganz schwieriges Thema. Natürlich hat es uns für Dennis gefreut, denn ein Angebot von Norwich City gibt es für Drittligaspieler nicht so oft. Sportlich sahen wir auch die Schwächung des Kaders. Nach einem Gespräch mit unseren Manager Markus Krösche waren wir uns aber sehr schnell sicher, dass wir diesen Abgang als Mannschaft auffangen werden.

Sie waren beim Zweitliga-Aufstieg 2009 dabei, ebenso beim Erstligaaufstieg 2014. Sehen Sie Parallelen?

Strohdiek: Jede Mannschaft schreibt ihre eigene Aufstiegsgeschichte. Herausragend ist diesmal unsere Kameradschaft im Team. Da hängt sich wirklich ausnahmslos jeder voll rein. Bei Fehlern zeigt keiner auf den anderen, jeder versucht zu helfen.

Was zeichnet Trainer Steffen Baumgart aus?

Strohdiek: Er ist ein ehrlicher Arbeiter, der jeden Tag bis in die Haarspitzen motiviert ist. Er ist kein Trainer, der etwas sagt, weil er es sagen muss. Er ist vielmehr ein Trainer-Typ, der immer zu dem steht, was er sagt. Er ist absolut authentisch.

Wenn man von Spieltag vier an nie schlechter als Tabellenzweiter war, wie enttäuschend wäre dann am Ende der Saison Platz vier?

Strohdiek: Darüber denkt niemand in der Mannschaft nach. Wir blicken die ganze Saison nur nach vorn, wenn wir jetzt Zweifel oder Angst bekommen würden, wäre in unserer Denkweise etwas grundlegend falsch. Das würde uns nur ausbremsen.

Sie haben dem SCP nach dem Erstliga-Abstieg 2015 für zwölf Monate den Rücken gekehrt und sind zu Fortuna Düsseldorf gewechselt. War das im Rückblick ein Fehler?

Strohdiek: Sportlich hat mich der Wechsel überhaupt nicht weitergebracht. Aber ich habe den Schritt trotzdem nie bereut. Ich habe einen anderen Verein, andere Spieler und eine andere Stadt kennengelernt. Deshalb hat mich auch diese Station als Mensch doch weitergebracht. Wobei meine Rückkehr nach Paderborn von mir schon sehr bewusst so gewählt worden ist. Es ist für mich immer noch eine große Ehre, diese Farben zu tragen.

Zum Schluss dürfen Sie noch einen Mitspieler besonders loben: Wer ist die Überraschung dieser Saison?

Strohdiek: Die Überraschung ist die Entwicklung des gesamten Vereins. Wir standen vor elf Monaten vor dem Nichts. Niemand wusste, wie es weitergeht. Da ist es schon sehr beeindruckend, was aus der Ruine entstanden ist.

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